Es war eine fast bizarr anmutende Szene: Der bis zu 160 Meter lange Ausleger des 90 Meter hohen Riesenkrans HLC295000 von Liebherr schnellt in die Höhe, klappt hintenüber und knallt auf das Schiff und die Kaimauer. Bei einem Belastungstest von Liebherr im Rostocker Hafen ist der Kran-Ausleger kollabiert, binnen Sekunden war der Gigant, der bis zu 5000 Tonnen heben sollte und höher als das Ulmer Münster war, zu großen Teilen Schrott. Mehrere Menschen wurden verletzt, der Schaden soll zwischen 50 und 100 Millionen Euro liegen.

Youtube Doppel-Ausleger von Liebherrs HLC295000 kollabiert

Spekulationen über die Ursache des Kran-Unglücks in Rostock

Seit dem Unglück am Samstag, 2. Mai, gab es viele Spekulationen über die Ursache. Bei dem Test-Hub eines 5500 Tonnen schweren Pontons soll der riesige, vierarmige Haken abgebrochen sein und eine fatale Kettenreaktion ausgelöst haben. Der Haken mit der Aufschrift „SWL 5000 t“ – was wohl für „Safe Working Load“ 5000 Tonnen steht, stammt von einem Zulieferer, doch in sozialen Medien ist nach dem Unglück von einem Imageschaden für Liebherr die Rede. Jetzt hat Liebherr erstmals offiziell zu dem Unglück bei dem so genannten Überlasttest Stellung genommen und klargestellt, dass der Fehler nicht bei dem Unternehmen liege.
Ersten Einschätzungen zufolge beläuft sich der Schaden auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag.

Liebherr schließt eigenen Fehler als Ursache aus

Demnach hat tatsächlich der Kran-Haken versagt, er habe der Belastung nicht standgehalten: „Zum jetzigen Zeitpunkt des Ermittlungsstandes gehen die zuständigen Behörden und Experten einhellig von einem gebrochenen Kran-Haken als Unfallursache aus.“ Warum der Haken der Belastung nicht standgehalten hatte, habe man bei den Ermittlungen bisher noch nicht klären können, hieß es weiter.
In dem Statement erklärt das Unternehmen: „Die Entwicklung und Herstellung des Kran-Hakens wurde von einem externen Lieferanten zugekauft. Ein Konstruktions- sowie ein Produktionsfehler des Liebherr-Krans kann somit ausgeschlossen werden.“ Mittlerweile weiß man, dass der Haken von der niederländischen Firma Ropeblock kam.
Der beschädigte Liebherr-Kran HLC295000 mit dem zusammengebrochenen Ausleger.
Der beschädigte Liebherr-Kran HLC295000 mit dem zusammengebrochenen Ausleger.
© Foto: Bernd Wüstneck, dpa

Kran-Haken gebrochen bei einer Last von 2600 Tonnen

Liebherr berichtet weiter, dass es sich bei einem Überlasttest um einen branchenüblichen Vorgang handele, bei dem der Kran auf seine maximale Traglast getestet werde. Der Überlasttest am 2. Mai für den HLC295000 habe mit einer Last von 5500 Tonnen vorgenommen werden sollen. Als Gewicht für den Hub habe eine entsprechend schwer beladene Barge, also ein Lastkahn, gedient. Liebherr zufolge deuten die bisher bekannten Fakten darauf hin, dass sich der Vorfall bei einer Belastung von rund 2600 Tonnen ereignet und eine Kettenreaktion ausgelöst habe.

Betrieb am Liebherr-Standort Rostock läuft weiter

In Rostock dürfte das Entsetzen nach dem Unfall groß gewesen sein, hatte doch der Bau des Superkrans mehrere Monate gedauert. Und um den 5000-Tonnen-Kran inmitten der Corona-Krise auf dem knallgrünen Spezialschiff „Orion“ ohne die Gefahr einer Verbreitung des Coronavirus montieren zu können, hatten sich das Bau-Team sogar in Quarantäne begeben: 35 Mitarbeiter lebten und arbeiteten sechs Wochen lang in einem abgesperrten Isolationsbereich.
Dennoch hat das Unglück den Angaben zufolge keine Auswirkungen auf den laufenden Betrieb der Liebherr-MCCtec Rostock GmbH. Leopold Berthold, Geschäftsführer der Liebherr-MCCtec Rostock GmbH, sagte: „Wir wünschen den Verletzten auch auf diesem Weg alles Gute und hoffen auf eine schnelle und vollständige Genesung.“
Angesichts des Schadensausmaßes sei man in Rostock vor allem dankbar, dass es nicht zu weiteren Personenschäden gekommen sei. Und: „Unsere Priorität liegt aktuell auf der umfassenden Unterstützung der ermittelnden Behörden, um zu einer möglichst raschen Aufklärung des Unfalls beizutragen.“

Das ist der Liebherr-Standort Rostock

Die Liebherr-MCCtec Rostock GmbH wurde 2002 gegründet. Das Werk an der Ostsee nahm 2005 den Betrieb auf und entwickelt und fertigt
  • Schiffskrane
  • Hafenmobilkrane
  • Offshorekrane
  • Hafentransportfahrzeuge (Reachstacker)
  • Komponenten für Containerkrane
Das Liebherr-Werk (links) im Rostocker Hafen.
Das Liebherr-Werk (links) im Rostocker Hafen.
© Foto: Rostock Port/Nordlicht
Das Werk, das Unternehmensangaben zufolge im Bereich der Hafenmobilkrane Weltmarktführer ist, liegt direkt am Hafen und hat auch eine Ausbildungsstätte, die Liebherr-Akademie Rostock. Einige Fakten zum Unternehmen Liebherr MCCtec Rostock GmbH:
  • Gründung: 2002
  • Mitarbeiter: 1640
  • Bebaute Fläche: 136.000 Quadratmeter
  • Gesamtfläche: 451.000 Quadratmeter

Insgesamt beschäftigt der im Jahr 1949 in Kirchdorf an der Iller gegründete Liebherr-Konzern mit Sitz im schweizerischen Bulle sowie in Biberach weltweit 48.049 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Firmengruppe umfasst über 140 Gesellschaften. Der Umsatz betrug 2019 mehr als 11 Milliarden Euro.