Wieder Griechenland-Erdbeben: Ist Mittelmeer-Urlaub sicher? Experte klärt auf

Ist der Sommerurlaub am Mittelmeer, zum Beispiel in Griechenland (Bild), aufgrund der gehäuften, stärkeren Erdbeben noch sicher? Ein Sicherheitsexperte gibt eine klare Einschätzung.
Socrates Baltagiannis/dpaGriechenland zählt zu den beliebtesten Reiseländern Europas – mit traumhaften Inseln, über 300 Sonnentagen im Jahr und einer reichen Kulturgeschichte. Doch das Urlaubsparadies liegt in einer der aktivsten Erdbebenzonen Europas. Immer wieder kommt es zu spürbaren Erschütterungen in der Ägäis – zuletzt gab es spürbare Beben nahe Rhodos, auch die Türkei war betroffen.
Am 7. Juni wurde die orthodoxe Mönchsrepublik am Berg Athos in Griechenland erschüttert. Das Beben hatte die Stärke 5,3 und sorgte dafür, dass an den berühmten Klöstern der Putz abfiel. Zudem bebte die Erde dieses Jahr bereits in Italien. Hier war zuletzt auch der Ätna ausgebrochen.
Was bedeutet das für Urlauber vor dem Sommer? Ist Mittelmeer-Urlaub noch sicher? Müssen Reisende umplanen oder reicht es, informiert und vorbereitet zu sein?
Griechenland-Erdbeben jetzt häufiger? Das sagt der Experte
Antworten liefert Sebastian Manstetten, Reisesicherheits-Analyst beim deutschen Krisenfrühwarn-Anbieter A3M Global Monitoring, der auch große Veranstalter wie TUI oder Dertour mit tagesaktuellen Sicherheitsdaten beliefert.
„Griechenland gehört zu den seismisch aktivsten Regionen Europas“, erklärt Manstetten auf Nachfrage von swp.de. Das gelte nicht nur für einzelne Inseln, sondern landesweit – vom Festland über die Kykladen bis nach Kreta und Rhodos. Dennoch gibt der Experte Entwarnung: „Die Wahrscheinlichkeit, dass es ausgerechnet während eines Urlaubs zu einem zerstörerischen Beben kommt, ist insgesamt gering.“ Zwar seien die jüngsten Erschütterungen rund um die griechischen Inseln deutlich spürbar gewesen, aber nicht außergewöhnlich. „Ein Beben der Stärke 7,0 – wie zuletzt 2020 vor Samos – kommt in dieser Region statistisch alle paar Jahre vor.“
Diese griechischen Regionen sind besonders betroffen
Die Frage, wo in Griechenland das Erdbebenrisiko am höchsten ist, lässt sich laut Manstetten eindeutig beantworten: „Die Erdbebengefahr ist landesweit vorhanden, wobei sich die aktivsten Gebiete in einem Streifen entlang der Westküste und weiter in einem Bogen über Kreta bis nach Rhodos ziehen. Aber auch die Kykladen verzeichnen immer wieder Erdbeben. Die zentrale Ägäis ist in den letzten 100 Jahren weniger von Erdbeben betroffen, während sie im Norden der Ägäis (auch um Lesbos) wieder höher ist.“
Italien: Hier ist die Erdbebengefahr hoch
In Italien finden die stärksten Erdbeben laut Manstetten im Süden statt und betreffen die bekannten phlegräischen Felder oder Sizilien und Kalabrien.
Türkei: Welche Regionen sind von Beben betroffen?
Beben in der Ägäis können laut Manstetten selbstverständlich auch die Türkei betreffen. „Da die seismische Aktivität östlich von Rhodos jedoch deutlich abnimmt, sind die Gebiete an der türkischen Südküste einem deutlich geringeren Erdbebenrisiko ausgesetzt“, sagt der Sicherheitsexperte
Erhöhtes Erdbebenrisiko: Was bedeutet das für Reisende?
Grundsätzlich gilt: Wer vorbereitet ist, reist sicherer. „Gerade Pauschalurlauber profitieren von professionellen Notfallplänen“, sagt Manstetten. „Große Veranstalter wie TUI oder Dertour haben etablierte Krisenprozesse – viele davon basieren auf den Warnsystemen von A3M.“ Für individuelle Urlauber, die Flug und Hotel einzeln buchen, empfiehlt der Experte, sich direkt bei Ankunft über Fluchtwege zu informieren und im Ernstfall die Hinweise der örtlichen Behörden ernst zu nehmen.
