Der Schock sitzt auch mehr als eine Woche nach dem schweren Kran-Unglück im Rostocker Hafen tief: Bei einem Belastungstest am Samstag, 2. Mai 2020, ereignete sich ein Unfall, bei dem 12 Menschen verletzt worden sind und ein Schaden von bis zu 100 Millionen Euro entstanden ist. Der 90 Meter hohe Riesenkran HLC295000 von Liebherr, der gerade erst auf dem Spezialschiff „Orion“ montiert worden war und kurz vor der Auslieferung und dem ersten Einsatz am Moray East Windpark vor Schottlands Küste gestanden hatte, sollte einen Lastkahn (Barge) mit einem Gewicht von 5500 Tonnen heben.
Nach dem Desaster, die "Orion" mit dem zerstörten Kran: Der Ausleger des HLC295000 war nach dem Hakenbruch wie ein Katapult hochgeschleudert worden und hintenübergeklappt.
Nach dem Desaster, die „Orion“ mit dem zerstörten Kran: Der Ausleger des HLC295000 war nach dem Hakenbruch wie ein Katapult hochgeschleudert worden und hintenübergeklappt.
© Foto: Bernd Wüstneck, dpa

Unglück bei Routine-Überlastungstest im Rostocker Hafen

Eigentlich ein Routine-Test, der Liebherrs bisher größten Schiffskran vor keine großen Probleme hätte stellen sollen – immerhin ist das neu entwickelte Modell auf eine Hubkraft von 5000 Tonnen ausgelegt – und hat dann immer noch erhebliche Sicherheits-Reserven.

Youtube Unglück bei Belastungstest

Doch ein wesentliches Teil des Krans versagte bei dem Test-Hub, und das löste eine fatale Kettenreaktion aus: Ein im Netz kursierendes Video zeigt, wie der bis zu 160 Meter lange Ausleger des HLC295000 – ähnlich wie der Wurfarm eines mittelalterlichen Kriegskatapults – in die Höhe schnellt. Der mächtige Doppel-Ausleger klappt hintenüber und kracht gegen den Kran, auf das Schiff und gegen die Kaimauer, Bruchstücke fliegen durch die Luft. Ein auf dem Liegeplatz geparkter Transporter wird durch den Kran völlig zerstört.
Mit Verzögerung schnellt die Hakenflasche, die mehrere Meter breite Halterung des Lasthakens, an den Seilen ebenfalls in die Höhe und rammt die Kanzel des Superkrans, in der fünf Menschen verletzt werden. Was war geschehen?

Neues Video zeigt, wie der Haken des HLC29000 bricht

Schnell gab es Gerüchte, dass ein gebrochener Haken die Ursache des Unfalls im Rostocker Hafen gewesen war – obwohl das im Netz kursierende Video erst beginnt, als der Kran-Ausleger bereits in die Höhe schnellt. Vier Tage nach dem Unglück bestätigt Liebherr in einer Pressemitteilung die vermutete Unglücksursache: „Ersten Erkenntnissen zufolge hielt der Kran-Haken der Belastung nicht stand.“
Jetzt ist bei Youtube ein von einem Computer abgefilmtes neues Video in schlechter Qualität aufgetaucht, das den Belastungstest und den Bruch des Hakens tatsächlich zeigt.

Youtube Neues Video zum Unfall beim Test des HLC295000

In dem Handy-Video ist die „Orion“ mit dem HLC 295000 von vorne zu sehen, links daneben im Wasser der 5500 Tonnen schwere Ballastkahn mit den Halteseilen am Haken. Plötzlich fällt der Haken aus der Fassung und stürzt mitsamt den Halteseilen auf den Kahn herab, während die riesige „Orion“ sich durch den Last-Abriss nach rechts zur Kaimauer neigt.
Die Hakenflasche – ohne Haken. Er war bei dem Unglück abgebrochen.
Die Hakenflasche – ohne Haken. Er war bei dem Unglück abgebrochen.
© Foto: Bernd Wüstneck, dpa

Das sagt Ropeblock, der Lieferant des Hakens

Liebherr hatte in seiner Pressemitteilung deutlich gemacht, dass der Haken nicht aus eigener Produktion stamme, sondern von einem Fremdhersteller zugeliefert worden sei. Um wen es sich handelte, wurde unter Verweis auf laufende Ermittlungen nicht gesagt. Mittlerweile ist aber publik geworden, dass der Haken von dem 1994 gegründeten Unternehmen Ropeblock im niederländischen Oldenzaal kam.
Liegt die Schuld am Unglück also beim Unternehmen Ropeblock, das sich selbst als Entwickler und Hersteller von Haken bezeichnet? Bei Ropeblock heißt es in einer Stellungnahme zum Unglück, dass man entsetzt sei „über die Auswirkungen des Vorfalls auf unseren Kunden Liebherr, aber sicherlich auch auf die gesamte Branche.“

Youtube Video von den Schäden

Unternehmen: Haken nur entworfen, nicht hergestellt

Doch Ropeblock weist darauf hin, dass man zwar den Haken selbst entworfen habe. Hergestellt und geliefert worden sei das Teil aber von einem zertifizierten Lieferanten, der vertraut sei mit Teilen ähnlichem und größeren Formats. Dieser Lieferant wird aber nicht genannt. Zudem, so Ropeblock, sei das Design vor der Herstellung von einer „autorisierten Stelle“ geprüft worden.
Des Weiteren bestätigt Ropeblock, dass offenbar der Hakenschaft gebrochen sei und erklärt dazu: „Der genaue Ablauf der Ereignisse und die Ursache sind jedoch noch unbekannt. Sie sind Teil einer Untersuchung, die auch die Herstellung des Hakens näher beleuchtet.“ Mehr will Ropeblock angesichts der laufenden Untersuchungen nicht sagen.

