Klimaflüchtlinge in Bangladesch: „Wir können nirgendwo hin“: Wie eine junge Mutter gegen Armut und Hunger kämpft
Was, wenn das Geld wieder nicht reicht? Was, wenn die Fahrradrikscha repariert werden muss? Mit einem Leihrad versucht der Mann von Bibi Hafsa, Geld zu verdienen. Doch es ist zu wenig. Der Radbesitzer verlangt pro Tag 850 Taka von jedem Fahrer, umgerechnet 8,50 Euro, da bleiben an guten Tagen nicht mehr als 300 Taka für die Familie. Seine Frau Bibi Hafsa kann zwar mit Zahlen nicht gut jonglieren. Die 16-Jährige hat nie rechnen und schreiben gelernt. Doch sie weiß, dass sie sich Sorgen machen muss. Das sagt ihr schon ihr knurrender Magen. Der Reis hat an diesem Morgen nur für ihren ältesten Sohn Mohammed Raihan Uddin gereicht. Der Vierjährige liegt auf einer Matte nahe einer Wiege, in der das zwei Monate alte Baby schläft. Mohammed Raihan ist mit schweren Behinderungen zur Welt gekommen. Er kann weder sitzen noch stehen, ist blind und ganz auf die Hilfe seiner Mutter angewiesen. „Ich hoffe, dass er gesund wird“, sagt die 16-Jährige. Sie weiß es nicht besser. Für Diagnosen oder gar einen Krankenhausaufenthalt fehlt das Geld. Da bleibt ihr nur, gegen alle Wahrscheinlichkeit zu hoffen.
Die junge Mutter kennt Armut schon ihr ganzes Leben
Bibi Hafsa wohnt mit ihrer Familie in einer einfachen Hütte am Rande des Dorfes Kombolpara in der Region Cox’s Bazar im Süden Bangladeschs. Für die Miete und die Stromversorgung hat ihr Mann einen Kredit aufgenommen. Jetzt drücken die monatlichen Raten. „Wenn wir sie nicht bezahlen können, werden sie uns das Haus nehmen“, sagt Bibi Hafsa. Armut kennt sie schon ihr ganzes Leben. Ihr Vater hat als Salzarbeiter so wenig verdient, dass er das Mädchen mit elf Jahren verheiratet hat. Dann sei sie versorgt, sagten die Eltern. Bibi Hafsa musste sich fügen, auch wenn sie zu dieser Zeit weder Ehefrau noch Mutter werden wollte. Doch was zählt hier schon der Einwand eines Mädchens?
Kinderehen sind in Bangladesch gang und gäbe, meist aus Armut, aber auch, um den Ruf des Mädchens zu schützen. 51 Prozent aller Frauen werden vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet. So viele, wie in keinem anderen Land Asiens. 15 Prozent der Mädchen sind zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit noch keine 15 Jahre alt. Über Risiken einer frühen Schwangerschaft hat Bibi Hafsa niemand aufgeklärt. Sie spürt heute vor allem den Druck der Schwiegermutter, den behinderten Jungen in fremde Hände zu geben. Ein behindertes Kind gilt im Dorf als Makel.
Mit elf Jahren Ehefrau, bald darauf Mutter
Meist hat ein Unglück – ein Zyklon, eine Sturzflut – Menschen in abgelegene Siedlungen wie Kombolpara getrieben. Die Region Cox’s Bazar ist reich an Klimaflüchtlingen. Wenn Naturkatastrophen aus den Schlagzeilen der internationalen Medien verschwunden sind, müssen die Menschen, die Monsterstürme und Überflutungen überlebt haben, ja eine neue Bleibe finden. Planen, Bambusstangen und Matten werden dann Bauteile für einen neuen Slum.
Statt früher alle 20 Jahre, suchen extreme Hochwasser das Land inzwischen durchschnittlich im Fünf-Jahres-Takt heim. Bis zu 70 Prozent des Landes stehen dann unter Wasser. Die Weltbank geht in einer Prognose davon aus, dass bis 2050 jeder siebte Bürger Bangladeschs gezwungen sein könnte, wegen des Klimawandels das Land zu verlassen. Das ist angesichts der Einwohnerzahl von gut 170 Millionen Menschen eine kaum vorstellbare Größe.
Trockenheit, Stürme und Fluten könnten Millionen vertreiben
Noch trotzen die Menschen den Heimsuchungen. Auf dem flachen Land in der Region Cox‘s Bazar, zwischen der mehr als 100 Kilometer langen Küstenlinie und Wasserarmen im Hinterland, weisen Schilder auf Schutzhäuser, den „Cyclone-Shelter“, bei drohenden Zyklonen.
Auch Atika Begum muss sie aufsuchen, wenn sie, wie vor kurzem, von Behörden dazu aufgefordert wird. Oft harrt sie dann mit vielen anderen für Wochen dort aus, eingepfercht auf engem Raum. Die 30-Jährige lebt mit ihren beiden Söhnen und ihrer zehn Monate alten Tochter Reshmi in einer notdürftigen Hütte in der Gemeinde Mustakpara, wenige Kilometer Luftlinie von Kombolpara entfernt. Strom gibt es nicht in der Siedlung, die nach jedem Sturm neu aufgebaut werden muss. Atika Begum hat nicht einmal eine Toilette. Da ist sie auf das Wohlwollen von Nachbarn angewiesen.
Bei der Toilette auf Wohlwollen der Nachbarn angewiesen
In einer Kochecke stapeln sich sieben Töpfe, wenige Teller, einige Löffel. Der Plastikkanister ist für das salzig schmeckende Trinkwasser vorgesehen. Von wenigen Kleidern abgesehen ist das der ganze Besitz der Familie. Atika Begum hat nicht nur einmal alles verloren. Ein gewaltiger Sturm zerstörte das Haus ihrer Eltern. Die Familie musste fliehen. Sie selbst verschlug es mit ihrem Mann nach Mustakpara.
Staubige Straßen führen nach Mustakpara. Es ist die letzte Siedlung vor der Küstenlinie. Der Weg geht vorbei an einer Luftwaffenbasis und an meterhohen Gestängen, auf denen silberglänzende Fische trocknen. Die kleinen dörren zu Hundertausenden auf meterlangen Tischen in der prallen Sonne, die längeren hängen wie Wäsche über Holzgestängen. Der Fischfang ist die Haupteinnahmequelle der Region. Doch er ernährt längst nicht alle Menschen, vor allem nicht jene, die nach einer Klima-Katastrophe in dem risikoreichen Küstenstreifen neu angesiedelt wurden. Sie gelten als zusätzliche Belastung für die auch sonst so vernachlässigte Küstenregion.
Klimaflüchtlinge gelten als Belastung in der armen Region
Atika Begums Mann versucht als Tagelöhner auf Baustellen Geld für die Familie zu verdienen. Doch oft findet er keinen Job. Dann muss seine Frau Nachbarn um eine Schüssel Reis anbetteln und um Geld, um Trinkwasser kaufen zu können. Denn nicht einmal das gibt es gratis. „Wir haben kein Geld. Wir können nirgendwo hin„, sagt Atika Begum. Sie hofft darauf, dass die Regierung ihr und anderen armen Familien irgendwann Land bereitstellt, damit sie etwas anpflanzen und ihre Kinder besser ernähren kann. „Mein Leben ist fast vorbei“, sagt die 30-Jährige. „Aber ich hoffe, dass es meinen Kindern einmal besser geht.“
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