Freiburg / Von Joachim Frank und Stefan Hupka Im Herbst 2016 verloren sie ihre Tochter durch einen Mord, der nicht nur Freiburg, sondern die ganze Republik erschütterte. Jetzt erhalten die Eltern den Bürgerpreis der deutschen Zeitungen.

Die 19-jährige Freiburger Medizinstudentin Maria Ladenburger wurde Opfer eines Sexualverbrechens, das tödlich endete. Die Ermittlungen führten zu Hussein K., ­einem Flüchtling aus Afghanistan, der vor einem Jahr nach 24 Verhandlungstagen vor dem Freiburger Landgericht wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Die Badische Zeitung und der Kölner Stadt-Anzeiger haben Friederike und Clemens Ladenburger für den Preis vorgeschlagen, der ihnen heute in Berlin verliehen wird: Die Chefredakteursjury des Bundesverbands  Deutscher Zeitungsverleger würdigt damit, dass die Eltern sich entschlossen, im Namen ihrer Tochter eine Stiftung für Studierende einzurichten und so ein „Zeichen der Mitmenschlichkeit“ zu ­setzen.

Frau Ladenburger, Herr Ladenburger, einen Tag, bevor am 23. März 2018 das Urteil gegen den Mörder Ihrer Tochter gesprochen wurde, haben Sie die Gründung der nach ihr be­nannten Maria-Ladenburger-Stiftung bekanntgegeben. Warum zu diesem Zeitpunkt?

Clemens Ladenburger: Es hat sich glücklich gefügt, dass wir mit den Vorbereitungen für die Stiftung zu diesem Zeitpunkt fertig waren, dank der großartigen Zusammenarbeit mit dem Verband der Freunde der Universität Freiburg. Es war unser Wunsch, dass die Erinnerung an unsere Tochter nicht nur mit diesem entsetzlichen Verbrechen verbunden sein soll, sondern mit ihrem Leben. Deshalb haben wir für die Stiftungsbezeichnung auch bewusst Marias vollen Namen ­verwendet, der bis zum Ende des Prozesses in der Öffentlichkeit und in den ­Medien ja immer nur abgekürzt verwendet werden durfte. Aber jetzt dachten wir: Im Kontext der Stiftung ist es uns recht.

Wie kamen Sie überhaupt auf diese Idee?

Friederike Ladenburger: Sie hat sich seit Sommer 2017 aus vielen kleinen Puzzlesteinen zusammengefügt. Wir haben eine große Dankbarkeit empfunden, dass wir Maria geschenkt bekommen hatten und mit ihr eine ganz besondere – wenn auch viel zu kurze – Zeit erleben durften. Deshalb wollten wir anderen Studierenden etwas schenken, was Marias Wirken und ihrer Ausstrahlung entsprechen und ein Zeichen der Mitmenschlichkeit in ihrem Sinne setzen sollte. Unsere beiden anderen Töchter haben unsere Überlegungen übrigens stark mitgeprägt.

Sollte es einen eigenen Gedenkort in der Nähe des Ortes des Verbrechens geben?

Clemens Ladenburger: Wir sind darüber im Gespräch mit dem Oberbürgermeister.

Sind Sie schon einmal dort gewesen?

Clemens Ladenburger: Nein. Das ist ein Ort, der uns aufgezwungen wurde und den wir in nächster Zeit nicht aufsuchen wollen.

 

Friederike Ladenburger: Wir haben stattdessen den Friedhof in Brüssel, auf dem Maria begraben ist.

 

Clemens Ladenburger: Aber es hat uns gefreut, dass es Marias Freunden und Kommilitonen ein Anliegen ist, dort an der Dreisam, wo Menschen schon jetzt an Maria denken, den Ort besonders zu gestalten, weil es ihrem Gedenken an Maria hilft. Das unterstützen wir.

Im Prozess gegen den Täter waren Sie Nebenkläger. Wie sind Sie an das Verfahren herangegangen? Sie haben sich dazu ja bislang nie öffentlich geäußert.

Friederike Ladenburger: Wir haben es als unsere Pflicht angesehen, als Nebenkläger unseren Beitrag zur juristischen Aufarbeitung zu leisten. Dafür haben wir uns einen sehr kompetenten Anwalt gesucht, Professor Bernhard Kramer. Er hat uns in der Begleitung des Prozesses sehr geholfen und uns fortlaufend detailliert informiert. Wir waren selbst bewusst nicht im Gerichtssaal. Wir wollten uns so ein Stück Distanz bewahren.

Welche Marschroute haben Sie Ihrem Anwalt aufgegeben?

Clemens Ladenburger: Wir wollten ein möglichst konstruktives, sachliches Vorgehen im Dienste der Rechtsprechung. Aber keinen von unserem Anwalt zusätzlich angefachten Medienrummel, keine politischen Begleitstatements, keine Überlagerung des Prozessverlaufs durch emotionale Einlassungen seitens der Opfer, also von uns. Nur zum Prozessbeginn und am Tag des Urteils haben wir jeweils eine Erklärung veröffentlicht.

