Letzte Zeugen
: „Wir sehen Dinge, die nach uns keiner mehr sieht“ – der Alltag einer Tatortreinigerin

ReportageWenn Bernadeta Lotze Wohnungen betritt, erzählt jedes Detail eine Geschichte: ein Teddy, eine Notiz, ein ungemachtes Bett. Die Tatortreinigerin räumt auf, desinfiziert und beseitigt Spuren des Todes.
Von
dpa
Zella-Mehlis
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Tatortreiniger im Thüringer Wald im Einsatz: PRODUKTION - 19.05.2026, Thüringen, Ilmenau: Firmeninhaberin Bernadeta Lotze (47) in einem Schutzanzug und mit FFP3-Maske, bevor sie mit der Wohnungsreinigung im Thüringer Wald am 19. Mai 2026 beginnt. In der Wohnung wurde die verstorbene Bewohnerin aufgefunden. Die Firma Tatortreinigung Lotze führt die Reinigung von Tatorten, Unfallorten sowie stark kontaminierten Räumlichkeiten durch. (zu dpa: «Letzte Spuren - vom Alltag einer Tatortreinigerin») Foto: Jacob Schröter/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Tatortreinigerin Bernadeta Lotze (47) betritt im Schutzanzueg die Wohnung – dort wurde eine verstorbene Frau gefunden.

Jacob Schröter/dpa
  • Porträt einer Tatortreinigerin: Bernadeta Lotze arbeitet in Zella-Mehlis im Familienbetrieb.
  • Ihr Team räumt, desinfiziert und macht Leichenfundorte wieder bewohnbar – oft in Vermüllung.
  • Rituale und Diskretion prägen die Einsätze, denn sie sind die letzten Zeugen der Hinterlassenschaften.
  • Die Arbeit ist körperlich und emotional fordernd, Fachwissen und Feinfühligkeit sind zentral.
  • Eindrücklicher Fund in Thüringen: ein Zettel mit „Hilfe! Bitte helft mir! Ich sterbe“.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Schweigend und mit geübten Handgriffen ziehen sich Bernadeta Lotze und ihr Team die Schutzanzüge und Masken über, bevor sie nacheinander die enge Treppe hinaufsteigen. Im Dachgeschoss des Hauses im Thüringer Wald bahnen sich die vier ihren Weg über Berge aus Verpackungen, verdorbenen Lebensmitteln und Unrat. Routiniert stopfen sie den Müll in große blaue Säcke. In der Luft hängt ein süßlicher Geruch nach Verdorbenem, der selbst durch die Masken wahrnehmbar ist. Auf dem Boden liegen teils verpuppte Maden. „Wir wissen nie, womit wir es zu tun haben“, sagt Lotze.

Die 47-Jährige arbeitet als zertifizierte Tatortreinigerin. Ihre Firma im südthüringischen Zella-Mehlis ist auf die Reinigung von Leichenfundorten spezialisiert. Sie beseitigt Blutspuren, Körperflüssigkeiten, Verwesungsrückstände und räumt zugemüllte Wohnungen. Sie wird etwa nach Gewaltverbrechen, Unfällen, Suiziden oder natürlichen Todesfällen beauftragt, um Räume wieder bewohnbar zu machen und diese von Bakterien, Schimmelpilzen, Viren oder Sporen zu befreien.

Eigentlich wollte Lotze zur Polizei. Als es mit diesem Berufswunsch nicht klappte, entschloss sie sich, statt Spuren zu sichern, diese zu beseitigen. „Wenn nach vorn nichts geht, musst du eben nach links oder rechts – irgendwo ist immer eine Tür, die sich öffnet.“

Die letzten Zeugen

Heute beschäftigt die staatlich geprüfte Desinfektorin elf Mitarbeiter im Familienbetrieb, mit dem sie sich vor zwölf Jahren selbstständig machte. Neben Bruder und Schwägerin arbeitet auch ihr ältester Sohn mit. Bei ihren Einsätzen haben sie ein Ritual: Nicht nur aus Respekt vor den Verstorbenen begrüßen Lotze und ihr Team jede Wohnung mit einem „Guten Tag“. Tatortreiniger seien die letzten Zeugen, die einen Ort noch einmal so betreten, wie ihn die Verstorbenen hinterlassen haben. „Wir sehen Dinge, die nach uns keiner mehr sieht“, sagt Lotze. „Und wir behalten sie für uns.“

Doch nicht nur Diskretion verlangt ihr Job. Er ist gleichermaßen körperlich anstrengend wie emotional fordernd. „Das kann nicht jeder machen“, weiß die zierliche, blonde Frau. „Wenn ich Ekel hätte, wäre ich hier falsch“, fügt sie in ihrem unverkennbaren polnischen Akzent hinzu. Die Wohnungen, die sie räumt und reinigt, erzählen auch nach dem Tod viel über das Leben.

