Schwere Schäden, Verletzte und Festnahmen: Bei Randale und Straßenschlachten mit der Polizei haben in der Nacht zum Sonntag zahlreiche gewalttätige Kleingruppen die Stuttgarter Innenstadt verwüstet und mindestens 12 Beamte der Polizei verletzt. Sie wurden mit Flaschen und Pflastersteinen beworfen, mehrere Streifenwagen wurden beschädigt. Über der Stadt kreisten mehrere Stunden lang Hubschrauber. Die Bilanz: Nach Polizeiangaben beteiligten sich
  • bis zu 500 Personen an den Krawallen.
  • 24 Randalierer wurden vorläufig festgenommen.
  • 19 Polizisten wurden verletzt.
  • 40 Geschäfte wurden nach Polizeiangaben beschädigt,
  • 9 Geschäfte wurden geplündert.
„Die Situation ist völlig außer Kontrolle“, sagte ein Polizeisprecher in Stuttgart in der Nacht der Nachrichtenagentur dpa. Mehr als 200 Einsatzkräfte aus ganz Baden-Württemberg waren in die Landes-Hauptstadt zum Großeinsatz gerufen worden, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Innenminister Thomas Strobl (CDU) zufolge waren insgesamt 280 Beamte gegen die Randalierer im Einsatz.

Ursache für Unruhen war Drogen-Kontrolle der Polizei

Wie die Polizei am Sonntag berichtet, war offenbar eine Drogenkontrolle die Ursache, beziehungsweise der Auslöser für die Straßenschlachten. Demnach hätten sich viele Feiernde, unter anderem am Eckensee, sich gegen Polizeibeamte „solidarisiert“, als wegen eines Rauschgiftdeliktes eine Polizeikontrolle stattfand. In der Folge seien die Menschen in Richtung Schlossplatz gezogen und hätten sich auch in der Innenstadt verteilt. Die Polizei sprach von mehreren hundert Menschen, die in Kleingruppen unterwegs gewesen seien.

Pflastersteine und Plünderungen in Stuttgart

Im Kurznachrichtendienst Twitter kursierten Videos von jungen Männern, die gegen Schaufensterscheiben von Geschäften traten oder Pflastersteine aus dem Boden rissen und damit Scheiben einwarfen. Es gibt auch Szenen, in denen Einsatzfahrzeuge der Polizei angegriffen werden, etwa als ein junger Mann mutmaßlich mit einem Poller die Scheiben eines Einsatz-Vans zertrümmert. In einem Handy-Video ist zu sehen, wie Menschen ein Polizeifahrzeug plündern. Die Stimmung ist aufgeheizt, immer wieder werden die Randalierern von Umstehenden angefeuert, es gibt Rufe wie „Einsatz, Einsatzkommando 0711!“, „Es wurde Zeit“, „Fuck the Police, Fuck the System“. Zwischendrin ruft auch mal einer „Hört doch auf!“

Polizei in Stuttgart mit Steinen angegriffen

Die Polizei bestätigte am Morgen die Angriffe auf Beamte: Demnach seien geparkte Streifenwagen massiv beschädigt worden. Randalierer hätten mit Stangen und Pfosten auf die Fahrzeuge eingeschlagen und die Scheiben zertrümmert. „Auch auf vorbeifahrende Streifenwagen warfen Randalierer große Steine und andere Gegenstände, auch Pflastersteine, die zuvor aus dem Boden gerissen oder auch von Baustellen aufgenommen wurden“, hieß es bei der Polizei in Stuttgart.Um ihre Identität zu verdecken hätten sich Täter auch mit Sturmhauben und anderen Materialien vermummt.

Stuttgart

Polizeibeamte seien äußerst aggressiv angegangen und angegriffen worden. Es habe Verletzte, auch unter Polizisten, gegeben. Nach Angaben der Polizei wurden 19 Beamte verletzt, sie erlitten Prellungen und abschürfungen, einer musste ins Krankenhaus. In einem Video ist zu sehen, wie ein Randalierer mit Anlauf und ausgestrecktem Bein einem Polizeibeamten in den Rücken springt, und die Menge johlt.
Der Polizeisprecher sagte: „Es wurde richtig randaliert.“ Eine ganze Reihe von Geschäften seien betroffen gewesen, zudem Fahrzeuge. Es habe auch Plünderungen gegeben. Schwerpunkte seien der Schlossplatz und die benachbarte Königstraße gewesen, die als Stuttgarts Shoppingmeile bekannt ist.

Krawalle begannen um Mitternacht

Die Krawalle hatten bereits gegen Mitternacht begonnen, sagte der Polizeisprecher. Am Sonntagmorgen hieß es, die Lage habe sich beruhigt. Zu sehen waren da noch die Schäden: So waren die Schaufensterscheiben mehrerer Handy-Läden eingeschlagen. Unter anderem waren auch ein Eiscafé auf der Königstraße und ein bekanntes Bekleidungsgeschäft nahe des Charlottenplatzes von der Randale betroffen. Zur Sicherheit blieb die Polizei mit einem Großaufgebot in der Innenstadt präsent, sagte der Polizeisprecher am Sonntag.
Die Kriminalpolizei sichere Spuren und vernehme mehr als 20 vorläufig Festgenommene, hieß es. Die Kripo setzt bei den Ermittlungen auch auf Zeugen:
Hinweise nimmt die Kriminalpolizei Stuttgart unter der Telefonnummer 0711 89905778 oder über das Hinweisportal im Internet entgegen.

