An dem Tag, als Niki Lauda zur Legende wurde, schaute er in die Hölle. 55 unendliche Sekunden lang. Am 1. August 1976 schießt Lauda mit seinem Ferrari 312 T2 über die Nürburgring-Nordschleife, er verliert die Kontrolle, kracht in eine Felswand und geht mit seinem Wagen in Flammen auf. Den Zuschauern bleibt die Luft weg. 800 Grad Hitze umschließen Lauda, das Auto beginnt zu schmelzen, die Dämpfe verätzen seine Lunge. In letzter Sekunde wird er von seinem Kontrahenten Arturo Merzario aus den Flammen gezogen. 42 Tage später zwängt sich Lauda wieder in seinen Rennwagen, das Gesicht entstellt, der Kopf blutig – eine Legende ist geboren.

Später sprach der für seinen trockenen Humor bekannte Wiener im Rückblick auf seinen Schicksalstag von seinem „Barbecue“. Sein größter Sieg sei es gewesen, die Formel 1 überlebt zu haben, sagte Lauda immer wieder. Eine Aussage, die beileibe kein Scherz war: Als Lauda Rennen fuhr, war der Tod an den Rennstrecken omnipräsent.

Niki Lauda ist im Kreise der Familie friedlich eingeschlafen

Nie war klar, ob er und die anderen Piloten aus den Höllenmaschinen lebend herauskommen würden. Die Frauen hatten immer auch ein schwarzes Kleid mit an der Strecke – man wusste ja nie. „Wir waren getrieben von dem Wahnsinn, den wir selbst gemacht haben. Beinahe in jedem Jahr ist einer von uns gestorben“, sagte er einmal der FAZ. Am Montag hat der Tod Lauda im Alter von 70 Jahren, weit nach dem Ende seiner Rennfahrerkarriere, schließlich eingeholt. Er sei im Kreise seiner Familie in der Universitätsklinik Zürich „friedlich entschlafen“, hieß es in einem Statement der Familie.

Der eiserne Kämpfer hatte zuletzt verbissen um seine Gesundheit gerungen. Im vergangenen Sommer musste sich Lauda einer Lungentransplantation unterziehen, mehr als zweieinhalb Monate verbrachte er anschließend im Krankenhaus. Für den ewig Getriebenen war diese Zeit noch schlimmer als die Genesung nach seinem Feuerunfall. „Diesmal war es wirklich lang. Doch ich bin immer noch hier“, sagte Lauda nach seiner Entlassung – in der Hoffnung, schnell wieder der Alte zu sein.

Lauda war zeitlebens ein Kämpfer

Die Formel-1-Welt trauert um eine Legende, ein Vorbild, eine Inspiration: „Niki wird immer eine der größten Legenden unseres Sports bleiben. Er verkörperte Heldentum, Menschlichkeit und Aufrichtigkeit auf und abseits der Strecke“, sagte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. Laudas Ex-Team Ferrari schrieb: „Heute ist ein trauriger Tag für die Formel 1.“

Lauda war zeitlebens ein Kämpfer, er musste sich seine Triumphe im Auto hart erarbeiten. Er hatte nicht das Talent eines Ayrton Senna oder das Charisma seines großen Rivalen James Hunt. Aber aufgeben war nicht seine Sache. Er tüftelte an seinen Wagen, trieb seine Mechaniker in den Wahnsinn – und holte so mehr heraus als alle anderen.

„Rote Kappe, klare und direkte Worte“

Als ob nichts gewesen wäre, hätte er nach der Flammenhölle 1976 fast noch seinen WM-Titel aus der Vorsaison erfolgreich verteidigt. Beim letzten Rennen in Fuji aber steuert Lauda seinen Ferrari im monsunartigen Regen freiwillig an die Box und überlässt seinem britischen Kontrahenten Hunt den Titel. „Ich wollte mich nicht ein zweites Mal umbringen“, sagte er später. 1977 wird Lauda erneut Champion. 1984, nach einer kurzen Auszeit, zum dritten Mal. Ein Jahr später beendet er seine Karriere.

Daran schloss der Industriellensohn nahtlos eine Laufbahn als Unternehmer an. Aus seiner Begeisterung für das Fliegen entwickelte er als Pilot seine eigene Airline. 1991 erlebte die „Lauda Air“ ihre dunkelste Stunde mit dem Absturz einer Maschine in Thailand. Alle 223 Insassen der „Mozart“ starben. Für Lauda war es das schlimmste Ereignis in seinem bewegten Leben. „Ich war tief erschüttert“, erzählte er. Lauda fühlte sich schuldig. Erst nach mehreren Monaten wurde herausgefunden, dass es sich um einen technischen Defekt handelte.

Zwischen 1993 und 1995 beriet er Ferrari, wurde dann Teamchef bei Jaguar. 2012 stieg Lauda zum Mercedes-Team-Aufsichtsratschef auf und erlebte mit den Silberpfeil-Piloten Lewis Hamilton und Nico Rosberg ein Hoch, das seinesgleichen suchte. „Rote Kappe, klare und direkte Worte“, so charakterisierte Toto Wolff seinen Landsmann.

Beinahe nebenbei erklärte Niki Lauda von 1996 bis 2017 den RTL-Zuschauern die Formel-1-Welt. Unverblümt ehrlich, und dabei immer herzlich. Eine echte Legende.

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