Jung verwitwete Mutter: „Papa hat sich das Leben genommen“

Sabine Knapp verlor ihren Mann, als sie 36 Jahre alt war.
Christoph Schmidt/Lichtgut- Sabine Knapp verlor ihren Mann Jochen mit 36 Jahren durch Suizid; er war schwer depressiv.
- Sie blieb mit drei kleinen Töchtern zurück und kämpfte mit Einsamkeit und Bürokratie.
- Sie betont, dass Witwen keine ausreichende Unterstützung erhalten und fordert weniger bürokratische Hürden.
- Ihre Familie und Freunde halfen ihr, den Verlust zu bewältigen.
- Sie engagiert sich für bessere Gesetze und Unterstützung für jung Verwitwete.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Er war schwer depressiv, das war ihr klar. Und deshalb war sie froh, als er beschloss, sich helfen zu lassen. Er wies sich selbst in die Psychiatrie ein. Geschlossene Abteilung. Wenn sie ihn besuchte, sagte er zu ihr: „Euch würde es besser gehen, wenn ich nicht mehr da wäre.“ Sie widersprach: „Die Kinder und ich, wir brauchen dich.“ Doch ihre Worte erreichten ihn nicht.
Vier Wochen, nachdem Jochen in die Klinik gegangen war, nahm er sich dort das Leben. Seine Frau Sabine Knapp kann den Schmerz immer noch fühlen, der sich damals in ihr ausbreitete. Die Fassungslosigkeit. Die Einsamkeit. Die Angst. Sie sagt, sie habe es nicht kommen sehen. „Dass das passieren könnte, stand für mich nie im Raum.“ Mehr noch, sie sei sich sicher gewesen: Gegen Depressionen kann man was tun. „Herzkranke nehmen ja auch ihr Leben lang Medikamente.“
Eine halbe Million Menschen in Deutschland sind jung verwitwet
Jochen war 44 Jahre alt, als er starb. Sabine Knapp war 36. Damit gehört die Ergotherapeutin zu den etwa 500.000 jung Verwitweten in Deutschland. Sie ist bereit, ihre Geschichte zu erzählen, weil sie glaubt, dass Betroffene wie sie keine Lobby haben und zu wenig Unterstützung erfahren.
Sabine Knapp sitzt in einem Café am Stuttgarter Schlossplatz. Sie trinkt einen Cappuccino, während sie erzählt, und wirkt dabei innerlich gefasst. Der Suizid ihres Mannes ist jetzt zehn Jahre her. Manchmal fragt sie sich, wie sie die vergangenen Jahre überstanden hat.
Der Tag, der ihr Leben erschüttert hat, war ein Mittwoch im Januar 2015. Die drei Töchter schliefen in ihren Zimmern, als zwei Polizisten und ein Notfallseelsorger spätabends an der Haustür läuteten und Sabine Knapp von Jochens Tod berichteten. Erst sechs Monate zuvor war die Familie vom baden-württembergischen Heimsheim in eine norddeutsche Kleinstadt gezogen. „Zum Glück hatten wir durch die Kinder schon viele Bekannte und Freunde.“ Sabine Knapp blieb in dieser Nacht nicht allein.
„Der Papa hat sich das Leben genommen”
Am nächsten Morgen ließ sie die Kinder, damals fünf, acht und neun Jahre alt, ausschlafen. Dann hörte sie sich diesen Satz sagen, den sie selbst noch nicht richtig begriffen hatte: „Der Papa hat sich das Leben genommen.“ Es war ihr wichtig, die Mädchen nicht zu belügen. „Die Familie war immer das Wichtigste für Jochen. Es gab kein Problem mit uns. Der Klinik-Psychologe hat das bestätigt.“
Sabine Knapp erzählt, wie sie und die Kinder in den folgenden Wochen neben sich standen. Wie die Töchter trotzdem Normalität forderten, eine Struktur. Das Essen musste auf den Tisch. Die Mädchen wollten, dass ihre Mutter sie auch weiterhin an den Wochenenden zu den Handballspielen begleitete. Nach nur einem Tag Pause drängte es sie wieder in die Schule. „Ich fand das damals brutal, aber ich glaube, das ist normal.“ Sabine Knapp funktionierte – weil sie musste. Für Gefühle war wenig Platz. „Für meine Kinder war ich nicht mehr die Mama, die sie kannten. Es gab so viel zu organisieren.”