Richtiges Verhalten im Fall eines Bebens
Was viele unterschätzen: „Die größte Gefahr geht bei Erdbeben nicht vom Boden selbst aus, sondern von herabfallenden Gegenständen“, so Manstetten. Wer sich im Gebäude aufhält, sollte sich ducken und unter einem Tisch Schutz suchen – keinesfalls in Panik ins Freie laufen. Im Freien gilt: Abstand zu Gebäuden, Stromleitungen und Mauern halten. Generell kann es sinnvoll sein, sich bei der Ankunft über beschilderte Fluchtrouten zu informieren, und im Fall eines Bebens während des Aufenthalts sollte unbedingt auf die Anweisungen der lokalen Behörden geachtet werden.
Tsunami-Gefahr: In Griechenland selten, aber real
Immer wieder stellt sich bei Erdbeben nahe der Küste auch die Frage nach möglichen Tsunamis – so zuletzt bei einem Seebeben nahe Kreta mit anschließender Tsunami-Warnung. „Tsunamis im Mittelmeer sind selten, aber möglich“, erklärt Manstetten. Allerdings seien die meisten Beben im Mittelmeer zu schwach, um einen Tsunami auszulösen.
Wenn es aber dazu kommt, sind die Strecken zwischen dem Epizentrum eines Seebebens und der Küste oft verhältnismäßig gering, was laut dem Experten dazu führt, dass die Wellen das Land schnell erreichen können, mitunter wenige Minuten nach dem Beben. „Das Erdbeben in der Ägäis am 30.10.2020 war ein Beispiel dafür, dass solche Ereignisse auch im Mittelmeer auftreten.“, so Manstetten. Der Tsunami betraf gleich mehrere griechische Inseln und die türkische Küste. Die Gebiete wurden bereits 11 Minuten nach dem Beben überschwemmt. „Allerdings sollte trotzdem nicht vergessen werden, dass die viel größeren Schäden direkt durch das Erdbeben auftraten.“, gibt der Sicherheitsanalyst zu Bedenken. Grundsätzlich gilt: Wer nach einem starken Beben am Meer ist und ungewöhnliche Wasserbewegungen beobachtet – etwa plötzliches Zurückweichen des Wassers – sollte sich sofort ins Landesinnere begeben.
Das griechische Ministerium für Zivilschutz gibt ganz konkrete Verhaltenshinweise im Falle eines Tsunamis:
- Veränderungen des Meeresspiegels beobachten: Wenn sich das Wasser plötzlich stark zurückzieht oder ungewöhnlich stark ansteigt, ist das ein physikalisches Warnsignal für einen möglichen Tsunami.
- Nach einem starken Erdbeben die Küste verlassen: Bei einer Tsunami-Warnung am besten so schnell wie möglich ins Landesinnere oder auf höher gelegenes Gelände begeben. Auch ein zunächst klein wirkender Tsunami kann an einem anderen Abschnitt der Küste enorme Zerstörungskraft entwickeln.
- Küstenbereiche meiden, bis die Gefahr offiziell aufgehoben ist: Ein Tsunami besteht nicht aus einer einzigen Welle, sondern aus einer Serie von Wellen, die zeitlich versetzt auf die Küste treffen können. Darum ist es wichtig, offizielle Entwarnungen der Behörden abzuwarten.
- Nicht ans Ufer gehen, um den Tsunami zu beobachten: Wer versucht, das Naturphänomen aus der Nähe zu sehen, begibt sich in akute Lebensgefahr. Wenn die Welle mit bloßem Auge sichtbar ist, ist es meist bereits zu spät, um sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.
Fazit: Mittelmeer-Urlaub trotz Erdbebenrisiko?
„Die Erdbebengefahr in Griechenland ist gleichbleibend und die Wahrscheinlichkeit eines zerstörerischen Bebens ist statistisch gesehen insgesamt gering. Von daher sollte, bei aller gebotenen Vorsicht, einer Reise nach Griechenland nichts im Wege stehen.“ betont Sebastian Manstetten. Auch die Katastrophenschutzbehörden vor Ort sind sich der Gefahr bewusst und haben Handlungspläne, die sie im Ernstfall umsetzen können. Daher sollte man den lokalen Experten vertrauen. Pauschalreisende genießen hier den zusätzlichen Vorteil, dass ihr Reiseveranstalter ebenfalls solche Notfallpläne besitzt und diese womöglich auch mit den lokalen Behörden koordiniert.
