Frauenhass und Gewalt: Anwältin: Gewalt von Männern hat oft keine Konsequenzen

Treten, schlagen, brüllen: Jede dritte Frau leidet unter der Gewalt von Männern. ⇥
©andranik123/adobe.stock.comMit rechtlichen Mitteln gegen Unrecht kämpfen – das hat Christina Clemm motiviert, Jura zu studieren und sich politisch in der linksautonomen Antifa-Szene in Berlin zu engagieren. Seit mehr als 25 Jahren beschäftigt sie als Anwältin und Strafverteidigerin mit Gewalt gegen Frauen und rassistischer Übergriffen. Ihren Einblick in Strategien der Täter hat sie in ihrem neuen Buch verarbeitet. Am Telefon erklärt sie, warum sie das Thema nicht mehr loslässt.
Seit 25 Jahren beschäftigen Sie sich mit dem Thema Gewalt, vor allem gegen Frauen. Macht Ihnen Ihr Beruf noch Freude?
Ja. Ich mag es, Betroffene bestmöglich durch einen Prozess zu begleiten. Für mich ist es eine Freude, wenn es gelingt, dass eine Mandantin gestärkt aus einem Prozess hervorgeht. Zu erleben, welche Resilienz manche Frauen haben, wie sie es schaffen, trotz schrecklichster Erfahrungen gut in ihr Leben zurückzufinden. Natürlich gibt es auch Mandantinnen, bei denen es nicht gelingt und die sehr belastet weiterleben.
Anzeigen gegen häusliche Gewalt steigen, auch Femizide nehmen zu
Das Thema Gewalt gegen Frauen ist in der Öffentlichkeit. Wir hatten #MeToo und auch aufsehenerregende Gerichtsverfahren wie das zwischen den Ex-Eheleuten Johnny Depp und Amber Heard. Verändert diese Öffentlichkeit etwas zum Positiven?
Ja und nein. Heute bezweifelt etwa niemand mehr, dass eine Vergewaltigung in einer Ehe strafwürdig ist. Als ich meine Anwaltstätigkeit begonnen habe, kannte man das Delikt Stalking noch nicht. Auch galt das Gewaltschutzgesetz noch nicht, also die grundsätzliche Regelung: „Wer schlägt, geht.“ Die stärkere Öffentlichkeit schlägt sich nicht auf die Zahlen nieder. Die Anzeigen wegen sexualisierter Gewalt sind gestiegen, auch die häusliche Gewalt nimmt zu, nicht einmal die Rate der Femizide sinkt.
Warum schützt steigendes Wissen nicht?
Weil es nicht nur um Wissen geht, sondern vor allem um Macht. Gleichstellung hieße Privilegien abzugeben, aber dafür haben sich viele zu bequem im Patriarchat eingerichtet. Nach Studien ist jede dritte Frau von Gewalt betroffen. Angesichts dieses Ausmaßes muss man sich doch wundern, weshalb so wenig dagegen getan wird.
Wo findet sich Frauenhass?
In allen gesellschaftlichen Schichten. Es gibt Frauenhass in Form von Partnerschaftsgewalt oder als sexualisierte Gewalt. Daneben haben wir offenen Frauenhass durch sogenannte Maskulinisten oder Anti-Feministen. In diesen Gruppen wird Gewalt gegen Frauen offen propagiert. Da heißt es ungeniert: Schlagt Eure Frauen, züchtigt sie. Seid wieder echte Männer. Dagegen geht niemand vor. Ein Beispiel ist ein sogenanntes Gedicht vom Lead-Sänger der Band Rammstein, Till Lindemann. Er beschreibt, wie jemand eine Frau unter KO-Tropfen vergewaltigt. Das wird als Kunst deklariert – ungerechtfertigt. Warum veröffentlicht man so etwas, warum schreibt er so etwas, warum wird es gekauft? Sexismus bestimmt unseren Alltag. Es ist zum Beispiel ja nicht so, dass sich alle in der Stadt gleich bewegen können.
Was meinen Sie damit?
Ich wohne beispielsweise in der Nähe eines Parks. Da gehe ich nachts nicht durch. Meine Söhne sehr wohl. Ich glaube alle Frauen kennen die Sorge auf dem Nachhauseweg, sind in Habachstellung, wenn ein Mann einfach so herumsteht, atmen auf, wenn er weggeht, überlegen sich, wie genau sie nachhause kommen. Diese Form der Beklemmung kennen Männer nicht.
Frauenhass durch Maskulinisten oder Anti-Feministen
Was ist das Perfide an Gewalt im häuslichen Bereich?
