Mögliche Gaza-Offensive: Israel mobilisiert 300.000 Reservisten und bringt Panzer in Stellung

Israel, Kfar Aza: Drei Tage nach dem verheerenden Hamas-Terrorangriff auf israelische Ortschaften hat Israels Armee die Grenze nach eigenen Angaben wieder unter Kontrolle gebracht.
Ilia Yefimovich/dpaHunderttausende Reservisten sind mobilisiert, Panzer werden in Stellung gebracht. Die Anordnung deutet auf eine Bodenoffensive in den Gazastreifen hin. Doch der Häuserkampf gegen die radikalislamische Palästinenserorganisation in dem extrem dicht besiedelten Gebiet berge unkalkulierbare Risiken, urteilen Experten. Die Chance, die nach Gaza verschleppten israelischen Geiseln zu befreien, scheint gering.
Größte Mobilisierung in der israelischen Geschichte
Die israelische Armee hat 300. 000 Reservisten mobilisiert, um auf den blutigen Angriff von Hamas-Terroristen mit mindestens 900 Toten und 2600 Verletzten militärisch zu antworten. Es ist die größte Mobilisierung in der israelischen Geschichte in so kurzer Zeit, wie ein Armeesprecher am Montag sagte.
Israel bombardiert weiter massiv den Gazastreifen
Die Hamas, die von den USA, der EU und Israel als Terrororganisation eingestuft wird, hatte am Samstag bei einem Großangriff auf das Grenzgebiet das schlimmste Blutbad unter Zivilisten seit der israelischen Staatsgründung angerichtet. Mehr als 4500 Raketen wurden inzwischen nach offiziellen Angaben auf Israel abgefeuert.
Die Armee reagierte weiter mit massiven Bombardierungen des Gazastreifens. Auch an Israels Nordgrenze zum Libanon gab es Gefechte, was die Sorge vor einer Ausweitung des Konflikts verstärkte. Israelische Kampfhubschrauber griffen Ziele im Südlibanon an. Soldaten hätten zuvor mehrere Bewaffnete erschossen, die nach Israel vorgedrungen waren, teilte das israelische Militär mit. Die wie die Hamas mit dem Iran verbündete Schiitenorganisation Hisbollah dementierte eine Beteiligung.
Israelischer Armee droht riskanter Häuserkampf in Gaza
„Parallel bereitet sie sich auf einen Einmarsch in Gaza vor“, sagt Alexander Grinberg vom Jerusalemer Thinktank JISS. „Und jeder weiß, dass er lang, schwierig und verlustreich sein wird.“
Etwa 2,3 Millionen Palästinenser leben auf engstem Raum in Gaza, das seit 2007 unter israelischer Blockade steht. Seit Montag hat Israel das Gebiet von der Energie-, Wasser- und Lebensmittelversorgung abgeschnitten.
Ein Einmarsch in Gaza würde die israelischen Soldaten zum Nahkampf zwingen, Panzer können hier nicht viel ausrichten. Andrew Galer, ein ehemaliger britischer Offizier, der jetzt als Analyst für den privaten Dienst Janes arbeitet, spricht von einem „360-Grad-Schlachtfeld, in dem die Bedrohung überall lauert“, auf den Dächern genauso wie in der Kanalisation.
Haus für Haus müsse gesichert werden, überall könnten Sprengsätze lauern. In dieser Situation zwischen Zivilisten und feindlichen Kämpfern zu unterscheiden ist schwierig. Auch die Gefahr, die eigenen Soldaten zu treffen, sei groß, warnt Galer.

Palästinensische Gebiete, Gaza-Stadt: Israel hat in der Nacht den Gazastreifen bombardiert, während die Kämpfe mit der islamistischen Hamas weitergehen.
Mohammed Talatene/dpaHamas haben weit verzweigtes Tunnelsystem
Nicht nur die engen Gassen sind schwieriges Terrain für einen Militäreinsatz. Unter der Erde liegt ein weit verzweigtes Netz von Tunneln. Hunderte unterirdische Gänge wurden unter der 14 Kilometer langen Grenze zwischen Gaza und dem ägyptischen Sinai gegraben, um Kämpfer, Waffen und Waren zu schmuggeln. Viele wurden zerstört. Doch seit 2014 hat die Hamas auch innerhalb des Gazastreifens Tunnel angelegt, teilweise in bis zu 40 Metern Tiefe.
Die israelische Armee überblickt nur Teile des Tunnelsystems, das nicht nur als Versteck für Kämpfer, sondern auch für Raketenwerferbatterien dient. Die Hamas hingegen „kennt ihre Tunnel in- und auswendig“, sagt Colin Clarke, Forschungsleiter am New Yorker Thinktank Soufan Center. „Einige davon sind wahrscheinlich mit Sprengfallen versehen. Die Vorbereitung auf einen Kampf in einem solchen Gebiet würde umfassende Geheimdienstinformationen erfordern, die die Israelis vielleicht nicht haben.“
Die Hamas hätte mit ihrer Kenntnis des Terrains einen großen taktischen Vorteil. Andererseits könnten die Tunnel auch zur Falle für die Kämpfer werden, wenn es der israelischen Armee gelingt, sie zu lokalisieren, sagt Grinberg und verweist auf die Möglichkeit, mit Robotern in die unterirdischen Gänge einzudringen.
Hamas halten weiter Geiseln gefangen
Irgendwo in Gaza hält die Hamas zudem die etwa 150 Geiseln gefangen, die sie am Samstag bei ihrem brutalen Überfall aus Israel verschleppte. „Die israelische Gesellschaft wird es nicht verzeihen, wenn das Leben der Geiseln nicht an erster Stelle steht“, sagt Sylvaine Bulle, Soziologin am französischen Forschungszentrum CNRS, die sich auf Israel spezialisiert hat. „Der Druck der öffentlichen Meinung ist enorm und der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu weiß das ganz genau.“
Doch die Regierung habe keinen Spielraum, sagt Kobi Michael, Wissenschaftler bei der Denkfabrik INSS in Tel Aviv. „Bei all der Trauer, all dem Schmerz kann das Geiselproblem nicht Israels oberste Priorität sein. Israel wird sich erst darum kümmern, wenn die Hamas besiegt und schwach ist. Nicht eine Sekunde vorher.“
(mit Material von dpa und afp)

