Reichspogromnacht 1938: Bedeutung, Gedenktag & Co. - Das sind alle Infos zur Reichspogromnacht

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten in Deutschland Synagogen und Geschäfte. Jedes Jahr wird bei bundesweiten Veranstaltungen der Reichspogromnacht gedacht.
Julian Stratenschulte/dpaDie Nacht 9. auf den 10. November 1938 markiert einen wichtigen Wendepunkt in der deutschen Geschichte, unter dem viele Juden und Jüdinnen leiden mussten. Sie ist von Gewalt, Zerstörung und Tod geprägt, welche auch als Reichspogromnacht bekannt ist. Worum es dabei eigentlich geht, erläutern wir in folgendem Artikel:
Reichspogromnacht bzw. Reichskristallnacht - Definition und Erklärung
Ein Pogrom ist eine gewalttätige Aktion gegen Menschen, die Angehörige einer Minderheit sind. Laut Duden wird Pogrom als „Ausschreitungen gegen nationale, religiöse oder ethnische Minderheiten“ definiert.
Das reichsweite Pogrom gegen die Juden im Deutschen Reich vom 9. auf den 10. November 1938 wurde in der Vergangenheit verharmlosend „Reichskristallnacht“ genannt. Die Reichskristallnacht bezieht sich auf die im ganzen Land verstreuten Glasscherben vor den Synagogen, Geschäften und Wohnungen jüdischer Bürger. Diese Bezeichnung wird von Forschern fast einstimmig abgelehnt, da die Ausschreitungen viel mehr waren als ein paar gebrochene Scheiben, wie der Begriff „Kristall“ suggeriere.
Der Begriff „Reichspogromnacht“ ist ein relativ neuer Begriff und wurde durchgesetzt, um das verherrlichende und verharmlosende Wort „Reichskristallnacht“ abzulösen. Eine weitere Bezeichnung für jene Nacht ist auch „Novemberpogrom“.
Wann ist der Gedenktag zur Reichspogromnacht 2025?
Am Sonntag, 9. November 2025, findet zum 87. Mal der Gedenktag an die Reichspogromnacht statt.
Der 9. November ist für Deutschland ein Schicksalstag, da mehrere geschichtsträchtige Ereignisse an diesem Datum stattfanden. Dazu gehört die Reichspogromnacht, aber auch Jahrzehnte später der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989.
Was war der Auslöser für die Reichspogromnacht?
Das Attentat vom 7. November 1938 auf Ernst von Rath, ein Diplomat der deutschen Botschaft in Paris, war der Anlass für das gegen die Juden gerichtete Pogrom. Das Attentat wurde ausgeübt von dem 17–jährigen polnischen Juden Herschel Grynszpan und war der Auslöser für eine Mord–, Brandstiftung–, Raub– und Vertreibungsaktion bisher unbekannten Ausmaßes. Herschel Grynszpan wollte damit auf die Abschiebung von etwa 17.000 polnischen Juden, zu denen auch seine Eltern zählten, nach Polen aufmerksam machen. Die Reichspogromnacht war demnach keine geplante oder vorbereitete Aktion, vielmehr wurde sie kurz nach dem Attentat von Paris initiiert.
Wer erteilte die Freigabe für das Pogrom?
Die Aktionen vom 9. auf den 10. November 1938 wurden von oben angeordnet. Die Freigabe für das Pogrom wurde am Abend des alljährlichen Treffens der NSDAP–Führungskräfte anlässlich des Gedenkens an den 15. Jahrestag des Hitler–Putsches nach Zustimmung von Hitler von Propagandaminister Joseph Goebbels durch eine Hetzrede heraufbeschwört. Goebbels machte auf die bereits stattgefundenen Übergriffe gegen Juden nach dem Attentat in Paris aufmerksam. Es wurde weiter angemerkt, dass antijüdische Aktionen zwar nicht organisiert, sie aber auch nicht behindert werden. Nach der Rede griffen die SA–Führer zum Telefon und erteilten die Freigabe für das Pogrom an ihre Truppen.
Wie viele Menschen starben in der Reichspogromnacht?
