Tote und Verletzte bei Solinger Stadtfest
: 15-Jähriger nach Messerangriff von Solingen festgenommen

Am Tag nach dem Messerangriff in Solingen mit drei Toten und mehreren Verletzten informieren die Behörden. Bislang gab es eine Festnahme.
Von
dpa, swp
Solingen
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Todesopfer bei Attacke auf Solinger Stadtfest

Die Polizei hat einen Verdächtigen festgenommen. Nach ersten Ermittlungen handelt es sich allerdings nicht um den Täter.

Christoph Reichwein/dpa

Ein noch Unbekannter hat auf einer Jubiläumsfeier der Stadt Solingen in Nordrhein-Westfalen drei Menschen durch einen Messerangriff umgebracht. Nach bisherigen Erkenntnissen gibt es zudem acht weitere Verletzte, fünf davon schwer. Die Polizei in Nordrhein-Westfalen stufte die Tat vom Freitagabend wegen des zielgerichteten Vorgehens des Täters als Anschlag ein.

Tatwaffe in einem Mülleimer gefunden

Die mutmaßliche Tatwaffe des Messerangriffs von Solingen ist in einem Mülleimer in der Innenstadt gefunden worden. Das verlautete aus Ermittlerkreisen. Zuvor hatte die „Bild“-Zeitung berichtet. Bei dem Angriff bei einem Stadtfest waren am Freitagabend drei Menschen getötet worden. Acht wurden verletzt, fünf davon schwer. Der Täter ist flüchtig. Die Polizei teilte am Samstag mit, dass die Ermittlungen auf Hochtouren liefen. Verschiedene Örtlichkeiten würden durchsucht. Die Polizei bestätigte frühere dpa-Informationen, wonach eine Person festgehalten wird. Bei ihr werde geprüft, ob es möglicherweise Tatzusammenhänge gebe. Wie aus Ermittlerkreisen verlautete, soll es sich dabei aber nicht um den Täter handeln, nach dem weiter gefahndet wird.

Unbekannter Angreifer schlug gegen 21.37 Uhr zu

Dem Täter sei es gelungen, im Tumult und in der sich anfangs ausbreitenden Panik nach der Tat zu entkommen, sagte ein Sprecher des NRW-Innenministeriums. Laut Polizei scheint der Täter wahllos auf Passanten losgegangen zu sein, seine Opfer also zufällig ausgewählt zu haben. Dem Innenministerium zufolge habe er aber sehr gezielt auf ihre Hälse eingestochen. Über den Zustand der Verletzten wurde bis zum Morgen nichts Neues bekannt.

Die späteren Opfer waren Besucher des Festes zum 650. Jahrestag der Stadtgründung Solingens. Tatort war der zu diesem Zeitpunkt gut besuchte Fronhof - ein Marktplatz in der Innenstadt, auf dem für das Jubiläumsfest eine Bühne aufgebaut war.

Laut Polizei schlug der Angreifer gegen 21.37 Uhr zu. Kurz darauf wurde Großalarm ausgelöst. Mindestens ein Hubschrauber war in der Luft, zahlreiche Einsatzfahrzeuge mit Blaulicht und Rettungswagen waren unterwegs, Straßen weiträumig abgesperrt. Bewaffnete Beamte sicherten den Einsatzort.

Laut „Solinger Tageblatt“ folgten tausende Besucher der Aufforderung, den Platz ruhig zu verlassen und nicht in Panik zu verfallen. „Die Menschen sind geschockt, aber friedlich vom Platz (gegangen)“, wurde Philipp Müller zitiert, einer der Mitorganisatoren des Festes. Später herrschte dann gespenstische Stimmung in der fast menschenleeren Innenstadt.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) traf in der Nacht am Tatort ein und zeigte sich sichtlich betroffen. „Aus dem Nichts sticht jemand wahllos auf Menschen ein“, sagte Reul. „Wir in Nordrhein-Westfalen, wir sind tief erschüttert und in Trauer vereint.“

Die Stadt hat das ursprünglich für drei Tage geplante Straßenfest, das „Festival der Vielfalt“, komplett beendet. Auch die für Samstag und Sonntag geplanten Programmpunkte wie Musik, Kabarett, Akrobatik, Kunsthandwerk und Unterhaltung für Kinder wurden abgesagt

Todesopfer bei Attacke auf Solinger Stadtfest: 24.08.2024, Nordrhein-Westfalen, Solingen: Polizisten laufen am frühen Morgen durch die Innenstadt. Bei einer Attacke auf der 650-Jahr-Feier der Stadt hat es mehrere Todesopfer und Verletzte gegeben. Foto: Christoph Reichwein/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Auch am Samstagmorgen gibt es noch ein großes Polizeiaufgebot in der Solinger Innenstadt.

