Meteorologe blickt in die Zukunft: Sven Plöger: „Eine um vier Grad wärmere Welt wäre die Apokalypse“

Dass das Eis in der Arktis schmilzt, könne uns nicht egal sein, sagt Meteorologe Sven Plöger. Denn am Ende könne dieser Fakt zu Hochwasserkatastrophen führen. Wie im Ahrtal im Juli 2021.
Sebastian Knoth FotografieSchon als Kind war Sven Plöger fasziniert vom Himmel, den Wolken, der Fliegerei und Physik. Seit nun fast 30 Jahren spricht der Meteorologe im Radio übers Wetter, seit 25 Jahren steht er vor der Kamera und moderiert unter anderem die Live-Wettersendung „Wetter vor acht“. Gut gelaunt betritt der 57-Jährige an diesem Tag ein zugiges Café im Berliner Hauptbahnhof. Er ist gerade mit dem Zug aus Ulm angekommen, abends muss er bei der „Grünen Woche“ einen Vortrag über Klimawandel und Landwirtschaft halten. Bei Milchkaffee, Käse-Croissant und Apfeltasche spricht er eine Stunde lang unter anderem über Extremwetter, Donald Trump und Grönland. Dann setzt er sich den Hut auf und nimmt die S-Bahn zum nächsten Termin.
Herr Plöger, nicht nur US-Präsident Trump, auch Sie interessieren sich gerade sehr für Grönland. Sie sind sogar auf die Insel im Nordpolarmeer gereist, um dort eine Doku für die ARD zu drehen. Warum?
Vielleicht sollte ich mir echt Sorgen machen, dass Trump sich stets für das interessiert, was ich mache. Denn meine letzte Doku handelte vom Panamakanal. Für Grönland interessiere ich mich allerdings aus ganz anderen Gründen als Trump.
Und zwar?
Die Arktis ist eine der Weltregionen, die sich am stärksten verändert. Das Eis auf Grönland schmilzt derzeit fünfmal so schnell wie noch in den 1980er-Jahren. Das kann auch schlimme Auswirkungen auf das Wettergeschehen bei uns haben. Die Arktis ist unsere Wetterküche.
Wie meinen Sie das?
Stark vereinfacht gesagt, ist der Sinn von Wetter der Ausgleich von Temperaturunterschieden durch Luftströmungen. An den Polen ist es kalt, am Äquator ist es heiß. Die Natur versucht diese Unterschiede unter anderem durch den Jetstream – einen sehr starken Höhenwind – auszugleichen. Weil sich die Arktis in den letzten Jahrzehnten sehr viel stärker erwärmt hat als der Rest der Welt, nimmt der Temperaturunterschied zwischen Nordpol und Äquator ab und der Jetstream wird schwächer. Die Folge: Hochs und Tiefs bewegen sich auch bei uns langsamer.
Ist das ein Problem?
Ja. Wenn ein Hochdruckgebiet im Sommer sehr lange bei uns liegt, führt das zu Hitze und Dürre. Das haben wir in den Jahren 2018, 2019, 2020 und 2022 erlebt. Im Jahr 2021 hing ein Tief mit Starkregen bei uns fest. Es führte zur Katastrophe im Ahrtal und Teilen Westdeutschlands, bei der über 180 Menschen starben. Dass das Eis in der Arktis schmilzt, kann uns also nicht egal sein.
Glauben Sie, dass Sie mit Ihrer Arbeit einen einzigen Klimawandel-Leugner umstimmen können?
Zunächst einmal: Ich spreche nicht von Klimawandel-Leugnern, sondern von Klimaforschungs-Leugnern. Denn wer jetzt noch leugnet, dass das Klima sich wandelt, ist schon sehr weit ab von der Spur. Aber zurück zur Frage: Es ist nicht mein Ansatz, Klimaforschungs-Leugner umzustimmen. Ich bin kein Missionar, kein Ideologe mit erhobenem Zeigefinger. Ich sage den Leuten nicht, was sie zu tun oder zu lassen haben, denn das führt nur zu Reaktanz – ich nenne das gerne „pubertären Widerstand“, also Trotz. Eltern können ein Lied davon singen.