Hilfe bei negativen Gedanken und Depression
Wenn Sie sich in einer persönlichen Krise befinden und Hilfe brauchen, reden Sie darüber. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, die es Ihnen ermöglichen, anonym mit Menschen über Ihre Situation zu sprechen.
- Bei der Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de) geht das online, telefonisch oder vor Ort. Sie erreichen die Telefonseelsorge unter den Telefonnummern 0800 1110 111 und 0800 1110 222.
- Auch im Chat oder via E-Mail finden Sie dort Unterstützung.
- Außerdem gibt es mit der App „Krisen Kompass“ eine Art Notfallkoffer für Krisensituationen. Die App erhalten Sie kostenlos im Apple App Store und bei Google Play.
Sabine Knapp weiß bis heute nicht, wie ihr Mann sich umgebracht hat. Sie möchte es nicht wissen, „weil es nichts an der Tatsache ändert. Ich will nicht noch heftigere Bilder im Kopf haben.“ Sie hegt keinen Groll gegen die Ärzte, glaubt, dass sie alles getan haben, was sie konnten. Die Psychologen nannten den Suizid eine Kurzschlussreaktion. Jochen sei medikamentös noch nicht richtig eingestellt gewesen. Auf das erste Medikament habe er allergisch reagiert. Sabine Knapp hat sich oft gefragt: „Warum hat er uns allein gelassen?“ Wütend ist sie nicht auf ihren Mann, weil sie davon überzeugt ist, dass er nicht er selbst war, als er seinem Leben ein Ende setzte.
„Er hielt sich für nichts Besonderes“
Lange hatte die dreifache Mutter nicht bemerkt, dass es ihm so schlecht ging. „Das hat sich sehr plötzlich sehr akut gezeigt.“ Jochen sei immer ein nachdenklicher Mensch gewesen. Einer, der zu Hause gerne an Modellfliegern bastelte, der die Natur liebte, nicht viele Freunde brauchte. „Er hielt sich für nichts Besonderes“, sagt Sabine Knapp. Als sie ihn kennenlernte und nach seinem Beruf fragte, antwortete er fast schon entschuldigend: „Ich bin nur Gärtner.“ Dabei sei er sehr gut in seinem Job gewesen. Die Kunden hätten seine Ratschläge immer gerne angenommen, jede Pflanze habe er gekannt, auch den lateinischen Namen, jeden Vogel am Himmel identifizieren können. „Er hatte sehr hohe Ansprüche an sich selbst“, sagt Sabine Knapp. Sein Studium auf Lehramt habe er abgebrochen, weil er nicht 100, sondern 200 Prozent geben wollte und sich keine Pausen gönnte.
Wenn sie heute zurückblickt, fällt ihr auf, dass er in seinem letzten Jahr oft erschöpft war, sich immer mehr zurückzog, sich immer weniger zutraute. „Auch Dinge, die er locker hätte stemmen können. Er war unheimlich clever.“ Die Introvertiertheit ihres Mannes hat sie immer als Teil seiner Persönlichkeit gesehen. Heute weiß sie, dass sie auch ein Anzeichen der Depression war. „Die Welt war immer bunt für ihn – als Gärtner sowieso. Am Ende war für ihn alles schwarz.“
Sabine Knapp wird auch heute noch immer wieder mit dem Tod ihres Mannes konfrontiert. Ob sie ein Konto für eins der Kinder eröffnen, es an einer neuen Schule anmelden oder ihm ein Monatsticket für die Bahn kaufen möchte: Immer wieder muss sie die Sterbeurkunde ihres Mannes vorlegen. „Das ist heftig, sich immer wieder Schwarz auf Weiß damit befassen zu müssen.“ Sie wünscht sich ein Dokument, das in den Geldbeutel passt und das sie unkompliziert vorlegen kann, um nachzuweisen, dass sie alleine sorgeberechtigt ist. Sie setzt sich mit anderen jung Verwitweten dafür ein, dass bürokratische Hürden abgebaut werden.
