Nachfolger des Dalai Lama: Zwischen Tradition und chinesischem Machtanspruch

Der 14. Dalai Lama wird am Sonntag 90 Jahre alt. Umso dringender stellt sich die Frage, wer seine Nachfolge antreten wird.
Michael Buholzer/KEYSTONE/dpaAm Wochenende feiert das geistige Oberhaupt Tibets, der 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso, seinen 90. Geburtstag – mit großen Feierlichkeiten in Dharamsala, der Heimat vieler Exil-Tibeter in Nordindien. Neben prominenten Gästen wie Hollywood-Schauspieler Richard Gere und hohen indischen Politikern steht dabei jedoch ein Thema besonders im Fokus: die Frage nach seiner Nachfolge.
Wer ist der Dalai Lama?
Der Dalai Lama, mit bürgerlichem Namen Tenzin Gyatso, ist das geistige Oberhaupt des tibetischen Buddhismus. Er wurde 1935 geboren und gilt für viele Exil-Tibeter nicht nur als religiöser, sondern auch als moralischer Führer. Bis 2011 hatte er zudem eine politische Rolle inne, die er damals an eine demokratisch gewählte Exilregierung übergab. Diese Regierung vertritt heute mehr als 100.000 Tibeter weltweit und hat ihren Sitz in Dharamsala, dem sogenannten „kleinen Tibet“.
Konflikt um Nachfolger
Bereits seit Jahren beschäftigt sich der Dalai Lama mit der Frage seiner Nachfolge. Laut traditioneller Praxis wird nach seinem Tod ein neuer Dalai Lama durch Reinkarnation gefunden: Eine „Findungskommission“ von Mönchen aus Dharamsala sucht mithilfe von Orakeln, Prophezeiungen und Prüfungen nach einem Menschen, in dem sich die Seele des verstorbenen Dalai Lama befindet.
Doch genau hier liegt der Konflikt: Die chinesische Regierung beansprucht, ebenfalls über die Nachfolge mitzubestimmen. Sie verweist dabei auf eigene „Verordnungen für religiöse Angelegenheiten“ und möchte den nächsten Dalai Lama per Losverfahren mit einer „goldenen Urne“ bestimmen, sagte Mao Ning, Sprecherin des Außenministeriums von China
– eine Methode, die Peking stärker kontrollierbar machen würde.
Das Büro in Dharamsala bestimmt den Dalai Lama
In einer Videobotschaft machte der Dalai Lama nun klar, dass ausschließlich sein Büro in Dharamsala, vertreten durch die gemeinnützige Organisation Gaden Phodrang Trust, das Recht hat, den nächsten Dalai Lama auszuwählen. „Niemand sonst hat irgendeine Autorität, sich in diese Angelegenheit einzumischen“, betonte er. Damit widersprach er Gerüchten, wonach er gar keinen Nachfolger ernennen wolle. Dabei sei es egal, ob es sich um einen Nachfolger oder um eine Nachfolgerin handeln wird.
Warum will China den Dalai Lama bestimmen?
Tibet ist heute eine „autonome Region“ der Volksrepublik China, steht aber unter chinesischer Kontrolle. Nach dem Einmarsch der chinesischen Truppen vor rund 70 Jahren floh der Dalai Lama über den Himalaya nach Indien. Seither lebt er dort im Exil.
China betrachtet den Dalai Lama bis heute als Separatisten. Laut offiziellen Äußerungen verfolgt die chinesische Regierung eine Politik der „Glaubensfreiheit“, knüpft diese aber an strikte staatliche Regeln. Kritiker werfen Peking vor, Religion als Machtfaktor zu kontrollieren und so die tibetische Kultur zu unterdrücken. Auch Minderheiten wie die Uiguren sind von staatlicher Repression betroffen.
Gibt es zwei Dalai Lama?
Experten befürchten, dass es in Zukunft zwei Dalai Lamas geben könnte: Einen chinesischen Staat bestimmten und einen, der nach traditioneller Praxis im Exil gewählt wird. Ähnlich ist es bereits beim Panchen Lama, dem zweithöchsten religiösen Führer im tibetischen Buddhismus, geschehen: Der vom Dalai Lama anerkannte Panchen Lama wurde von China entführt; stattdessen setzte die Regierung in Peking einen eigenen Kandidaten ein, wie Korrespondent aus Indien, Peter Hornung in einem Interview mit Deutschlandfunk Nova berichtet.
Wie blickt der Westen auf den Dalai Lama?
Tenzin Gyatso gilt weltweit als Symbol für den gewaltlosen Widerstand und friedvollen Dialog. Er wurde 1989 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet und wird oft als „Weltgewissen“ bezeichnet. Sein Appell lautet: „Gewaltlosigkeit ist der richtige Weg. Der Erfolg in der Konfliktlösung führt nur über den Dialog. Dafür braucht man große Entschlossenheit und Geduld. Aber es ist die einzig richtige Methode.“
Was wünscht sich der Dalai Lama?
Sein Ziel ist kein unabhängiger Staat Tibet, sondern kulturelle Autonomie: die Freiheit, Sprache, Religion und Tradition zu bewahren und selbstbestimmt auszuleben.
Während Exil-Tibeter und buddhistische Gemeinschaften auf der ganzen Welt den Geburtstag des Dalai Lama feiern, bleibt die Frage der Nachfolge ein politisch brisantes Thema. Der 89-jährige Dalai Lama selbst sieht seine Verantwortung darin, sicherzustellen, dass die Institution des Dalai Lama erhalten bleibt – und nicht von außen bestimmt wird.