Rettung vor 100 Jahren
: Das ist die wahre Geschichte der Disney-Hunde Balto und Togo

In einer Kleinstadt in Alaska bricht vor 100 Jahren Diphtherie aus. Mehrere Kinder sterben an der gefährlichen Krankheit – dann kommt es zu einer spektakulären Rettungsaktion.
Von
Moritz Clauß
Nome
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Leonhard Seppala mit seinen Hunden. Von links nach rechts: Togo, Karinsky, Jafet, Pete, Zeus, Fritz.

Togo (links) war einer der Leithunde des „Serum Run“ nach Nome. 2019 erschien der nach ihm benannte Disney-Film.

Carrie McLain Museum/AlaskaStock/Public Domain
  • 1925 bricht in Nome, Alaska, eine Diphtherie-Epidemie aus; mehrere Kinder sterben.
  • Dr. Curtis Welch benötigt dringend Diphtherie-Antitoxin; es startet ein Hundeschlitten-Transport.
  • 150 Hunde das benötigte Serum über Schnee und Eis.
  • Erste Lieferung stoppt Ausbreitung der Epidemie.
  • Die Leithunde Balto und Togo werden berühmt, Disney verfilmt ihre Geschichten.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Die Winter in Nome sind kalt. Eiskalt. Das US-Städtchen liegt abgelegen in Alaska, im Norden der USA – und es ist bekannt für eine Geschichte, die so dramatisch ist, dass der Medienkonzern Disney ihr später nicht einen, sondern gleich zwei Filme gewidmet hat. Im Januar 1925 diagnostiziert der Arzt Dr. Curtis Welch in Nome bei einigen Kindern Diphtherie, in kurzer Zeit sterben mehrere Jungen und Mädchen am sogenannten Würgeengel der Kinder. Welch will eine Epidemie verhindern – aber dafür hat er viel zu wenig Medizin. Der Arzt telegrafiert an mehrere offizielle Stellen: „Eine Diphtherie-Epidemie ist fast unvermeidlich“, heißt es in der Nachricht. „Ich brauche dringend eine Million Dosen Diphtherie-Antitoxin.“

Bei gutem Wetter kann man Nome damals mit dem Schiff oder Flugzeug erreichen, doch im eisigen Januar 1925 gibt es nur eine Verbindung zur Außenwelt. Sie führt über Schnee und Eis, quer durch die Wildnis Alaskas – mit Hundeschlitten. Schnell entsteht ein Plan: Das Antitoxin soll vom nächstgelegenen Bahnhof nach Nome transportiert werden. Dieser Bahnhof liegt in Nenana – rund 1000 Kilometer entfernt.

Am 27. Januar 1925 bricht der Hundeschlittenführer William „Wild Bill“ Shannon dort mit dem Serum auf. Shannons Gespann startet bei Temperaturen von -52 Grad Celsius, mindestens drei seiner Hunde sterben in der Kälte. Mit ihrem Herrchen bilden sie den Beginn einer Kette aus Hundeschlitten-Gespannen, die das Antitoxin so schnell wie möglich durch die Wildnis transportieren sollen. Insgesamt sind rund 150 Hunde an der Transportaktion beteiligt.

Mit dem Schlitten im Eisnebel – die Hunde finden den Weg

Shannon erleidet auf seinem Streckenabschnitt mehrere Erfrierungen im Gesicht. Andere Hundeschlittenführer, die meisten davon stammen aus indigenen Stämmen, kämpfen ebenfalls mit den lebensgefährlichen Bedingungen. Der Musher Charlie Evans fährt mit seinem Schlitten durch Eisnebel, in dem er teilweise nicht einmal seine Hunde sehen kann – die Tiere finden alleine den Weg zum nächsten Übergabepunkt. Ein weiterer Musher riskiert Erfrierungen an den Händen, als er anhält, um seinen Hunden in der Kälte Kaninchenfelle um die Hüften zu binden. Nachlesen kann man all das im Buch „Nordwestwärts nach Nome“, das die Cousinen Gay und Laney Salisbury geschrieben haben. Sie sehen im „Serum Run“ von 1925 die „großartigste Hundegeschichte aller Zeiten“.

