Landgericht Stuttgart: „Cold Case“ Brigitta J. nach 25 Jahren vor Gericht: Geschwister berichten von ihrem Leid

Der Prozess am Landgericht Stuttgart behandelt einen 25 Jahre alten Mordfall.
Marijan Murat/dpaWie soll man damit umgehen, dass ein geliebter Mensch ermordet wird? Es ist eine bedrückende Frage, die Andreas J. an diesem Vormittag im Saal 240 des Stuttgarter Landgerichts stellt. Eine befriedigende Antwort darauf kann es nicht geben. 25 Jahre ist es her, dass er seine Schwester Brigitta verloren hat. Erstochen an einem Freitagabend im Juli 1995 auf offener Straße in Sindelfingen. Mit der Tat habe das Leiden seiner Familie begonnen, sagt der 59-Jährige.
Es ist Tag vier im Mordprozess um den Angeklagten Hartmut M., der Brigitta J., als diese auf dem Heimweg von der Arbeit war, unvermittelt angegriffen und getötet haben soll. Anfang des Jahres war der wegen Totschlags und Erpressung vorbestrafte Ex-Topmanager aufgrund eines DNA-Treffers festgenommen worden. An diesem Tag soll es aber nicht um ihn, sondern um Brigitta J. gehen. „Ihr soll hier in der Hauptverhandlung ein Platz eingeräumt werden“, sagt der Vorsitzende Richter Norbert Winkelmann. Und nicht nur ihr, sondern auch ihrer Familie.
Der Vater zerbrach an der Tat
Neben dem jüngeren Bruder der Getöteten, die heute 61 Jahre alt wäre, sagt die ältere Schwester aus. In den Wochen vor der Tat habe sie sie immer wieder anrufen wollen. „Doch dann war’s zu spät“, sagt Nicola M. Am 15. Juli 1995, einen Tag nach Brigittas Tod, erfährt die 63-Jährige, was passiert ist. Zusammen fahren Eltern und Geschwister nach Stuttgart, sehen Brigitta ein letztes Mal. Es folgen Aussagen bei der Polizei, die Wohnung muss geräumt, ein Leben abgewickelt werden. „Am Anfang funktioniert man einfach, dann versucht man, zu verdrängen“, schildert Nicola M. ihre Gefühlslage. Der Vater sei an der Sache letztlich zerbrochen. die Mutter, heute 85, bleibt dem Prozess fern. Zu belastend.
Ihren Kindern, 1990 und 1992 geboren, erzählt Nicola M. erst mal nichts vom gewaltsamen Tod der Tante. Lange fehlen ihr die Worte. Auch der Bruder will seine Kinder schützen. „Eine solche Tat zeigt Abgründe auf.“ Doch insbesondere die Kinder der großen Schwester merken, dass etwas nicht stimmt. Seine Nichte habe dann die Initiative ergriffen, sagt Andreas J. Auf ihren Druck hin engagiert die Familie vor zwei Jahren den Berliner Anwalt Mario Seydel und verlangt Akteneinsicht. Als dann die Nachricht vom DNA-Treffer kommt, sind alle überrascht.
25 Jahre Ungewissheit, Kritik an Ermittlern
Dazwischen liegen 25 Jahre, in denen die Angehörigen nicht nur mit ihrer Trauer, sondern auch mit der Ungewissheit kämpfen, was passiert ist. Jahr für Jahr ruft Nicola M. bei der Polizei an und fragt nach Neuigkeiten. Von sich aus seien die Ermittler irgendwann nicht mehr auf sie zugekommen, sagt Andreas J. „Es gab keine Informationen mehr.“ Sein Anwalt wirft den Behörden offen Schlamperei vor. Anfangs sei nicht klar gewesen, wo die Akte und die Asservate gewesen seien. Eine Darstellung, der die Stuttgarter Staatsanwaltschaft widerspricht. So oder so: Die Familie hofft jetzt auf Antworten.
Vor Gericht erzählen die Geschwister von einer idyllischen Kindheit, zunächst in West-Berlin, später in Ottobrunn bei München. Brigitta erkrankt als Dreijährige zwar an einer Form von Tuberkulose, wird ein Vierteljahr komplett isoliert. Doch alles in allem sei es ihnen gut gegangen, sagt der Bruder. „Wir waren wohlbehütet.“ Ein großes Haus, ein großer Garten. Der Vater ist Physik-Professor, die Mutter Hausfrau. Die Familie ist naturverbunden, liebt die Berge. Die „Britt“, wie die Geschwister sagen, reitet, fährt gut Ski und ist künstlerisch begabt.
„An Weihnachten kommt alles wieder hoch“
Nach dem Abi absolviert Brigitta eine Keramikerlehre und studiert dann in Stuttgart an der Kunsthochschule, schlägt sich mit Nebenjobs durch. In der streng naturwissenschaftlich geprägten Familie nimmt sie eine Sonderrolle ein. Der Kontakt wird loser. Brigitta habe viel hinterfragt, sich auch psychologische Hilfe gesucht, erzählen die Geschwister. An ihrer Zuneigung ändert das nichts. „Sie war in meinem Leben eine ganz wichtige Person“, sagt der Bruder. Ein Satz, bei dem Andreas J., einem bärigen Typen, die Stimme bricht.
Etwa eineinhalb Jahre vor der Tat fährt Nicola M. mit ihren Kindern noch einmal nach Stuttgart. Unter Tränen sagt die 63-Jährige: „Das war unheimlich schön.“ Sie habe nach der Tat erst wieder lernen müssen, auch die schönen Dinge im Leben zu sehen, sagt Nicola M. „An jedem Weihnachtsfest, an jedem Silvester, an jedem Geburtstag kommt alles wieder hoch.“
Verhältnis wird ausgeschlossen
Die Anklage geht davon aus, dass sich Opfer und Angeklagter nicht kannten. Sowohl eine Freundin als auch die Schwester der Getöteten berichteten, dass Brigitta J. mit „Schickimicki-Typen“ und Anzugträgern nichts anfangen konnte. Als solcher Typ galt der Ex-Top-Manager Hartmut M. jedoch zu der Zeit. Ein Verhältnis der beiden wird damit ausgeschlossen.⇥dl