Vor zehn Jahren hat sich die Weltgemeinschaft bei der UN-Klimakonferenz in Paris das Ziel gesetzt, den Anstieg der globalen Temperaturen um 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Doch bereits im letzten Jahr war es 1,6 Grad wärmer. Ist der Kampf gegen die Klimaerwärmung verloren?
Wenn wir die nächsten vier Jahre auf Trumps „Frack, frack, frack“ und „Drill, baby, drill“ hören, wird es immer schwerer, die Kurve noch zu kriegen. Aber wenn wir uns zusammenreißen und bis 2050 jedes Jahr sechs Prozent Emissionen einsparen, dann ist das 1,5 Grad-Ziel immer noch machbar. Aber danach sieht es im Moment leider nicht aus. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird sich die globale Temperatur nicht um 1,5 Grad, sondern wohl um 2,7 Grad erhöhen. Viele Wissenschaftler gehen sogar davon aus, dass wir bis zum Ende des Jahrhunderts eine Erwärmung von drei bis vier Grad haben werden.
Wie sähe eine um drei bis vier Grad wärmere Welt aus?
Wenn Menschen mich danach fragen, sage ich immer: Das sage ich euch nicht, denn eine um vier Grad wärmere Welt wäre die Apokalypse. Um zu verstehen, welchen Unterschied drei bis vier Grad ausmachen, muss man nur zurückblicken. Am Ende der letzten Eiszeit vor 11.000 Jahren war es im weltweiten Schnitt drei bis vier Grad kälter als heute. Leben war damals an vielen Orten nicht möglich. Alle Alpentäler waren damals voller Eis. Österreich und die Schweiz waren unbewohnbar. Berlin lag mehrere 100 Meter unter Eis. Dort, wo heute New York ist, war eine anderthalb Kilometer dicke Eisschicht, Skandinavien lag zwei bis drei Kilometer unter Eis. Aber apokalyptische Erzählungen würden nur dazu führen, dass viele Leute sagen: Dann ist es ohnehin zu spät, um etwas zu tun. Dann taumeln wir jetzt eben in den Untergang.
Und welche Folgen hätte ein Temperaturanstieg um 2,7 Grad?
Wenn wir weiter auf dem 2,7-Grad-Pfad bleiben, wird alles exponentiell unangenehmer werden, dann steuern wir auf eine, ich möchte mal so formulieren, wirklich nicht lustige Welt zu. Dann kommen Wetterextreme auf uns zu, die viele sich nicht vorstellen können oder wollen. Dann wird es immer mehr Regionen geben, in denen man nichts mehr anbauen und in denen man nicht mehr leben kann. Das Abschmelzen der Gletscher wird zu einem Trinkwassermangel führen. Der Meeresspiegel wird steigen. Schon jetzt leben mehr als 180 Millionen Menschen unterhalb von einem Meter über dem Meeresspiegel. Wo sollen sie hin? Der Klimawandel führt also dazu, dass es auf der Welt deutlich enger wird. Und wir sehen ja schon jetzt, dass es immer Zank gibt, wenn jemand von woanders dorthin kommt, wo schon jemand ist.

Gemeinsam mit der Biologin Nadescha Zwerscke nähert sich Sven Plöger im Kajak den Eisbergen der Arktis. Zwerscke untersucht „Algenwälder“, die in der Tiefe des Eiswassers wachsen. Mit der Erwärmung der Arktis dehnen die Algenwälder sich aus – und speichern gewaltige Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid.
HR/MDR/SWR/Maike SimonWas wird noch passieren?