Dass sie oft zuerst als Liebe daherkommt. Es ist ein Irrglaube, dass Gewalt mit einer sichtbaren Misshandlung beginnt und das Opfer sich einfach trennen kann und den Täter rauswerfen kann.
Sondern?
Die Gewaltspirale beginnt häufig mit einer schönen Liebesgeschichte. Die Frau wird mit ganz besonderer Aufmerksamkeit bedacht, mit Liebe überschüttet. Schleichend folgt dann kontrollierendes Verhalten, nicht selten als Fürsorglichkeit getarnt. Dann häufen sich Tadel und Kritik. Die Partnerin wird systematisch kleiner gemacht. Schließlich folgt ein erster Angriff, ein Schubsen oder Schlag. Meist gibt es nicht sofort schwere Verletzungen. Meist entschuldigen sich die Täter. Aber dann geht es doch wieder los. Die Täter haben einen Kreislauf eröffnet, der das Opfer immer mehr verstrickt. Manche Täter sagen: „Für mich ist das auch ganz schrecklich. Aber Du provozierst mich so.“ Dem Opfer wird also auch noch Schuld an der Gewalt geben. Und häufig glauben sie es.
Das heißt, die Täter manipulieren ihre Opfer . . .
Ja. Manche Täter sagen: „Du bist hysterisch, bewertest alles über. Ich habe nichts getan.“ Mir berichtete eine Mandantin, dass sie nach Schlägen durch ihren Partner verletzt war, Hämatome und einen gebrochener Arm hatte. Der Mann verarztete sie und sagt: „Du bist aber ein Tollpatsch. Jetzt bist Du schon wieder gegen die Treppe gerannt.“ Und das ist kein Einzelfall. Wer in solch einer Gewaltspirale gefangen ist, dem wird oft noch die eigene Wahrnehmung weggenommen.
Gewaltspirale beginnt oft mit einer schönen Liebesgeschichte
Wie können Betroffene aus dieser Gewaltspirale ausbrechen?
Viele Frauen reagieren mit psychosomatischen Erkrankungen und treffen manchmal auf Ärztinnen und Ärzte, die einen Blick für die Ursachen haben und die Gewaltopfer gut begleiten und stärken können. Auch Freundinnen oder Nachbarinnen können eine wichtige Rolle spielen. Betroffene brauchen ein solidarisches Gegenüber. Leider stoßen sie in der Realität aber meist auf Vorwürfe: Warum gehst Du nicht? Warum setzt Du ihn nicht vor die Tür? Das sind Schuldzuschreibungen, auf die Betroffene oft sehr sensibel reagieren. Es bedeutet immer noch eine riesige Scham davon zu berichten, von einem Partner geschlagen worden zu sein und ihn nicht sofort verlassen zu haben. Viele Freundinnen wenden sich auch ab, wenn das Opfer die Hilfe nicht sofort annimmt. Dabei wäre es so wichtig, dass deren Tür offen bleiben. Und noch wichtiger, dass auch einmal die Täter angesprochen, konfrontiert werden. Das geschieht eigentlich nie.
Warum ist das so schwierig?
Gewalt in der Partnerschaft ist immer noch ein Tabu. In Talkshows treten geläuterte Kriminelle auf, geläuterte Rechtsextreme . . . Aber ein Mann, der Frauen geschlagen hat und nun anderen erzählt, dass man das auf keinen Fall tun soll? Nie. Das Ansprechen ist extrem schambesetzt. Und das muss sich ändern.
Vorwürfe statt Solidarität mit den Gewalt-Opfern
Womit kommen gewalttätige Männer nicht klar?
Das müssten Sie Psychologen oder Therapeuten aus der Täterarbeit fragen. Ich weiß: Männer schlagen zu, weil sie es können und weil es meist folgenlos bleibt. Oft müssen sie nicht einmal Schmerzensgeld zahlen, verlieren kein soziales Ansehens. Sie sind einfach unsichtbar in ihrer Gewalttätigkeit, dabei müssten Täter endlich adressiert sein. Denn es geht ja um ein Männerproblem.
Lassen sich gewalttätige Männer stoppen?
Es gibt gute Täterarbeit. Doch dafür braucht es Druck. Die Gesellschaft muss klar formulieren: Gewalt gegen Frauen ist kein Kavaliersdelikt. Auch vom persönlichen Nahfeld eines Täters muss die Botschaft ausgehen: Das nehmen wir nicht hin. Verändern würde sich etwas, wenn der Bekanntenkreis einem Täter sagt: Wir schließen Dich nicht unbedingt aus, aber die Übergriffe müssen aufhören, Du musst es ändern.
