Warum L’Amour toujours?
: Rechtsextreme eignen sich Party-Song an – Experte im Interview

Welche Bedeutung hat die Musik in rechtsextremen Kreisen und wie ist die Szene organisiert? Thorsten Hindrichs, Musikwissenschaftler an der Universität Mainz, im Interview.
Von
David Hahn
Berlin
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Mahnwache auf Sylt

Mahnwache auf Sylt nach den Vorfällen im Pony-Club. Gäste hatten ausländerfeindliche Parolen zum Song L’Amour toujours gerufen. Das Video davon ging viral und sorgte deutschlandweit für Bestürzung.

Lea Sarah Albert/dpa

Der Party-Hit L’Amour toujours sorgt seit mehreren Monaten für Schlagzeilen. Der Song wird zunehmend von rechtsextremen Kreisen vereinnahmt. Gibt es eine Erklärung dafür, warum ausgerechnet dieses Lied als Grundlage für rassistische und ausländerfeindliche Parolen benutzt wird?

Pony Club Sylt: Nazi-Parolen zu L’Amour toujours von Gigi D'Agostino

Zuletzt ging ein Video von Partygästen im Pony Club auf Sylt viral, die zu dem Lied ausländerfeindliche Nazi-Parolen grölten. In sozialen Medien ist der Song Begleitmusik für rechte bis rechtsextreme Videos und Aussagen. Volksfeste, unter anderem das Oktoberfest, haben bekannt gegeben, dass L’Amour toujours dieses Jahr nicht gespielt werden dürfe. Wie vereinnahmen Rechtsextreme Songs, die eigentlich keinen politischen Hintergrund haben? Wir haben mit Thorsten Hindrichs, Musikwissenschaftler an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, über die Bedeutung von Musik in rechtsextremen Kreisen, die Größe des Netzwerks und deren Umsatz gesprochen.

Zur Person

Thorsten Hindrichs

Thorsten Hindrichs, Musikwissenschaftler, seit 2002 in der Abteilung Musikwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Mitglied im Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus Rheinland-Pfalz und im Beirat von pop rlp, darüber hinaus seit vielen Jahren in der politischen Bildungsarbeit gegen rechts aktiv.

JGU Mainz

Interview

Welche Bedeutung spielt Musik in der rechten und rechtsextremen Szene?

Eine ganz zentrale Bedeutung. Auf der einen Seite geht es ganz banal um Geld. Mit extrem rechter Musik wird viel Geld umgesetzt, aber natürlich gehören auch alle möglichen sozialen Faktoren dazu, also Networking und Gruppenstabilisierung, sozusagen der Zusammenhalt als soziale Gruppe. In Bezug auf Tonträger und Streamingdienste geht es natürlich auch um eine Alltagsanschlussfähigkeit für extreme Rechte. Viele Leute mögen unheimlich gerne Musik und gestalten ihren Alltag auch gerne damit. An der Stelle funktionieren extrem Rechte auch nicht anders.

Gibt es eine Erklärung dafür, warum ausgerechnet der Partyhit L‘amours toujours für rassistische Parolen verwendet wird?

Keine, die zwingend auf diesen Song hindeutet. Sondern das ist, glaube ich, schlicht und einfach ein gewisses Momentum. Der genaue Ursprung ist ungeklärt. Es gibt das Gerücht, dass es zum ersten Mal in einem Festzelt im letzten Herbst gesungen worden wäre. Das ging dann bei TikTok und bei Instagram viral. Also ich glaube, das sind mehr die Eigendynamiken von Social Media. Es hätte auch irgendein beliebiger anderer Song sein können.

Welche Rolle spielen die sozialen Netzwerke bei der Popularität von L’Amour Toujours genau?

Auf der einen Seite tragen natürlich soziale Netzwerke dazu bei, weil das dann immer wieder geteilt wird auf TikTok und Co. Im Moment spielt, glaube ich, auch eine große Rolle, dass sehr viele Medien darüber berichten. Das ist natürlich ein klassisches Dilemma.

Kann es sein, dass die Berichterstattung den Song in rechten Kreisen noch populärer macht? Oder wirkt sie dagegen?

Die Berichterstattung trägt dann natürlich ihren Teil dazu bei, ob sie will oder nicht. Das ist eben ein Dilemma, aus dem kommt man nicht raus. Wie ich beobachte, nehmen auch Nazichats immer wieder Bezug darauf und teilen intern, wie darüber berichtet wird. Also Sylt ist im Moment auch in deren Telegramchats eigentlich Thema Nummer 1.

