Von einem „erfolgreichen Schlag“  gegen eine international agierenden Bande von Wirtschaftskriminellen haben Polizei und Staatsanwaltschaft im November 2015 gesprochen. Als mutmaßlicher Kopf  der Bande wurde ein Geschäftsmann aus Neu-Ulm gesehen.

Nun ist das Strafverfahren gegen neun Beschuldigte eingestellt worden:  sechs von ihnen müssen zum Teil beträchtliche Geldauflagen bezahlen.  Ein wichtiger Zeuge in Russland, ein Ermittler der Polizei, ist nicht verfügbar, möglicherweise tot.

200 Einsatzkräfte durchsuchten damals 20 Wohnungen und Geschäftsräume, unter anderem in Ulm, Neu-Ulm-Pfuhl, Altenstadt, Langenau, Günzburg, München, Freiburg. Vier Mitglieder der Bande wurden verhaftet, kurz darauf ein fünfter Verdächtiger im „europäischen Ausland“: drei von ihnen stammten aus Ulm, einer aus Neu-Ulm, einer aus München und einer aus dem Landkreis Forchheim.

Bande verkaufte überteuerte Medizingeräte nach Russland - und scheffelte Millionen

Vermögen im Wert  von zehn Millionen Euro wurde beschlagnahmt – Arbeitsmaschinen, medizinische Geräte, Aktien, Gold, Bargeld und mehrere Fahrzeuge der Premium-Klasse. Vier Jahre Ermittlungsarbeit waren der länderübergreifenden Polizeiaktion vorausgegangen.Bestechung, Geldwäsche, Steuerhinterziehung – der Bande wurde vorgeworfen, von Neu-Ulm aus überteuerte Computertomographen nach Russland verkauft  zu haben.

Um an Aufträge für staatliche und private Kliniken zu kommen, sollen Schmiergelder in Millionenhöhe an Personen aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung geflossen sein. Auf über 30 Millionen Euro bezifferten die Ermittlungsbehörden den Schaden.

Im Januar 2016 wurden alle fünf Verdächtigen wieder aus der Untersuchungshaft entlassen. Nach komplizierten Ermittlungen erhob das Landgericht Augsburg im Sommer 2017 Anklage gegen insgesamt neun Beschuldigte, im wesentlichen wegen Bestechung im geschäftlichen Verkehr, Steuerhinterziehung, Kreditbetrug sowie Beihilfe zu diesen Straftaten. Der Hauptvorwurf richtete sich gegen den Geschäftsmann aus Neu-Ulm.

Wichtiger Zeuge im Banden-Prozess womöglich tot

Das Landgericht Augsburg hat nun das Strafverfahren mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft eingestellt, erklärt der Ausburger Oberstaatsanwalt Matthias Nickolai.  Der Aufenthaltsort von drei Beschuldigten im Ausland sei weiter unbekannt, die Anklage haben ihnen nicht zugestellt werden können. Die anderen fünf Beschuldigten müssen zum Teil beträchtliche Geldauflagen bezahlen: von einigen 1000  Euro bis zu mehreren hunderttausend  Euro. Das im Verfahren sichergestellte Geld und die Vermögenswerte – die rund zehn Millionen Euro – werden nicht zurückbezahlt. Gegen eine Person sei das Verfahren wegen geringem Verschulden ohne Auflagen eingestellt worden.

Tiefenbronn

Wieso wurde das Verfahren gegen die kriminelle Bande eingestellt?

Nickolai nennt Gründe für die Einstellung des Verfahrens: die lange Verfahrensdauer, der Umstand, dass die Taten lange zurück liegen, langwierige Rechtshilfeersuchen im Ausland, aufwendige Übersetzungen, Schwierigkeiten, an wichtige Zeugen heranzukommen. In Russland gebe es gewisse Probleme unter den Leuten, die damals ermittelten. Der Oberstaatsanwalt: „Es gibt deutliche Hinweise, dass einer nicht mehr lebt“.

Im ganzen Komplex gebe es erhebliche Unsicherheiten, was die Beweismöglichkeiten angeht: „Von uns benannte Beweismittel stehen nicht mehr zur  Verfügung“.  Der Oberstaatsanwalt bewertet den Ausgang des Verfahrens so:  „Es ist keine Verurteilung, aber schon eine Ahndung.“

Das könnte dich auch interessieren:

Crailsheim

Neues Unternehmen in Ulm


Netzwerk: Nachdem die Ermittler das Firmenvermögen beschlagnahmt hatten, mussten zwei Unternehmen des Hauptbeschuldigten Insolvenz anmelden: Nanotec Industries sowie eine Immobilien- und Verwaltungsgesellschaft in Neu-Ulm. Beide gehörten zu dem schwer durchschaubaren Firmennetz des in Kasachstan geborenen Unternehmers mit deutschem und russischem Pass.

Verdacht: Auf den Geschäftsmann war die Kripo Kempten bei Ermittlungen im Zusammenhang mit Insolvenzverschleppung, Bankrott und Anzeigen wegen Geldwäsche aufmerksam geworden. Der inzwischen 55-jährige Hauptverdächtige ist der Branche treu geblieben: Er betreibt mittlerweile in Ulm ein neues Unternehmen mit ähnlichem Geschäftsfeld  wie die Nanotec Industries.