Während die Menschen in Nome auf das Antitoxin warten, setzt die kleine Stadt auf Regelungen, die Milliarden Menschen fast 100 Jahre später in der Corona-Pandemie kennenlernen: Quarantäne und Isolation sollen verhindern, dass sich die Diphtherie schnell ausbreitet. „Die Schulen in Nome sind geschlossen, bis die Epidemie unter Kontrolle ist“, berichtet die Zeitung „Seward Daily Gateway“. Aufhalten lässt sich die Krankheitswelle dadurch nicht.

56474359 - Eine Bronzestatue des Hundes Balto steht am 05.03.2015 im Central Park in New York. Die Statue wurde errichtet, nachdem der Hund seinen Schlitten 1925 mit einer Ladung lebensrettenden Serums in den Ort Nome in Alaska geführt hatte. Im Andenken an diesen Lauf wird jedes Jahr in Alaska das Iditarod veranstaltet, das härteste Hundeschlittenrennen der Welt. Das diesjährige Rennen beginnt am 07.03.2015 in Anchorage. Foto: Chris Melzer/dpa (zu dpa:"Härtestes Hundeschlittenrennen der Welt startet in Alaska" vom 06.03.2015) ++ +++ dpa-Bildfunk +++

Die Bronzestatue des Hundes Balto im Central Park in New York. Er war einer von rund 150 Hunden, die das rettende Serum im Jahr 1925 quer durch Alaska transportierten.

Chris Melzer/dpa

Balto und Togo – die bekanntesten Leithunde

Unterdessen bricht in Nome der Hundeschlittenführer Leonhard Seppala auf, um dem Serum-Transport entgegenzufahren. Der Norweger gilt als besonders erfahren, er hat mit seinen Tieren zahlreiche Wettbewerbe gewonnen und Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt. Für den National Park Service in den USA gelten Seppala und sein Hundeteam heute als diejenigen, die „den längsten und schwierigsten“ Teil der Strecke zwischen Nome und Nenana zurückgelegt haben.

Der Norweger übernimmt das Antitoxin und fährt einen Teil der Route zurück. Sein Leithund ist der sibirische Husky Togo. Er führt das Gespann im Januar 1925 zweimal über das gefrorene Meer, teils in der Dunkelheit, auf brüchigem Eis. Seppala selbst wird wenige Tage später in einer Zeitung zitiert: Sein Trip mit dem Serum sei weitgehend ereignisarm gewesen – er habe allerdings zwei Hunde verloren, die sich losgerissen hätten, um Rentiere zu verfolgen.

Togo wird nach dem Serum Run berühmt, er steht aber lange im Schatten eines anderen Hundes: Balto. Er ist der Leithund, der das Serum am 2. Februar 1925 mit seinem Musher Gunnar Kaasen nach Nome bringt. Davor übersteht das Gespann einen Schneesturm – Kaasen erleidet nach einem Sturz Erfrierungen an den Händen, weil das Antitoxin im Dunkeln vom Schlitten fällt und er ohne Handschuhe danach suchen muss.

Mit der ersten Lieferung des Antitoxins gelingt es der Stadt, eine weitere große Ausbreitung der Diphtherie zu verhindern. Die offizielle Zahl der Todesfälle schwankt zwischen fünf und sieben, doch der Arzt Dr. Welch vermutet später, dass mindestens 100 Menschen aus indigenen Gruppen der Krankheit zum Opfer gefallen sind.

Viele US-Zeitungen berichten über den Erfolg des Serum Run, aber sie konzentrieren sich vor allem auf Balto und ignorieren die anderen Beteiligten. Im New Yorker Central Park steht bis heute eine Statue des berühmten Leithundes. Darunter heißt es: „Gewidmet dem unbeugsamen Willen der Schlittenhunde, der diese im Winter des Jahres 1925 ein Gegengift sechshundert Meilen über ruppiges Eis, durch tückische Gewässer und arktische Schneestürme von Nenana zur Linderung des geplagten Nome tragen ließ.“

Zwei Filme über zwei Hunde

Disney veröffentlichte im Jahr 1995 den Zeickentrickfilm „Balto“, der sich nur zum Teil an der wahren Geschichte des Serum Run von 1925 orientiert. Unter anderem wird Balto im Film als Halbwolf dargestellt, er war aber ein Alaskan Husky. Der Körper des echten Hundes wurde nach seinem Tod präpariert, er steht heute ausgestopft im Cleveland Museum of Natural History. 2019 erschien mit „Togo“ ein Disney-Film über den Leithund, der lange zu Unrecht in Baltos Schatten stand.