Femizid in Göppingen
: Lebendig verbrannt: Wenn Besitzanspruch zu Mord führt

Herwart S. manipuliert, stalkt und vergewaltigt. Sechs Ex-Partnerinnen droht er, sie umzubringen. Eine davon zündet er an. In der neuen Folge „Akte Südwest“ geht es um den Femizid im Göppinger Rubensweg.
Von
Valerie Zöllner
Göppingen/Ulm
Am 1. Februar 2014 brennt im Göppinger Rubensweg ein weißer Peugeot. Neben dem Auto liegt eine tote Frau mit deutlichen Verbrennungsspuren.

Am 1. Februar 2014 brennt im Göppinger Rubensweg ein weißer Peugeot. Neben dem Auto liegt eine tote Frau mit deutlichen Verbrennungsspuren.

Sven Friebe/dpa
  • Am 1. Februar 2014 zündet Herwart S. seine Ex-Partnerin in Göppingen an.
  • Herwart S. bedrohte, stalkte und vergewaltigte sechs Ex-Partnerinnen und wurde mehrfach verurteilt.
  • Die Tat wird als Femizid klassifiziert, der Begriff wurde von der Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Häusliche Gewalt“ empfohlen.
  • Podcast „Akte Südwest“ beleuchtet den Fall und diskutiert Frauenhass und Machtansprüche.
  • Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ bietet Unterstützung unter 116 016.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Samstagabend in Göppingen. Es regnet leicht. Neben einem geparkten, weißen Peugeot wartet ein Mann in der Dunkelheit im Rubensweg. Auf dem Dach des Peugeots stehen zwei Weinflaschen. Es dauert eine Zeit lang, dann tritt eine Frau aus einem Haus. Handy und Schlüssel trägt sie in der Hand, ihre Handtasche über der Schulter. Sie geht auf den Mann zu. Die beiden sprechen einige Minuten miteinander. Dann dreht die Frau ihm den Rücken zu und geht. In diesem Moment trifft sie etwas Nasses an Hinterkopf und Rücken. Es ist Benzin.

Am 1. Februar 2014 zündet Herwart S. seine Ex-Partnerin an. Solche Taten sind in der Gesellschaft besser bekannt als Beziehungstat, Ehestreit oder Familiendrama. Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Häusliche Gewalt“ empfahl 2023 aber nachdrücklich, für diese Taten den Begriff Femizid zu verwenden. Wichtig ist: Nicht jeder Mord an einer Frau ist ein Femizid. Ausschlaggebend ist das Motiv des Täters.

Hier gibt es Folge 54 von Akte Südwest

Den Kriminalpodcast Akte Südwest gibt es überall, wo es Podcasts gibt.

Vor dem 8. März, dem internationalen Weltfrauentag, erscheint zum Femizid in Göppingen eine Folge des Podcasts „Akte Südwest“. Valerie Zöllner spricht darin mit der Journalistin Karin Tutas über den brutalen Mord im Rubensweg und die Vorgeschichte. Gemeinsam werfen sie einen Blick auf eine immerwährend eskalierende Gewaltspirale – mit der drängenden Frage, warum niemand die Tat verhindern konnte. Karin Tutas verfolgte 2014 den Prozess im Landgericht Ulm für die SÜDWEST PRESSE und liefert direkte Einblicke in die Vergangenheit des Täters.

In einer zweiten, nachfolgenden Podcast-Folge versuchen Christina Clemm, Autorin und Fachanwältin für Familien- und Strafrecht, und Valerie Zöllner Antworten zu finden. Es geht um Machtansprüche und Frauenhass. Aber auch um die Frage, warum wir Männern immer glauben – außer wenn sie ankündigen, ihre Partnerinnen umzubringen. Und es geht um die Frage, ob der juristische Rahmen in Deutschland Frauen ausreichend Schutz bietet.

Hilfe bei Gewalt im sozialen Umfeld

Sollten Sie Zeugin oder Zeuge von Gewalt im sozialen Umfeld oder sogar selbst davon betroffen sein, dann finden Sie hier niedrigschwellige Möglichkeiten, um Hilfe zu bekommen.

  • Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: Unter der Nummer 116 016  sind rund um die Uhr Fachkräfte erreichbar. Sie bieten Frauen und Personen aus deren sozialem Umfeld kostenlose, barrierefreie und anonyme Beratung auf Deutsch und 18 weiteren Sprachen an.
  • Über die App des Vereins „Gewaltfrei in die Zukunft e.V.“ können von häuslicher Gewalt betroffene Personen auf Informationen und Unterstützungsangebote zugreifen. Die App soll als Brücke in das bestehende Hilfenetzwerk dienen.
  • Über den Verein „Weisser Ring“ können sich Betroffene von Gewalt Hilfe suchen. Sowohl über das Telefon unter 116 006 (täglich, 7 bis 22 Uhr) als auch online beziehungsweise per Mail. Wenn Sie lieber persönlich über Ihre Situation sprechen möchten, dann finden Sie die nächstgelegene Außenstelle des Weissen Rings hier.

Kein Monster, sondern ein Mann

Herwart S. ist ein gesunder, sprachgewandter Mann. Er ist in der Lage, strukturiert zu denken und sich zu konzentrieren. Ihm fehlt nicht der Bezug zur Realität, er ist auch kein Psychopath. In laufenden, romantischen Beziehungen zeigt sich Herwart S. vollkommen unauffällig, teilweise extrem bemüht. Doch sobald sich eine Partnerin von ihm trennt, kippt seine Persönlichkeit. Er schlägt, würgt, manipuliert, fesselt, verfolgt und vergewaltigt. Er bedroht mit dem Tod. Mehrfach. Gesellschaftliche Verhaltensregeln oder Strafen sind ihm in diesen Situationen egal. Er sagt: „Wenn ich dich nicht haben kann, dann bekommt dich auch kein anderer.“

In rund 20 Jahren führt Herwart S. sechs romantische Beziehungen zu Frauen mit völlig unterschiedlichen Persönlichkeitstypen. Doch in Trennungsphasen machen fast alle Frauen dieselben Erfahrungen mit dem Mann. Immer wieder sucht ihn die Polizei für Gefährderansprachen auf. Immer wieder befindet sich der Mann in der Psychiatrie. Immer wieder entlässt er sich selbst, ohne weitere Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ganze drei Gerichte sprechen Herwart S. in dieser Zeit schuldig. Er war bekannt.

Wie konnte das passieren? An welchen Stellen hätte man eingreifen können, vielleicht sogar eingreifen müssen? Und warum hat niemand den mehrfachen Täter aufgehalten? Fragen, die diese Podcast-Folge zu beantworten versucht. Fragen, die stellvertretend für so viele andere Fälle in Deutschland stehen.

„Akte Südwest“ bei Spotify, Apple Podcasts und Co.

„Akte Südwest“ erscheint auf allen gängigen Podcast-Plattformen, zum Beispiel bei:

Alle Podcasts der SÜDWEST PRESSE finden Sie unter swp.de/podcasts.

Übrigens: Wahre Verbrechen stehen im Zentrum unserer Themenseite swp.de/crime. Hören Sie dort den Podcast „Akte Südwest“ und lesen Sie Hintergründe zu aktuellen und historischen Fällen in Baden-Württemberg – und vieles mehr.

Akte Südwest - Wahre Verbrechen im Südwesten
Jeden zweiten Mittwoch um 15.00 Uhr
Große Gerichtsprozesse, ungeklärte Fälle, spannende Podcasts und Hintergründe: Alles rund um Verbrechen und "True Crime" im Südwesten.