Neue Wirkung entdeckt
: Könnte Ibuprofen in Zukunft auch bei Diabetes, Alzheimer und Krebs helfen?

Dass Ibuprofen Schmerzen lindert und Entzündungen hemmt, ist schon länger bekannt. Nun zeigt eine Studie, wie das Schmerzmittel Stoffwechselerkrankungen lindern könnte.
Von
Lena Angerer
New Brunswick/New Jersey
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Ein Glas Wasser und eine Packung Tabletten: ARCHIV - Am besten nicht mit eiskaltem Wasser: Schmerztabletten werden dann nämlich langsamer im Körper transportiert. (zu dpa: «Ibu, Paracetamol, ASS: 5 Fragen zu Schmerzmitteln») Foto: Christin Klose/dpa-tmn - Honorarfrei nur für Bezieher des dpa-Themendienstes +++ dpa-Themendienst +++

Ein Forschungsteam aus den USA untersuchte die Wirkung von Ibuprofen auf Geschmacksrezeptoren für Zucker: Ihre Ergebnisse könnten unter anderem für die Diabetes- und Alzheimer-Behandlung relevant werden.

Christin Klose/dpa-tmn/dpa

Seit den 1960er Jahren verschreiben Ärztinnen und Ärzte zur Schmerzlinderung und Entzündungshemmung Ibuprofen. Seitdem haben Forscherinnen und Forscher – neben mehrerer negativer Nebenwirkungen – weitere positive Effekte von Ibuprofen entdeckt. Alzheimer, Parkinson, Diabetes und einige Krebsarten wie Brust-, Darm-, Magen- und Lungenkrebs kommen seltener bei Personen vor, die dauerhaft Ibuprofen einnehmen. Woran das liegt, war bisher weitgehend unklar. Eine neue Studie bringt ein wenig Licht ins Dunkel.

Achtung! Wovor die Forschenden warnen

Wer regelmäßig und dauerhaft Ibuprofen einnimmt, hat Nebenwirkungen im Magen-Darm-Trakt und im Gefäßsystem zu befürchten. Das Forschungsteam appelliert daran, bei weiteren Studien verantwortungsvoll mit diesen Nebenwirkungen umzugehen.

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Was das Forschungsteam herausgefunden hat

Ein Forschungsteam der Rutgers University in New Brunswick, USA, untersuchte im weitesten Sinne, welcher Mechanismus hinter den Effekten von Ibuprofen auf das niedrigere Risiko für Alzheimer und Diabetes stecken könnte. Im Zentrum steht dabei ein Rezeptor, an den verschiedene Zuckerarten wie Glucose, Fructose und Sucrose andocken.

Wenn Zucker an diesen Rezeptor bindet, startet eine Art Kettenreaktion, die beeinflusst, wie viel Zucker unser Körper in der Verdauung verwertet. Die Zuckerrezeptoren bestimmen also mit darüber, wie viel Zucker wir im Blut haben. Wir haben den Rezeptor im Mund als Geschmacksrezeptor für süße Komponenten. Der Zucker-Rezeptor sitzt aber auch in unserem Verdauungstrakt.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wussten schon länger, dass Ibuprofen und das verwandte Schmerzmittel Naproxen ähnlich aussehen wie Stoffe, die den Zucker-Rezeptor hemmen. Wird der Zucker-Rezeptor gehemmt, ist der Blutzuckerspiegel niedriger. Nun hat das amerikanische Forschungsteam im Labor und im Menschen nachgewiesen, dass Ibuprofen und Naproxen den Zucker-Rezeptor tatsächlich hemmen.

Diese Versuche hat das Forschungsteam gemacht

Für den Versuch im Labor haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler menschliche Zellen mit dem Zucker-Rezeptor verwendet. Zu den Zellen hat das Team so viel gelöstes Ibuprofen gegeben, wie man nach zwei bis drei 200-mg-Tabletten Ibuprofen im Blutplasma hat. Außerdem haben sie in mehreren Versionen des Experiments unterschiedliche Zuckerarten, darunter Sucrose, zu den Zellen gegeben. Anschließend haben die Forscherinnen und Forscher überprüft, wie sehr die Zuckerrezeptoren aktiv werden. Das Team hat festgestellt, dass die Zuckerrezeptoren deutlich weniger aktiv waren, wenn Ibuprofen in der Zell-Mischung war.

Um auf andere Art nachzuweisen, dass Ibuprofen den Zucker-Rezeptor hemmt, hat die Forschungsgruppe untersucht, wie intensiv Testpersonen verschiedene Zuckersorten schmecken können, wenn sie ihren Mund vorher mit einer Ibuprofen-Lösung ausgespült haben. In diesem Versuch hat sich bestätigt, dass die Testpersonen weniger süße Geschmacksstoffe wahrnehmen, wenn sie ihren Mund zuvor mit Ibuprofen ausgespült haben.

Was hat das mit Diabetes, Alzheimer und Krebs zu tun?

Die Kettenreaktion, die ausgelöst wird, wenn ein Zucker an den Zucker-Rezeptor bindet, hat Einfluss auf den Blutzuckerspiegel. Diesen müssen Menschen mit Diabetes Typ 1 oder Typ 2 mit Insulin regulieren. Eventuell wäre es mit Ibuprofen möglich, den Blutzuckerspiegel generell auf einem niedrigeren Niveau zu halten.

Alzheimer und Parkinson sind wie Diabetes Stoffwechselerkrankungen. Forschende bringen beide Krankheiten mittlerweile unter anderem mit einem gestörten Glucose-Stoffwechsel in Verbindung, der eventuell zum Teil über den Zucker-Rezeptor reguliert werden könnte.

Bei manchen Krebserkrankungen haben die Patientinnen und Patienten mehr Zucker-Rezeptoren als üblich. Mit Ibuprofen könnte vielleicht ein Teil dieser Zucker-Rezeptoren gehemmt werden und der Effekt dadurch ausgeglichen werden.

Wie belastbar sind die Ergebnisse?

Das Forschungsteam betont, dass weitere klinische Studien und Laborexperimente nötig sind, um zu zeigen, dass es sich positiv auf den Verlauf und das Risiko für spezifische (Stoffwechsel) Erkrankungen auswirkt, wenn Ibuprofen beziehungsweise Naproxen die Zucker-Rezeptoren hemmt.

Zusätzlich räumen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein, dass auch die entzündungshemmende Wirkung von Ibuprofen und Naproxen zum positiven Verlauf mancher Erkrankungen beitragen können. Die Wirkung der Schmerzmittel auf den Zucker-Rezeptor wäre also nur ein Baustein von mehreren.