In erster Linie wurden die Aktionen beim Pogrom von Staatsdienern und Behörden durchgeführt. Die SA– und NSDAP–Mitglieder, Polizei und Feuerwehr setzten Synagogen in Brand, zerstörten etwa 7.000 Geschäfte jüdischer Einzelhändler und demolierten etliche Wohnungen von Bürgern jüdischen Glaubens. Nach der Ingangsetzung des staatlich legitimierten Pogroms nutzen Angehörige der Hitlerjugend und weiterer NS–Organisationen dies als Chance zur Plünderung. Einige jubelten dem Mob zu und wieder andere nahmen schweigend hin, dass Menschenrechte und die Menschenwürde mit Füßen getreten wurden. Die Pogromwelle gegen die jüdische Minderheit wurde vielerorts von einer volksfestartigen Stimmung begleitet. Nach offiziellen Angaben der Obersten Parteigerichts vom 13. Februar 1939 starben in dieser Nacht insgesamt 91 Personen. Nach heutigen Schätzungen der Geschichtsforschung starben nach Professor Meier Schwarz jedoch weit mehr als 1.300 Menschen unmittelbar in Folge der Ausschreitungen.
Was waren die Folgen der Reichspogromnacht?
In Folge der Reichspogromnacht wurden Juden in einem noch nie dagewesenen Ausmaß verschleppt, verfolgt und diskriminiert. Schätzungsweise wurden daraufhin über 20.000 jüdische Männer und Jugendliche in Konzentrationslager verschleppt. Ausgeführt und organisiert wurden die Verfolgungen und Verschleppungen von der SS und Gestapo. Ferner wurden im Anschluss an das Pogrom fast alle jüdischen Organisationen aufgelöst und die jüdische Presse verboten.
In den Konzentrationslagern kamen infolge von körperlichen und psychischen Schikanen etliche ums Leben und anderen wurde der Verzicht auf Eigentum abverlangt. Danach durften Juden weder Handel, Gewerbe noch Handwerk betreiben. Mit der Zeit wurden die Verbote und die Diskriminierungen immer mehr. Das alltägliche Leben jüdischer Bürger wurde eingeschränkt und jegliche Existenzgrundlage entrissen. Nach dem öffentlichen Pogrom erhielt die Verfolgung einen neuen Charakter. Es war der Beginn einer Phase der völligen Rechtlosigkeit für jüdische Bürger, ihre Eliminierung fand in jener Nacht ihren Anfang. Die Reichspogromnacht markiert das Ende und den Anfang einer Entwicklung. Er steht für den Antisemitismus in Deutschland und seiner Entwicklung bis hin zu der „Endlösung der Judenfrage“, also die Ermordung der europäischen Juden im deutschen Machtbereich.
Fakten und Hintergründe zur Reichspogromnacht
Der 9. November 1938 markiert für fast alle Juden in Deutschland das Ende des Lebens. Doch woher kam dieser Hass? Wieso traf er die Juden?
Die meisten Juden lebten damals in Großstädten wie Berlin und Wien. Es scheint, als wären die Menschen jüdischen Glaubens in der deutschen Gesellschaft angekommen. Sowohl auf kultureller Ebene als auch in den Wissenschaften hatten sie ihr Heimatland mitgeprägt, es wurde ihnen sogar zum Teil erstmals Gleichberechtigung zuteil. Die jüdische Minderheit war zunächst kaum erkennbar in Deutschland, erst der 1933 verstaatlichte Judenhass machte Nachbarn zu Feinden.
Antisemitismus hat in Deutschland jedoch eine lange Tradition, er wurde in der Vergangenheit teilweise religiös begründet und legitimiert. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich langsam der sogenannte Rassenantisemitismus. Es vermischten sich uralte Vorurteile mit Neid — denn die Menschen mit jüdischer Herkunft waren oft in Beruf und Bildung erfolgreicher als die deutschen Bürger. Für die Nationalsozialisten war es daher ein einfaches, die Ängste in der Bevölkerung gegen die Juden zu wenden. Sie wurden verantwortlich gemacht für die Nöte und Umbrüche, die mit der Industrialisierung einhergingen. Die Juden wurden überall dort zu Sündenböcken, wo Unzufriedenheit herrschte. So wurden sie Schritt für Schritt aus Berufen, Vereinen, Schulen und der Wirtschaft gedrängt, bis hin zum Novemberpogrom, wo dieser Hass und Neid in einem Völkermord endete.