Wie wird das in den Chats aufgegriffen? Ist es ein Erfolg oder eine Kritik?

Auf der einen Seite ist es eine Kritik, wie blöd die Medien und die Systempresse sind. Wie furchtbar sensibel die ganzen woken Gutmenschen und der links-grün versiffte Mainstream sind. Aber das wird gleichzeitig auch immer gekoppelt an eine Feierei dieser Songs.

Und es gibt auch schon etliche Memes. Zum Beispiel irgendein Wehrmachtssoldat auf einem Motorrad und obendrüber ist dann einfach döp döp döp als Verweis auf den Song gelegt.

Bei TikTok wird der Sound auch viel verwendet unter Videos, die einen extrem rechten Inhalt haben. Ist das auch Teil einer ganzen Kampagne?

Ja, habe ich auch schon gesehen. Das sind ganz klassische Eigendynamiken, die dabei zum Tragen kommen.

Gibt es noch andere Songs, die gerade in rechten Kreisen populär sind? Lässt sich bei der Song oder Musikauswahl ein Muster erkennen?

Muster habe ich jedenfalls bisher noch nicht erkennen können. Aber Songs, die erstmal nicht explizit rechts gemeint sind, zu covern und für sich umzudeuten, ist keine ganz neue Entwicklung. Das hat es schon vor 30 Jahren gegeben. Frank Rennicke ist ein extrem rechter Liedermacher, der Mitte der Neunzigern ein ganzes Album mit Coverversionen vorgelegt hat. Da ist dann auch Hannes Wader dabei und Reinhard Mey. Es gab auch schon Coverversionen von Ton Steine Scherben. Und gerade Ton Steine Scherben ist ja eher unverdächtig, was rechtes Gedankengut angeht. Es ist eigentlich ein altes Phänomen, was über Social Media eine ganz neue Aktualisierung erfährt.

Oft wehren sich Bands und Musikerinnen dagegen und sprechen Verbote für bestimmte Veranstaltungen aus. Zum Beispiel, dass ihr Song in einem bestimmten Kontext nicht gespielt werden darf. Gigi D‘Agostino gab bisher nur eine Richtigstellung in dem Sinne heraus, dass der Song über die Liebe und für alle da sei. Was steckt dahinter?

Der Song hat eine Eigendynamik angenommen, sodass D‘Agostino glaube ich keine Wahl hat. Er kann jetzt nicht sagen, ich verbiete allen Neonazis, das zu benutzen. Das wird einfach in der Praxis nicht funktionieren. Das geht ein bisschen einfacher, wenn es an eine Form von Institution gebunden ist. Vor paar Jahren konnte Helene Fischer ihre Musik ganz konkret für die Institutionen NPD verbieten lassen, sodass diese ihre Songs nicht mehr bei Wahlkampfveranstaltungen spielen durften. Aber in diesem Fall hat es sich verselbstständigt. An wen sollte sich D‘Agostino oder das Verbot richten?

Welches Netzwerk steckt hinter rechtsextremer Musik und wie ist es organisiert?

Es ist ein kein besonders öffentliches Netzwerk, aber das Musiknetzwerk der extremen Rechten ist eigentlich mit dem Netzwerk der extremen Rechten insgesamt deckungsgleich. Das ist ein Auszeichnungskriterium, was zum Beispiel Rechtsrock so besonders macht in meinen Augen. Eigentlich alle Musikerinnen und Bands verstehen sich vornehmlich als politische Aktivisten. Diese Musik zu machen, ist Teil des politischen Kampfes. Das finde ich in keiner anderen Musikszene der Welt so flächendeckend verbreitet wie bei Nazis. Und natürlich stecken dann sehr schnell die rechtsterroristischen Netzwerke von Blood and Honour oder Hammerskins dahinter. Das sind die, die den Musikmarkt organisieren.

Wie viele Personen sind in der rechtsextremen Musikszene aktiv? Wie viel Umsatz erzielen sie?

Umsätze sind sowieso nicht bekannt. Der Tonträgermarkt oder die Firmen aus dem Tonträgermarkt sind geschickt genug, dass sie in aller Regel bei Umsätzen unter der Offenlegungsgrenze von 450.000 € pro Jahr bleiben. Was Konzerte angeht, würde ich in einem Standardjahr in Deutschland von 2 bis 3.000.000 € Umsatz im Jahr ausgehen. Aber das ist eine sehr vorsichtige Schätzung. Es geistern alle möglichen Zahlen durchs Internet, aber wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen, wir wissen es nicht genau.