Mehr als 60.000 Hitzetote in Europa
: Deutschland befindet sich unter den Top drei

In Deutschland ist es wieder sehr heiß, dabei steht die heißeste Phase wohl noch bevor. Im bisher wärmsten erfassten Sommer Europas 2022 gab es zigtausende Hitzetote, wie ein Forschungsteam errechnet hat.
Von
Philipp Staedele
Barcelona
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Einer Studie zufolge gabe es in Europa im Rekordsommer 2022 mehr als 60.000 Hitzetote.

Christian Charisius/dpa

Gemäß einer neuen Berechnung gab es im Sommer 2022 in Europa mehr als 60.000 Todesfälle, die auf Hitze zurückzuführen waren. Dieser Sommer war der heißeste auf dem Kontinent seit Beginn der Aufzeichnungen. Laut einem Forschungsteam, das in der Fachzeitschrift „Nature Medicine“ veröffentlichte, hatte Deutschland mit 8.173 Todesopfern die dritthöchste Anzahl an Hitzetoten, nach Italien (18.010 Tote) und Spanien (11.324 Tote). Bezogen auf die Bevölkerungszahl entsprach dies 98 Hitzetoten pro eine Million Einwohner. Damit belegt Deutschland den 13. Platz unter 35 europäischen Ländern.

Hitzebezogene Todesfälle sind schwer zu erfassen

Die Forschergruppe um Joan Ballester vom Barcelona Institute for Global Health (ISGlobal) ermittelte die Daten durch Analysen und Computermodelle. Die Erfassung von hitzebedingten Todesfällen ist keine einfache Aufgabe. Direkte Todesursachen aufgrund von Hitze, wie Hitzschlag oder Sonnenstich, werden selten angegeben. In Deutschland wurden durchschnittlich nur 19 solcher Fälle pro Jahr gemeldet, wie kürzlich vom Statistischen Bundesamt (Destatis) bekannt gegeben.

Daher sind Mediziner und Statistiker auf die Auswertung von Todesfällen und den Vergleich zwischen heißen und weniger heißen Sommern angewiesen. Wenn in Wochen mit hohen Temperaturen mehr Menschen sterben als in vergleichbaren Wochen anderer Jahre, wird diese Übersterblichkeit als hitzebedingt angesehen. Obwohl die meisten Hitzetoten bereits Vorerkrankungen hatten, hat die Hitze den Körper zusätzlich belastet.

Spanien hat die meisten Hitzetoten

Bei ihrer Analyse stützte sich Ballester und ihr Team auf eine umfangreiche Datenbasis, die mehr als 45 Millionen Todesfälle zwischen Januar 2015 und November 2022 umfasste. Diese Daten stammten aus 823 zusammenhängenden Regionen, die insgesamt 543 Millionen Menschen in 35 europäischen Ländern repräsentieren. Die Informationen wurden vom Statistischen Amt der Europäischen Union (Eurostat) bereitgestellt und durch Daten nationaler Statistikbehörden ergänzt. Um die Anzahl der Todesfälle in Beziehung zu setzen, verwendeten die Forscher Temperaturanomalien, die den Unterschied zwischen gemessenen Temperaturen und Basistemperaturen darstellten. Die Basistemperaturen wurden als Durchschnittswerte aus dem Referenzzeitraum von 1991 bis 2020 definiert.

Gemäß der Analyse lagen die Temperaturen in Europa im Juni 2022 zwischen 0,78 und 2,33 Grad über den Basistemperaturen, im Juli zwischen 0,18 und 3,56 Grad und im August zwischen 0,91 und 2,67 Grad. Die größten Abweichungen wurden in Spanien und Südfrankreich verzeichnet. Spanien war eines der am stärksten betroffenen Länder mit 237 Hitzetoten pro eine Million Einwohner, gefolgt von Italien (295), Griechenland (280) und Portugal (211). Frankreich verzeichnete die höchste Anzahl an hitzebedingten Todesfällen bei Menschen unter 64 Jahren (1007). Insgesamt lag Frankreich mit 73 Hitzetoten pro eine Million Einwohner eher im europäischen Durchschnitt.