Der Klimawandel kann nicht nur zu unermesslichem menschlichem Leid, sondern auch zu unglaublichen finanziellen Belastungen führen. Der ungebremste Klimawandel verursacht unfassbare Kosten, die selbst alle Volkswirtschaften der Welt zusammen nicht tragen können. Studien von Ökonomen besagen, dass jeder nicht in den Klimaschutz gesteckte Euro mit zwei bis elf Euro zurückgezahlt werden muss. Investitionen in den Klimaschutz sind also die beste Geldanlage, aber leider widersprechen sie unserem kurzfristigen Denken in Monaten, Quartalen oder Legislaturperioden.
Trotzdem glauben Sie, dass das Ruder noch rumgerissen werden kann?
Ja, auch wenn die Menschheit bislang leider nicht die notwendige Reife zeigt, um endlich entschieden genug gegenzusteuern. Das Einzige, was wir bislang geschafft haben, ist, die Zunahme der Emissionen zu reduzieren. Da heißt nichts anderes als: Wir haben noch nie so viel emittiert wie heute! Die Frage ist: Wie viele Schläge und Einschläge brauchen wir noch, bis wir unser Verhalten endlich korrigieren? Wenn ich mir die Geschichte angucke, sehe ich aber auch, dass die Menschheit in Krisen immer wieder die Kraft und den Mut gefunden hat, Dinge anzupacken. Als optimistischer Rheinländer will ich deshalb glauben, dass wir die Kurve noch kriegen können.
In knapp drei Wochen ist Bundestagswahl. Aber der Klimawandel spielt im Wahlkampf keine große Rolle.
Ja, das ist verrückt. Ich habe den Eindruck: Viele Politikerinnen und Politiker und Wählerinnen und Wähler leben in einer Wunschwelt, einer Fantasiewelt. Aber mit jeder Emission wird die Lücke zwischen der realen und der Fantasie-Welt größer. Wird sie zu groß, fallen die jungen und die nachwachsenden Generationen hinein.
Warum wird dann trotzdem nicht über das Klima gesprochen?
Es liegt wohl daran, dass es derzeit weltweit leider nicht nur die Klimakrise, sondern sehr viele Krisen gibt. Und wenn der Mensch Sorgen hat, neigt er dazu, sich am Alten festzuklammern. Das erleben wir derzeit in der politischen Diskussion in Deutschland. Alle sprechen davon, dass die Wirtschaft gerettet werden muss, um Wohlstand zu erhalten. Das ist sicher richtig, aber Wirtschaft ohne Klimaschutz wird langfristig den Wohlstand zerstören.
Braucht es im Kampf gegen die Klimaerwärmung strengere Gesetze und Vorschriften?
Verpflichtende Gesetze und Vorschriften haben in der Geschichte schon viel Gutes bewegt. Als 1976 die Gurtpflicht eingeführt wurde, hieß es nicht: „Schnall dich an, wenn du Lust hast.“ Es war verpflichtend und hat viele Menschenleben gerettet. Das Verbot von verbleitem Benzin und die Einführung des Katalysators wurden ebenfalls erzwungen, auch wenn die Autoindustrie damals reflexartig und lautstark geklagt hat, dass dies Motoren und Arbeitsplätze zerstören würde. Beides ist nicht passiert. Was ich damit sagen will: Die Politik darf sich nicht ständig auf der Nase herumtanzen lassen oder ihre Entscheidungen von Umfragewerten abhängig machen.
„Bester Wettermoderator Deutschlands“
Sven Plöger (57) ist Diplom-Meteorologe, Buchautor, Redner und Wettermoderator und hält seit mehr als 20 Jahren Vorträge über Wetter und Klima. 2009 erschien sein erstes Buch zum Thema Klimawandel, 2010 erhielt er auf dem Extremwetterkongress in Bremerhaven den Preis „Bester Wettermoderator Deutschlands“. In seiner Freizeit ist Plöger gerne mit dem Segelflugzeug oder dem Gleitschirm unterwegs. Er ist verheiratet und lebt in Ulm. Die Sendung „Wie extrem wird das Wetter, Sven Plöger? Wenn die Arktis schmilzt“ kann man am Montag, 3. Februar, um 20.15 Uhr in der ARD sowie in der ARD-Mediathek sehen.