Polizei will in Stuttgart mehr Präsenz zeigen

Die Stuttgarter Polizei will nach der Gewalt-Nacht und dem Chaos am Wochenende in den kommenden Wochen mit verstärkten Kräften in der Innenstadt unterwegs sein. Man werde den Kräfteeinsatz in den kommenden Wochen erhöhen und alles tun, dass diese Form der Gewalt nicht mehr geschieht, sagte Polizeipräsident Franz Lutz am Sonntag. Übergriffe würden konsequent verfolgt. Die Party- und Eventszene habe sich in den vergangenen Wochen wieder in der Öffentlichkeit getroffen und inszeniere sich in sozialen Medien mit ihrem Handeln. Dazu gehöre seit neuestem auch ein aggressives Tun gegen Polizeibeamte. Man werde die Gewalt unterbinden.

Gewerkschaft der Polizei: Angriff auf den Rechtsstaat

Die Gewerkschaft der Polizei in Baden-Württemberg hat schockiert und mit völligem Unverständnis auf die gewaltsamen Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt reagiert. „Gewalt ist niemals eine Option“, betonte GdP-Landeschef Hans-Jürgen Kirstein. „Wir wissen noch nicht genau, warum es zu solch massiven Ausschreitungen gekommen ist. Es ist jedoch nicht hinnehmbar, dass es massive Angriffe auf Kolleginnen und Kollegen gibt und zu Beschädigungen und Plünderungen von Ladengeschäften kommt. Das ist nicht nur ein Angriff auf Menschen und Sachen, sondern auch auf unseren Rechtsstaat!“

Politiker reagieren mit Entsetzen auf Unruhen

Politiker aus Baden-Württemberg haben mit Entsetzen auf die gewaltsamen Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt reagiert. FDP- und SPD-Fraktion kündigten eine Sondersitzung des Innenausschusses im Landtag für kommende Woche an. Innenminister Thomas Strobl (CDU) müsse dort ausführlich über die kriminelle Gewalt und seine Maßnahmen zum Schutz von Gesellschaft und Polizei berichten, forderte FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke.

Innenminister Thomas Strobl: Gegen Randalierer vorgehen

Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) selbst hat die Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt aufs Schärfste verurteilt. „Die Ausschreitungen, die wir in der Nacht in Stuttgart erleben mussten, waren von einer in Baden-Württemberg bisher nie dagewesenen Qualität", sagte Strobl am Sonntagmorgen der SÜDWEST PRESSE. Die Ermittlungen würden noch ganz am Anfang stehen. Er könne aber jetzt schon sagen, "dass wir gegen die Randalierer mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln des Rechtsstaats vorgehen werden. Solche Vorgänge werden wir in Baden-Württemberg nicht dulden." Den über 280 eingesetzten Polizeibeamten danke er für ihren Einsatz.

SPD spricht von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“

Die SPD im Landtag von Baden-Württemberg sprach von "bürgerkriegsähnlichen Zuständen". Der Innenexperte der Fraktion, Sascha Binder, forderte eine schnelle und umfassende Aufklärung der Umstände der Ausschreitungen in Stuttgart. Die SPD beantragte zudem eine Sondersitzung des Innenausschusses des Landtags für die kommende Woche.

CDU: Fassungslos über Gewaltexzess

Die CDU-Spitzenkandidatin Dr. Susanne Eisenmann verurteilt die Randale. in einer Pressemitteilung sagt sie: „Ich bin schockiert und fassungslos über diesen Gewaltexzess, die Plünderungen der Geschäfte und die Angriffe auf unsere Polizei. Ich danke der Polizei für ihren Einsatz und wünsche den verletzten Beamten eine gute und rasche Genesung.“
Die Hintergründe der Taten seien noch unklar. Deshalb sei nun nicht die Zeit für voreilige Schlüsse. Die aggressive Stimmung gegenüber der Polizei auch in den vergangenen Wochen bereite ihr aber große Sorge: „Wir brauchen ein gesellschaftliches Bekenntnis, dass wir volles Vertrauen in unsere Polizei und ihre Arbeit haben und sie schützen müssen. Wir als CDU stehen auf alle Fälle hinter unserer Polizei.“

Bereits in den vergangenen Wochen Randale und Demos

Auch an vergangenen Wochenenden war es zu Auseinandersetzungen von überwiegend jungen Menschen mit der Polizei gekommen - allerdings nicht in dem Ausmaß wie jetzt. Die Polizei äußerte sich zunächst nicht dazu, ob die Drahtzieher der jüngsten Zerstörungen polizeibekannten Szenen zuzurechnen sind. Vor einigen Tagen hatte die Stuttgarter Polizei nach Vorfällen am Rande einer Demonstration von Grenzüberschreitungen gesprochen. „Teile der linken Szene überschreiten hier gerade Linien, was wir für Stuttgart bisher so nicht gekannt haben“, sagte damals ein Polizeisprecher.