Nach viel zu langer Schicht in der Klinik mit Tempo 150 auf der Landstraße durch die Nacht, vorbei am Verkehrsschild „Wildwechsel“, kurz vor dem Sekundenschlaf. Bloß nach Hause, endlich schlafen. Damit das Einschlafen nach dem ganzen Stress aber auch wirklich klappt, noch eine Flasche Rotwein. Gegen immer wiederkehrende starke Schmerzen gibt es einen Medikamentencocktail – man kann sich ja schließlich alles selbst verschreiben. Oder im Krankenhaus abzweigen.

Mediziner missachten oft selbst Warnsignale ihres Körpers

Mediziner führen häufig ein Leben, von dem sie ihren Patienten dringend abraten. Ständig unter Druck, Warnsignale missachtend, Grenzen überschreitend. Rauchen, Cannabis, Schmerzmittel, Opiate, Narkosemittel und vor allem viel zu viel Alkohol. „Gegenüber anderen Berufsgruppen sind Ärzte sogar stärker suchtgefährdet“, warnen die Landesärztekammern von Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern. Gründe dafür lägen in der starken Beanspruchung und dem Druck durch die hohe Verantwortung, die der Beruf mit sich bringe.
Dabei, erläutert die Landesärztekammer Thüringen, verliefen Abhängigkeitserkrankungen bei Ärzten „in der Regel besonders fatal, weil noch später als sonst Maßnahmen ergriffen werden“. Die Betroffenen täuschten sich länger als andere über die Abhängigkeit hinweg. Hilfsmöglichkeiten in Anspruch zu nehmen, ist da eher selten.
Gerade 150 Mediziner im Jahr nutzen bundesweit die Angebote der Ärztekammern, von der Sucht loszukommen, so Klaus Beelmann von der Kammer Hamburg auf dem am Freitag zu Ende gegangenen Deutschen Ärztetag in Münster, der sich zum ersten Mal ausführlich des Themas Ärztegesundheit annahm. „Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Denn es gibt wohl tausende Betroffene. Die Bundesärztekammer geht davon aus, dass sieben bis acht Prozent der insgesamt fast 400 000 berufstätigen Mediziner mindestens einmal im Leben an einer Suchterkrankung leiden.

Sucht und Depressionen

Aber es geht längst nicht nur um Sucht. Depressionen sind bei Ärzten häufiger verbreitet als im Bevölkerungsdurchschnitt „und leider auch die Suizidraten, insbesondere für Ärztinnen“, erläutert Bernhard Mäulen, Gründer des Instituts für Ärztegesundheit in Villingen-Schwenningen. Wenn Mediziner das Herumdoktern an sich selbst aufgeben und Hilfe suchen, dann häufig sehr spät.
„Ärzte scheuen sich, Schwäche zu zeigen“, meint Professor Monika Rieger von der Uniklinik Tübingen. So seien Mediziner sozialisiert. Das Patientenwohl stehe im Selbstverständnis an allererster Stelle. Auf sich selbst zu achten dagegen, werde häufig vernachlässigt. Führe die Daueranspannung zu Problemen, behandele man sich am liebsten selbst.
Dabei fehle vielen Mediziner, so Heike Weber, Sprecherin der auf Arztgesundheit spezialisierten Oberlandkliniken mit Sitz in Berlin, „nicht selten ein gewisses Maß an Objektivität“. Das führe „wahrscheinlich auch zu dem Phänomen, dass die wenigsten Mediziner einen eigenen Hausarzt ihres Vertrauens haben“.

Ärzte haben ein Problem damit, selbst Patient zu sein

Auch Monika Rieger bescheinigt den Ärzten, ein Problem damit zu haben, selbst Patient zu sein. Dabei würde das nicht nur ihrer Gesundheit helfen. Ein Arzt, der die Patientenrolle kennenlernt, kann später auch die eigenen Patienten besser verstehen.
Natürlich sind die Gefährdungen unterschiedlich verteilt. Viel „kritischen Arbeitsstress“ gibt es laut Professor Harald Gündel vom Uniklinikum Ulm bei Internisten und Chirurgen. Werde  die kritische Größe überschritten, drohten Depressionen sowie Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen. Man müsse der durch wirtschaftlichen Druck hervorgerufenen Arbeitsverdichtung entgegentreten und Abläufe deutlich verlangsamen.
Das Ärzteparlament fordert denn auch von den Arbeitgebern, für gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen zu sorgen, um Erschöpfung, Depressionen, Burnout, Sucht vorzubeugen. So müsse endlich das Arbeitszeitgesetz in Kliniken durchgesetzt werden. „Denn auch Ärzte brauchen Pausen und Freizeit“, sagt Monika Rieger.

Immer mehr Mediziner