Spekulationen über Materialschaden oder Vorschädigung durch Test

In verschiedenen Medien, darunter die „Welt“, wird spekuliert, ob der vierarmige Haken wegen eines Materialfehlers oder eines bestehenden Vorschadens nach einem Belastungstest gebrochen ist. Möglich wäre, das der Haken aus mehreren Teilen besteht, auch ein Montagefehler.
Bei Liebherr heißt es dazu auf Anfrage mit Verweis auf die laufenden Untersuchungen, dass man sich an Spekulationen nicht beteilige. Dieter Schmidt, Sprecher der Liebherr-MCCtec Rostock GmbH, konnte am Dienstag weder etwas darüber sagen, ob der Haken vor dem Unglück eigens getestet worden war, noch ob Ropeblock-Haken, welche an anderen Liebherr-Kranen montiert sind, nun noch einmal überprüft werden.
Nach dem Unglück: Die Orion hat Schlagseite.
Nach dem Unglück: Die Orion hat Schlagseite.
© Foto: Stefan Tretropp, dpa

Spezialfirma erstellt Konzept für Bergung

Welche Schäden im Detail durch die Havarie am Schiff „Orion“ und am Kran entstanden sind, war ebenfalls nicht zu erfahren. Schmidt zufolge wurde inzwischen aber Kontakt zu einer Spezialfirma aufgenommen, die ein Konzept für die Bergung des Krans und der Trümmer erstellen soll. Ob der Superkran noch repariert werden kann und wie lange das dauern würde, ist derzeit unklar.

Haken bricht bei 2600 Tonnen - Es hätte noch schlimmer kommen

Klar scheint dagegen, dass der Vorfall trotz der Verletzten und des enormen Schadens insgesamt glimpflich ausgegangen ist – der Haken brach zum Glück bei einem Test im Hafen und nicht auf hoher See. Denn es hätte wohl noch viel schlimmer kommen können: Liebherr zufolge versagte der Hakenschaft bei einer Last von etwa 2600 Tonnen. Diesen plötzlichen, auch bei kleineren Kranen und und sogar Baggern gefürchteten plötzlichen Last-Abriss konnte das auf extreme Hübe ausgelegte Offshore-Installationsschiff „Orion“ noch verkraften: Es neigte sich nur.
Hätte der Hakenschaft aber noch länger „gehalten“ und wäre zum Beispiel erst bei 5000 Tonnen gebrochen, so wäre der Ausleger noch weit heftiger in die Höhe geschleudert worden – und die Orion hätte sich möglicherweise durch den viel stärkeren Abriss-Impuls noch weiter geneigt – mit 125 Menschen an Bord.

Das Modell HLC295000 ist auf extreme Lasten ausgelegt

Liebherr hat den HLC295000 für das Spezialschiff der belgischen DEME-Gruppe entworfen. Für die Entwicklung wurden Kräfte aus den Liebherr-Werken in Rostock, Nenzing und Biberach gebündelt. Aus Biberach zum Beispiel kamen der Drehkranz und die Winde.
Das Spezialschiff „Orion 1“ aus der chinesischen Cosco-Werft soll mit dem Kran für den Aufbau von Windkraftanlagen und für den Rückbau ausgedienter Offshore-Ölförderanlagen und Gasförderanlagen eingesetzt werden. Entsprechend wurde der neue Liebherr-Kran ausgestattet:
  • Allein der Ausleger des HLC 295000 ist bis zu 160 Meter lang. Selbst über ein Fußballfeld mit 90 Metern Länge würde der Kran somit um 70 Meter hinausragen.
  • Der Kran selbst ist 90 Meter hoch
  • Der Kran erreicht damit eine Hubhöhe von bis zu 180 Meter. Das ist fast doppelt so hoch wie die Freiheitsstatue in New York und immer noch deutlich höher als das Ulmer Münster (161,5 Meter) oder der Kölner Dom, der 157 Meter.

Das sind der Liebherr-Konzern und die Liebherr-MCCtec Rostock GmbH

Insgesamt beschäftigt der Liebherr-Konzern mit Sitz im schweizerischen Bulle sowie im oberschwäbischen Biberach an der Riß (Baden-Württemberg) weltweit 48.049 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der der 1949 in Kirchdorf an der Iller im Kreis Biberach gegründete Hersteller von
  • Krananlagen
  • Bergbaugeräten
  • Verkehrstechnik
  • Haushaltsgeräten
erzielte 2019 einen Erlös von 11,75 Milliarden Euro.
Die Liebherr-MCCtec Rostock GmbH wurde 2002 gegründet. Das Werk an der Ostsee nahm 2005 den Betrieb auf und entwickelt und fertigt
  • Schiffskrane
  • Hafenmobilkrane
  • Offshorekrane
  • Hafentransportfahrzeuge (Reachstacker)
  • Komponenten für Containerkrane
Einige Fakten zum Unternehmen Liebherr MCCtec Rostock GmbH:
  • Gründung: 2002
  • Mitarbeiter: 1640
  • Bebaute Fläche: 136.000 Quadratmeter
  • Gesamtfläche: 451.000 Quadratmeter