Sizilien: Wassertornado versenkt Milliardärs-Yacht, Suche läuft weiter

Italien, Porticello: Auch am zweiten Tag suchen Rettungskräfte nach Überlebenden des Yacht-Unglücks.
Salvatore Cavalli/AP/dpaIn der Nacht zum Montag sinkt vor Sizilien eine Yacht, an Bord britische Tech-Unternehmer Mike Lynch. Kurz nach seinem völlig überraschenden Freispruch in einem Betrugsprozess in den USA wird dieser nun wie weitere Menschen vermisst.
Wassertornado versenkt Yacht vor Sizilien: Was ist passiert?
Lynch wollte offenbar seinen Prozesserfolg auf der Jacht feiern, wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet. Er lud Freunde und Unterstützer auf die „Bayesian“ ein. Aber was als Party auf der Luxusjacht vor der malerischen Küste Siziliens begann, endete dramatisch.
Das gewaltige Schiff lag in der Nacht zum Montag eine halbe Seemeile vor dem Hafen von Porticello vor Anker. Am frühen Morgen wurde die Nordküste Siziliens von einem schweren Unwetter mit starkem Wind heimgesucht. Ein sogenannter Wassertornado erfasste das Schiff. Bei diesem Wetterphänomen entstehen starke Bodenwirbel. Als die Wasserhose das Schiff erfasste, brach der 75 Meter hohe Mast.
Es ist unklar, wieso das Schiff bei den schwierigen Wetterverhältnissen eine halbe Seemeile vor der Küste vor Anker lag. „Wir haben es nicht kommen sehen“, zitiert die Zeitung „La Repubblica“ den Kapitän der „Bayesian“. Er wird ebenfalls im Krankenhaus behandelt.
Ersten Erkenntnissen der Behörde kenterte das Schiff unmittelbar danach. Offenkundig so schnell, dass sich nicht alle Passagiere aus ihren Kabinen im Unterdeck befreien konnte. Der deutsche Kapitän eines Schiffs in der Nähe, das den Überlebenden zu Hilfe kam und sie an Bord nahm, schilderte italienischen Medien das Unglück: „Zuerst kippte das Boot auf die Seite, und innerhalb weniger Minuten war es gesunken. Es ging alles sehr schnell."
Taucher setzten Suche fort
Taucher suchen in rund 50 Metern Tiefe auch nach seiner 18-jährigen Tochter Hannah sowie nach vier weiteren Menschen, zwei Ehepaaren. Doch die Suche gestaltet sich schwierig. Den vom italienischen Festland beorderten Spezialtauchern gelang es laut Feuerwehr zwar, in das Innere des Wracks vorzudringen und einige Räume unterhalb der Kommandobrücke zu untersuchen. Zahlreiche Hindernisse versperren ihnen jedoch den Weg, auch die Enge stellt sie vor Schwierigkeiten.
Ein erster Tauchgang der am Montagabend aus Rom und Sardinien eingetroffenen Spezialisten verlief nach Angaben der Feuerwehr ergebnislos, weil Möbelstücke den Zugang zum Inneren der Jacht versperrten. Wegen der Tiefe, in der das gesunkene Schiff liegt, ist jeder Tauchgang auf zwölf Minuten begrenzt, wie Feuerwehrsprecher Luca Cari berichtete. Zwei Minuten davon sind für das Auf- und Abtauchen vorgesehen.
„Aufgrund der verstrichenen Zeit und der Umstände des Ereignisses ist es natürlich schwierig, sich vorzustellen, dass sich die Dinge zum Besten wenden. Aber wir geben natürlich nicht auf“, sagte Vincenzo Zagarola von der Küstenwache im italienischen Radio.

Italien, Palermo: Rettungsteams und Taucher setzen dort am Ort einer im Sturm gesunkenen Superyacht die Suche nach sechs Menschen um einen britischen Tech-Unternehmer fort.