Also mehr Verbote für den Klimaschutz?
Ich weiß: Verbote sind schwer zu vermitteln, auch wenn vernünftige Verbote in der Sache helfen würden. Aber wer verbietet wem warum was? Und so möchte sich niemand in seiner Freiheit einschränken lassen. Das kann ich gut verstehen. Das Problem beim Klimawandel: Es ist ein schleichender Prozess und die Bedrohung durch ihn ist nicht konkret. Übersetzt heißt das: Irgendwann wird irgendwo irgendjemandem irgendetwas passieren. Damit können wir schlecht umgehen und warten erstmal ab, ob wirklich Gefahr lauert. Ein guter Vergleich ist die Corona-Pandemie. Da war die Gefahr sehr viel konkreter. Deshalb hat es schnell extreme Einschränkungen gegeben, die wir bereit waren zu akzeptieren. Später sind wir dann in eine Art „Regelwahn“ verfallen. Damit ließ die Akzeptanz schnell nach. Ich erinnere mich noch, dass ich die Maske wechseln musste, wenn ich mit dem Zug von Baden-Württemberg nach Bayern gefahren bin. Das war natürlich gaga, das versteht kein Mensch.
Also lieber doch keine Verbote?
Klimaschutz-Gesetze müssen sinnvoll sein und klug begründet und erklärt werden. Wenn sie einmal beschlossen sind, muss die Politik auch den Mut haben, sie durchzusetzen und durchzuhalten, auch wenn die Umfragewerte mal nicht so gut sind. Eine Wischiwaschi-Haltung ist nicht nur bei Klima-Themen Murks, sondern einfach nur unfassbar anstrengend. Wenn die Politik ein Fähnlein im Wind ist, kann das Wählerinnen und Wähler von demokratischen Institutionen und Parteien wegtreiben und sie dazu bringen, ganz absurde Parteien zu wählen.
Greta Thunberg hat noch vor ein paar Jahren Millionen Leute für den Klimaschutz begeistert. Auch Sie haben sich damals als Greta-Fan bezeichnet.
Ich habe gesagt, dass es für den Kampf gegen den Klimawandel eine Ikone braucht. Ich fand es damals sehr beeindruckend, dass ein junges Mädchen es schafft, weltweit so viele Menschen für den Klimaschutz zu begeistern. Aber ich bin nicht der Typ, der jemanden als Fan anhimmelt. Wenn Menschen jemandem bis zur Selbstaufgabe huldigen, ist mir das immer suspekt. Krasse Formen hat es bei Trump angenommen. Aber Elon Musk macht mir – nicht nur in der Hinsicht – noch mehr Sorgen als Trump.
Warum?
Weil er nicht 78, sondern erst 53 Jahre alt ist. Und als reichster Mann der Welt mit einer riesigen Plattform, die ohne Fakten-Check Fake News verbreitet, und seiner neuen Nähe zur Politik kann er meines Erachtens nicht nur im Kampf gegen den Klimawandel viel Unheil anrichten.
Sie sind 57 Jahre alt und haben keine Kinder. Macht der Klimawandel Ihnen persönlich trotzdem Angst?
Ich habe zwar keine eigenen Kinder, aber eine ganze Schar an Patenkindern, und auch alle anderen Kinder sind mir lieb. Manchmal sage ich Eltern und Großeltern deshalb: Wollt ihr euren Kindern und Enkelkindern ins Gesicht sagen: Dir soll es später mal schlechter gehen als mir! Die allermeisten Eltern und Großeltern wollen das natürlich nicht, tun aber trotzdem viele den Klimawandel beschleunigende Dinge, die genau dazu führen. Darum habe ich große Sorge. Aber ich habe keine Angst, denn Angst lähmt.