Christoph Reichwein/dpa

Polizei hat Hinweisportal eingerichtet

Ein Polizeisprecher riet: Wer Verdächtiges beobachte, solle nicht eigeninitiativ handeln, sondern den Notruf 110 wählen. Die Polizei in Wuppertal rief via Facebook dazu auf, die Solinger Innenstadt zu meiden. Die Polizei schaltete ein Hinweisportal frei, über das Zeugen des Geschehens Handyfotos und Videos hochladen können (www.nrw.hinweisportal.de). Die Stadt Solingen wiederum richtete für Bürger eine Hotline für Fragen nach Vermissten ein (0212 - 290-2000). Bei der Polizei hätten sich Anfragen besorgter Angehöriger gehäuft, hieß es.

Solingens Oberbürgermeister Tim Kurzbach reagierte erschüttert. „Heute Abend sind wir alle in Solingen in Schock, Entsetzen und großer Trauer“, schrieb der SPD-Politiker auf der Facebook-Seite der Stadt. „Es zerreißt mir das Herz, dass es zu einem Attentat auf unsere Stadt kam. Ich habe Tränen in den Augen, wenn ich an diejenigen denke, die wir verloren haben. Ich bete für alle, die noch um ihr Leben kämpfen.“

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst bezeichnete den Anschlag als „Akt brutalster und sinnloser Gewalt“. Die Tat habe „unser Land ins Herz getroffen“, schrieb er auf der Plattform X. NRW sei in Erschütterung und Trauer vereint. „In diesen dunklen Stunden sind die Menschen unseres Landes und darüber hinaus mit ihren Herzen und Gedanken in Solingen“, schrieb der CDU-Politiker weiter. Und: „Ein großer Dank gilt den vielen Rettungskräften und unserer Polizei, die in diesen Minuten um Menschenleben kämpfen.“

15-Jähriger festgenommen

Bei der festgenommenen Person nach der Messerattacke von Solingen handelt es sich um einen 15-Jährigen. Aktuell werde ein Zusammenhang mit der Tat geprüft, teilten die Ermittlungsbehörden bei einer Pressekonferenz in Wuppertal mit. Als möglicher Vorwurf gegen den 15-Jährigen steht demnach momentan die Nichtanzeige geplanter Straftaten im Raum. „Nach vorliegenden Zeugenaussagen soll eine bislang unbekannte Person kurz vor dem Angriff mit dem Jugendlichen über Absichten gesprochen haben, die zur Tatausführung passen würden“, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Markus Caspers. Ob diese Person der Täter ist, wissen die Ermittler nach eigenen Angaben noch nicht. Die Zeuginnen für das Gespräch hätten die Tat selbst nicht beobachtet. Bisher sei ein Täter noch nicht ermittelt.

Ermittler schließen Terror-Motiv in Solingen nicht aus

Nach dem tödlichen Messerangriff von Solingen schließt die Staatsanwaltschaft einen terroristischen Hintergrund nicht aus. Noch sei der Täter nicht ermittelt, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Markus Caspers bei einer Pressekonferenz in Wuppertal.

Bundeskanzler Scholz: „Täter muss mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft werden“

Bundeskanzler Scholz: ARCHIV - 24.07.2024, Berlin: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) äußert sich auf seiner Sommer-Pressekonferenz in der Bundespressekonferenz zu aktuellen Themen. (zu dpa: «Scholz äußert sich bestürzt über Messerangriff in Solingen») Foto: Britta Pedersen/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat sich bestürzt zum Messerangriff in Solingen geäußert

Britta Pedersen/dpa

Bundeskanzler Olaf Scholz zeigte sich am Samstag betroffen über den tödlichen Messerangriff. „Der Anschlag in Solingen ist ein schreckliches Ereignis, das mich sehr bestürzt“, erklärte der SPD-Politiker auf X und telefonierte mit OB Kurzbach. „Wir trauern um die Opfer und stehen an der Seite der Angehörigen. Den Verletzten wünsche ich eine schnelle Genesung“, erklärte der Kanzler und ergänzte: „Der Täter muss rasch gefasst und mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft werden.“

Die Sicherheitsbehörden tun nach Angaben von Bundesinnenministerin Nancy Faeser nach dem „brutalen Anschlag“ in Solingen alles, um den Angreifer zu fassen und die Hintergründe der Tat aufzuklären. Die Polizei in Nordrhein-Westfalen habe dabei jede Unterstützung des Bundes, schrieb die SPD-Politikerin auf X. Sie stehe laufend in Kontakt mit Landesinnenminister Herbert Reul (CDU) und den Sicherheitsbehörden.

Faeser bezeichnete den Anschlag als „erschütternd“. „Wir trauern um die Menschen, die auf furchtbare Weise aus dem Leben gerissen wurden“, schrieb Faeser weiter. Sie sei in Gedanken bei den Familien der Getöteten und bei den Schwerverletzten.