Tatortreiniger im Thüringer Wald im Einsatz: PRODUKTION - 19.05.2026, Thüringen, Ilmenau: Firmeninhaberin Bernadeta Lotze (47, l), Kevin Lotze (24, 2.v.l.), Bozena Mazurkiewicz (2.v.r.) und Jan Mazurkiewicz (r) ziehen ihre Schutzanzüge an, bevor sie mit der Wohnungsreinigung im Thüringer Wald am 19. Mai 2026 beginnen. In der Wohnung wurde die verstorbene Bewohnerin aufgefunden. Die Firma Tatortreinigung Lotze führt die Reinigung von Tatorten, Unfallorten sowie stark kontaminierten Räumlichkeiten durch. (zu dpa: «Letzte Spuren - vom Alltag einer Tatortreinigerin») Foto: Jacob Schröter/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die Tatortreiniger ziehen ihre Schutzanzüge an, bevor sie mit der Wohnungsreinigung beginnen.

Jacob Schröter/dpa

Spuren eines Alltags

Da ist das Regal, in dem - inmitten des ganzen Chaos und Schmutzes - ordentlich aufgereiht die Putzmittel stehen, die Notiz auf einer schwarzen Magnettafel am Kühlschrank für Kürbissuppe und Erdbeeren oder die auf dem Boden verteilte Wolle. Lotze hebt einen kleinen schwarzen Teddy auf, der mit zahlreichen bunten Stecknadeln gespickt ist. „Wir wissen nicht, welche Bedeutung diese Dinge für die Menschen hatten. Wir bilden uns kein Urteil über sie und bewerten auch nicht ihr Leben.“

Während Lotze sich weiter durch den Müll kämpft, deutet sie auf eine verschmutzte Matratze unter dem Fenster, auf der wochenlang die Leiche einer Frau lag. „So will keiner enden und vergessen werden.“ Dass Menschen einsam in ihren vier Wänden sterben und ihr Tod lange unbemerkt bleiben, damit kann sie sich auch nach all den Jahren nicht abfinden. „Daran gewöhne ich mich nie“, sagt die zweifache Mutter, die abseits ihres Jobs umso bewusster die Zeit mit ihrer Familie verbringt und zum Abschalten auch gerne mal einen Krimi liest. Und dennoch will sie ihre Arbeit nicht missen. Gerade bei stark zugemüllten Wohnungen entschädige das Ergebnis am Schluss für die Anstrengungen.

Tatortreiniger im Thüringer Wald im Einsatz: PRODUKTION - 19.05.2026, Thüringen, Ilmenau: Firmeninhaberin Bernadeta Lotze (47), in einem Schutzanzug und mit FFP3-Maske ausgerüstet, hat einen Teddybär mit Nadeln darin in der Wohnung gefunden. Sie reinigt mit ihrem Team eine Wohnung im Thüringer Wald am 19. Mai 2026. In der Wohnung wurde die verstorbene Bewohnerin aufgefunden. Die Firma Tatortreinigung Lotze führt die Reinigung von Tatorten, Unfallorten sowie stark kontaminierten Räumlichkeiten durch. (zu dpa: «Letzte Spuren - vom Alltag einer Tatortreinigerin») Foto: Jacob Schröter/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Bernadeta Lotze (47) hat einen Teddybär mit Nadeln darin in der Wohnung gefunden.

Jacob Schröter/dpa

Arbeit im Verborgenem

„Tatortreiniger brauchen eine gute, stabile Psyche – und vor allem ganz viel Fachwissen“, sagt Christopher Lücke, Sprecher des Bundesinnungsverbandes des Gebäudereiniger-Handwerks in Berlin. Der Berufsbegriff sei allerdings nicht geschützt, weshalb sich theoretisch jeder so nennen könne. Seriöse Tatortreiniger seien meist ausgebildete Gebäudereiniger, die sich oft noch zusätzlich in Seminaren und Fortbildungen im Hinblick auf Hygiene und Desinfektion weiterbilden. Neben dem fachlichen Hintergrund für die sensiblen Einsatzorte müssten sie ebenso über eine gewisse Feinfühligkeit im Umgang mit den Angehörigen verfügen.

Spätestens seit der preisgekrönten und schwarzhumorigen TV-Kultserie „Der Tatortreiniger“ mit Bjarne Mädel als Heiko „Schotty“ Schotte ist der Beruf einem breiten Publikum bekannt und fasziniert viele Menschen. Aber ihre Arbeit funktioniere im Stillen, wie Lücke betont. Zudem sei die Tatortreinigung innerhalb der Branche ein absolutes Nischenangebot.

Laut dem Verband beschäftigt das Gebäudereiniger-Handwerk in Deutschland nahezu 700.000 Beschäftigte in mehr als 30.000 Betrieben. „Auf unserer Dienstleistungsseite, wo Kunden nach Regionen und Anbietern schauen können, finden sich bundesweit 50 Unternehmen, die dezidiert die Tatortreinigung anbieten.“

Eine letzte Botschaft

Am Ende des Tages ist auch die Wohnung in Thüringen leer und gesäubert. Die Hinterlassenschaften eines ganzen Lebens sind im Container verschwunden und kommen in die Müllverbrennung. Und doch ist da dieser Moment, der selbst einen gestandenen Profi wie Lotze sprachlos macht. Während des Räumens in den vermüllten Zimmern findet sie ein kariertes Blatt, auf dem mit schwarzem Filzstift in Druckbuchstaben eine letzte Botschaft steht: „Hilfe! Bitte helft mir! Ich sterbe“.

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