Alberto Lo Bianco/LaPresse/ZUMA Press/dpaMutter rettet Baby vor ertrinken
Überlebende berichten von dramatischen Szenen. „Im Wasser konnte ich meine Augen nicht offen halten. Ich rief um Hilfe, aber ich hörte nur die Schreie der anderen“, erzählt eine Neuseeländerin namens Charlotte. Sie arbeitet für eine Kanzlei, die Lynch im Prozess vertreten hatte. Mit ihr an Bord war ihre einjährige Tochter: „Ich hielt sie mit all meiner Kraft über Wasser, streckte meine Arme nach oben, damit sie nicht ertrank."
Der britische Botschafter in Italien, Ed Llewellyn, traf sich mit Überlebenden. Man tue alles, um sie in dieser „unglaublich traurigen und schwierigen Situation zu unterstützen und ihnen mit Kontakten zu den italienischen Behörden auf praktischer Ebene zu helfen“, sagt er.
Lynch wurde in den USA freigesprochen
Lynch wird von Boulevardmedien in seiner Heimat als „britischer Bill Gates“ bezeichnet. Er ist Mitgründer der Softwarefirma Autonomy, die 2011 für elf Milliarden US-Dollar (aktuell 9,94 Mrd Euro) an den US-Konzern Hewlett Packard verkauft wurde. Um diesen Deal drehte sich der Prozess in San Francisco.
Der Autonomy-Kauf gilt als eines der schlimmsten Übernahme-Debakel im Silicon Valley. Lynch und der frühere Finanz-Manager Steve Chamberlain - der ausgerechnet wenige Tage vor dem Schiffsunglück beim Joggen tödlich von einem Auto erfasst wurde - sollen Hewlett-Packard über den finanziellen Zustand des Unternehmens getäuscht haben. Doch die Geschworenen sahen es anders - und entschieden überraschend auf Freispruch.
Wer war alles an Bord der "Bayesian"?
Lynch wollte offenbar seinen Prozesserfolg auf der Jacht feiern. Er lud Freunde und Unterstützer auf die „Bayesian“ ein. An Bord waren nach AFP-Angaben 22 Menschen - zehn Besatzungsmitglieder und zwölf Passagiere.
Neben Lynch und seiner Tochter Hannah, die laut der „Times“ gerade ihren Schulabschluss gemacht und im Herbst an der Universität Oxford ein Studium beginnen wollte, sind auch der 70-jährige Jonathan Bloomer und seine Frau Judy sind unter den Vermissten. Bloomer war Manager beim Finanzinstitut Morgan Stanley International und dem Versicherungsunternehmen Hiscox.
Der US-Anwalt Chris Morvillo wird ebenso wie seine Frau Neda vermisst. Morvillo arbeitete für die Kanzlei Clifford Chance, die Lynch in dem Betrugsprozess vertreten hatte.
Stunden nach dem Unglück wurde ein Toter aus dem Meer geborgen. Nach Behördenangaben handelte es sich um den Koch der Jacht; Medien gaben seinen Namen mit Ricardo oder Recaldo Thomas an.
15 Menschen konnten sich nach dem Unglück in eine aufblasbare Rettungsinsel retten. Unter ihnen ist Lynchs 57 Jahre alte Ehefrau Angela Bacaras, Hannahs Mutter.
Die 35-jährige Charlotte Golunski arbeitete für Lynchs Investmentfirma Invoke Capital und war mit ihrem Lebensgefährten James Emslie und ihrer ein Jahr alten Tochter an Bord. Medien schilderte sie, wie sie ihr Baby verzweifelt über ihren Kopf hielt, um die Kleine vorm Ertrinken zu retten. Die dreiköpfige Familie schaffte es schließlich gemeinsam mit elf weiteren Überlebenden in die Rettungsinsel.
Auch die 36-jährige Anwältin Ayla Ronald vom Londoner Büro der Kanzlei Clifford Chance und ihr Freund Matthew Fletcher überlebten. Medienberichten zufolge gehören zudem der 51-jährige James Caulfield aus Neuseeland, der Franzose Matthew Griffith und die Irin Sasha Murray zu den Geretteten.
Die Besatzungsmitglieder der Jacht stammten Berichten zufolge unter anderem aus Sri Lanka und Myanmar.