Auf politischer Ebene erleben wir gerade ein Erstarken von Rechtspopulisten. Wirkt sich das aus auf das Geschlechterverhältnis?
Auf jeden Fall. Alle rechten Bewegungen weltweit eint Antifeminismus und Frauenhass. Sie propagieren die Rückkehr zu traditionellen Rollenbildern. Wenn eine Partei wie die AfD starke Umfragewerte erzielt, dann nicht, obwohl sie Frauenverachtung propagiert, sondern auch weil sie es tut. Die Abwertung feministischer Bewegungen gehört zum Fundament rechter Parteien. Das Ganze wird bemäntelt mit Aussagen, wie: Wir beschützen Frauen, lassen sie wieder ihre biologisch vorbestimmte Rolle einnehmen, als Mutter, als Fürsorgerin, schützen sie vor Gewalt vor den Männern, den „fremden“ Männern. Das hat eine immens rassistische Komponente.
Es gibt Situationen, in denen Gewalt überproportional ausgeprägt ist, zum Beispiel in extrem beengten Wohnverhältnissen. Auch Kriegserfahrungen können zu gewalttätigen Situationen führen und besonders patriarchale Strukturen fördern Gewalt. In Frauenhäusern suchen überproportional viele migrantische Frauen Schutz. Das kann aber auch daran liegen, dass Frauen, die in Deutschland aufgewachsen sind, leichter bei Freundinnen oder Familienangehörigen unterkommen können. Aber: Häusliche Gewalt kommt in allen gesellschaftlichen Schichten und Herkünften vor – auch bei weißen deutschen Ärzten, Wirtschaftsbossen, Schauspielern. Überall.
Aussage gegen Aussage: Verfahren gegen Gewalttäter werden oft eingestellt
Sehen Justiz und Behörden da hint?
Es gibt zweifellos Bemühungen, etwas zu ändern. Aber es fehlt viel. Etwa eine intensivere Sensibilisierung bei Jugendämtern und mehr Kapazitäten in der Justiz. Die Verfahren dauern zu lang Wir brauchen auch verpflichtende Fortbildungen für Richter und Richterinnen.
Dabei gab es nach der Kölner Silvesternacht 2015/16 Strafverschärfungen
Ja. Sie hatten aber nur indirekt damit zu tun. Doch wurde endlich klargestellt, dass ein Sexualdelikt auch dann vorliegt, wenn es nicht mit Gewalt oder erheblicher Drohung einhergegangen ist, sondern wenn der Wille des Opfer erkennbar missachtet wurde. Das ist wichtig. Doch es werden immer noch zu viele Verfahren eingestellt, was unter anderem daran liegt, dass Richter falsche Vorstellungen von Täterstrategien und Opferverhalten haben. Sie verstehen oft nicht, wie schwer der Weg bis zu einer Anzeige ist und welche Verstrickungen zwischen Opfern und Tätern bestehen. Steht dann Aussage gegen Aussage, werden Ermittlungen oft eingestellt, einfach weil man Mythen anhängt. Ich denke nicht, dass wir schärfere Strafgesetzt brauchen, unser Strafrahmen reicht aus.
Ist eine Verurteilung des Täters für die Opfer wichtig?
Viele Mandantinnen wollen nicht, dass der Täter ins Gefängnis kommt. Sie wollen nicht, dass ihre Kinder einen Vater im Gefängnis haben oder dass er keinen Unterhalt mehr zahlt. Wir müssen dringend darüber nachdenken, was eine sinnvolle Strafe ist. Das Gefängnis macht Menschen in der Regel nicht besser.
Raten Sie Ihren Mandantinnen zur Anzeige?
Ich rate nicht, sondern versuche so gut wie möglich aufzuklären, was mit einer Anzeige auf die Betroffenen zukommt. Wenn es Betroffenen unerträglich wäre, dass ein Verfahren eingestellt wird oder es einen Freispruch gibt, dann rate ich ab. Denn dieses Risiko ist groß.
Zur Person
Christina Clemm, Jahrgang 1967, ist seit über 25 Jahren Rechtsanwältin in Berlin und setzt sich für Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen ein und für von Diskriminierung betroffene Menschen. Sie hat hunderte Opfer vertreten und engagiert auch außerhalb des Gerichtssaals politisch für antifaschistische und feministische Themen.
Buch In ihrem in diesen Tagen erscheinendem Buch schildert sie die Strukturen sexualisierter Gewalt und erklärt systemischen Frauenhass. Christina Clemm: „Gegen Frauenhass“, Hanser Berlin, 24 Euro.⇥eb