Ältere Menschen haben besonders hohes Risiko

Wo diese Daten verfügbar waren, ordneten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die hitzebezogenen Todesfälle Altersklassen zu. Im Sommer 2022 starben demnach 4822 Menschen im Alter von bis zu 64 Jahren durch Hitze, 9226 im Alter von 65 bis 79 Jahren und 36 848 im Alter von 80 oder mehr Jahren. Das bestätigt, dass Hitze für ältere Menschen ein besonders großes Risiko darstellt.

Hitze stellt für ältere Menschen ein besonders hohes Risiko dar.

Jens Büttner/dpa

Die Forscher appellieren an die Politiker und fordern sie auf, zu handeln: „Angesichts des Ausmaßes der hitzebedingten Sterblichkeit auf dem Kontinent mahnen unsere Ergebnisse eine Neubewertung und Stärkung von Hitzeüberwachungs–Plattformen, Präventionsplänen und langfristigen Anpassungsstrategien an.“ Sollte es versäumt werden, Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel zu ergreifen, prognostizieren die Wissenschaftler eine mittlere Belastung durch hitzebedingte Todesfälle von etwa 68.000 pro Sommer bis zum Jahr 2030, mehr als 94.000 Todesfälle bis 2040 und deutlich über 120.000 Todesfälle bis 2050.

Erfassung von hitzebedingten Erkrankungen steht noch am Anfang

Matthias an der Heiden, ein Experte des Robert Koch–Instituts (RKI) in Berlin, bestätigt, dass die Berechnungen der Studie auf einer soliden Basis stehen. Dennoch haben er und seine Kollegen nur 4.500 Todesfälle aufgrund von Hitzewellen in Deutschland im Jahr 2022 ermittelt, im Gegensatz zu den 8.173 hitzebedingten Todesfällen, die in der aktuellen Studie berichtet werden. An der Heiden erklärt diesen Unterschied unter anderem mit unterschiedlichen Definitionen von „Hitze“. Während das Team um Ballester eine Wohlfühltemperatur (thermisches Optimum) bei einem wöchentlichen Durchschnitt von 17 bis 19 Grad annimmt, liegt diese in der RKI–Studie bei 20 Grad. An der Heiden warnt jedoch davor, die Auswirkungen von Hitze als Problem zu unterschätzen. „In heißeren Ländern gibt es oft schon mehr Anpassungen an hohe Temperaturen als hierzulande.“

Die Umweltmedizinerin Claudia Traidl–Hoffmann von der Universität Augsburg erklärte: „Die Studie konfrontiert uns für den Hitzesommer 2022 mit alarmierenden Zahlen. Da Sommer wie diese die normalen Sommer sein werden, sind dringend weitere Anstrengungen erforderlich.“ Die Erfassung von hitzebedingten Erkrankungen steht noch in den Anfängen. Die Baustruktur und Lebensweise vieler Menschen sind noch nicht ausreichend an extreme Hitze angepasst, und es besteht die Tendenz, die Gefahr zu unterschätzen. „Es wird Zeit, von der reinen Reaktion und Anpassung zu Resilienzstrategien zu kommen. Ein Hitzeschutzplan ist da nur ein Steinchen in einem großen Mosaik.“

Eckart von Hirschhausen, Moderator und Gründer der Stiftung Gesunde Erde Gesunde Menschen (GEGM), sagte: „Sommer — da hat man sich früher mal drauf gefreut. Heute wird mit jeder neuen Hitzewelle klarer, was wir für einen hohen gesundheitlichen Preis zahlen.“ Die aktuelle Studie verdeutliche, wie dringend Hitzeschutzpläne nötig seien. „Diese Daten sind ein Weckruf für die Politik, Klimaschutz als Gesundheitsschutz ernst zu nehmen, schnellstens Emissionen zu senken und dringende Anpassungen für resilientere Gesundheitseinrichtungen zu finanzieren.“

(mit Material von dpa)