„Die Trauer hat zu wenig Raum”
Gerne hätte sie eine Art Behördenlotsen an der Seite gehabt, als Jochen starb. Wo jung Verwitwete Hilfe erhalten, was ihnen vom Staat zusteht, „all diese Infos muss man sich selbst erarbeiten“, kritisiert sie. Stichworte: Witwen- und Halbwaisenrente. Kindergeld. Krankenversicherung. Erbe. „In den ersten vier Wochen muss unglaublich viel Bürokratie erledigt werden, wofür man eigentlich gar keinen Kopf hat, vor allem dann nicht, wenn man auch noch kleine Kinder hat.“ Statt Informationen habe sie Schreiben darüber bekommen, was sie versäumt habe – selbst mit Verzugsstrafen sei ihr gedroht worden. Auch die Tatsache, dass plötzlich Gerichte ein Mitspracherecht haben, wofür sie Geld ausgeben darf und wofür nicht, habe sie belastet. Als Ergotherapeutin verdient sie nicht viel. Auch ihr Mann konnte als Gärtner keine großen Sprünge machen, sodass die Witwenrente gering ausfällt. „Es wäre so wichtig, dass sich in den Gesetzen etwas ändert, man dadurch die eigene Armut vermindern und etwas für seine spätere Rente tun kann.“
Sabine Knapp würde gerne mehr arbeiten als 65 Prozent. „Aber dann würde mir ein Anteil von meiner Witwenrente gekürzt. Zudem würde mein Gehalt anders versteuert als die Rente, es bliebe vermutlich nicht viel mehr übrig.“ Einmal habe ihr ein Politiker auf eine Mail hin mitgeteilt, es sei eben eine so verschwindende Menge an Betroffenen, dass es sich nicht lohne, über Gesetzesänderungen wie zum Beispiel die Verdienstgrenze nachzudenken.
„Bei all der Bürokratie, um die sich Verwitwete kümmern müssen, hat die Trauer zu wenig Raum“, findet Sabine Knapp. Sie ist froh, dass sie ihre Kinder hat. Sie glaubt, dass sie ohne ihre Töchter in ein noch größeres Loch gefallen wäre. Längst sind sie zurück nach Heimsheim gezogen, wo ihre Familie und viele Freunde wohnen. Hier hat sie auch Jochen beerdigen lassen. Die 46-Jährige hat bis heute privat viel Unterstützung erfahren. Freunde haben mit den Kindern Kinoabende veranstaltet, wenn sie mal durchschnaufen wollte. Die Betreuung übernommen, wenn Elternabende oder Friseurbesuche anstanden.
„Wir wurden gut aufgefangen“
Ihre drei Töchter haben ganz unterschiedlich auf den Tod des Vaters reagiert. Die Kleinste litt jahrelang an Verlustangst, klammerte sich an die Mutter, schlief nicht mehr allein. Die Mittlere, ein Papakind, wollte ihr eigenes Ding machen. Die Größte vermied es, vor ihrer Mutter zu trauern, und verbrachte viel Zeit mit ihrer besten Freundin. Alle haben Trauergruppen besucht und teilweise Psychotherapien gemacht. „Wir wurden gut aufgefangen.“
Zu Hause reden sie viel über Jochen. Oft sagt eins der Kinder: „Das hab ich von Papa.“ In den ersten Monaten nach seinem Tod haben sie Bilder und Briefe an Gasluftballons befestigt und sie in den Himmel geschickt, zu ihm. Sie haben sein Grab mit Sonnenblumen bepflanzt, weil die besonders weit nach oben wachsen, „in Richtung Papa“. Wenn sie auf eine Pflanze stoßen, die er gemocht hat, werten sie das als Zeichen. Oder wenn sie einen Regenbogen sehen. Dann sagt Papa „Hallo”.
Hilfe für jung Verwitwete
Laut dem Verein „jung verwitwet“ gibt es in Deutschland etwa eine halbe Million Witwen und Witwer zwischen 20 und 59 Jahren. Auf www.verwitwet.de und www.jung-verwitwet.org gibt es Informationen und Angebote für Betroffene. Welche staatlichen Leistungen jung Verwitweten zustehen, ist auf www.infotool-familie.de zu erfahren.