Hatten Sie nie den Gedanken, dem Täter einmal Auge in Auge gegenüberzustehen?

Clemens Ladenburger: Wir haben das offengehalten. Es war jedenfalls nicht von vornherein klar, dass wir dem Prozess von Anfang bis Ende fernbleiben würden. Aber im Verlauf des Verfahrens haben wir uns dann gefragt: Möchte Maria, dass wir da hingehen? Und wir sind zum Ergebnis gekommen: Nein, das möchte sie nicht. Außerdem haben wir aufgrund des Täterprofils und seines Verhaltens vor Gericht zunehmend den Eindruck gewonnen, dass wir mit einer persönlichen Konfrontation nichts erreichen und auch uns damit nicht helfen würden.

Sie betonen einerseits die Funktionsfähigkeit des Rechtsstaats. Andererseits brachte der Prozess eklatantes Versagen des Staates und staatlicher Behörden ans Licht. Niemand zog die falsche Altersangabe des Täters bei seiner Einreise in Zweifel. Seine kriminelle Vorgeschichte war nicht bekannt, in Griechenland war er trotz eines Kapitalverbrechens aus der Haft entlassen worden. Haben Sie angesichts solch haarsträubender Erkenntnisse nicht mit diesen blinden Flecken des Rechtsstaates oder gar mit der ganzen Willkommenskultur gehadert?

Clemens Ladenburger: Wir haben es uns sicher nicht ausgesucht, dass ausgerechnet das Schicksal unserer Tochter – „der Fall Maria L.“ – zusammen mit anderen schlimmen Vorkommnissen …

… wie der Kölner Silvesternacht 2015/2016 …

 eine Reihe von Fragen aufgeworfen hat, die den politischen und gesellschaftlichen Akteuren zuvor nicht so deutlich waren, die aber offen diskutiert werden müssen.

Welche Fragen?

Clemens Ladenburger: Nun, Fragen wie die nach den Zusammenhängen von Migration und innerer Sicherheit; nach den Kontrollen in Asylverfahren; nach der Zusammenarbeit in Europa und nicht zuletzt nach den großen Herausforderungen der Integration. Auch uns treiben diese Fragen um – als Juristen und als politisch denkende Menschen. Es ist
wichtig, dass über diese Fragen diskutiert wird, auch kontrovers diskutiert wird. Aber wir wünschen uns, dass das sachlich geschieht und mit Respekt vor der Einstellung und der Herkunft des anderen.

Woher nehmen Sie die Kraft, auf Gefühle wie Wut, vielleicht sogar Hass, und Rachegelüste zu verzichten?

Clemens Ladenburger: Ich würde nicht von Hass oder Rache sprechen. Aber dass wir keine Momente der Bitterkeit, der Wut, auch der Niedergeschlagenheit und Resignation gehabt hätten, könnte ich sicher auch nicht behaupten.

 

Friederike Ladenburger: Ohne Zweifel mussten und müssen wir als trauernde Eltern einen schwierigen Weg gehen – wie viele andere Eltern auch. Die größte Kraftquelle war und ist – Maria selber. So jung sie auch war, sie hatte eine sehr reife und starke Art, den Blick auf das Positive zu lenken, auf das Tragende, auf den Halt in aller Zerrissenheit und allem Leid. Das haben wir gespürt, als dieses Leid sie selbst und dann auch uns aufs Grausamste getroffen hat.

Was ist dieser Halt?

Friederike Ladenburger: Unser Glaube. Wir sind Christen, und als Christen waren wir vom Moment der Todesnachricht an gewiss, dass es Maria gut geht, dass sie gut aufgehoben und bewahrt ist.

 

Clemens Ladenburger: Wir haben gespürt, Gott gibt uns die Kraft, dieses Schicksal zu meistern. Er ist bei uns, er begleitet uns. Wir haben gemerkt: Es ist uns jetzt eine neue Lebensaufgabe zugewachsen, mit dem gewaltsamen Tod unserer Tochter zu leben, und wir können das schaffen. Das haben wir uns von Anfang an gesagt, und wir sagen es uns immer wieder. Und das Gefühl der Dankbarkeit, von der wir schon sprachen, hilft uns, all die anderen Gefühle nicht so sehr hochkommen zu lassen, dass sie die Oberhand gewinnen.

Sie haben vorhin mit Blick auf Ihre persönliche Teilnahme am Prozess gesagt, Maria hätte das nicht gewollt. Was, glauben Sie, will Ihre Tochter Maria – von Ihnen, von der Gesellschaft?

Friederike Ladenburger: Wir haben zu Marias Beerdigung einen Text von ihr ausgewählt, der von dem erwähnten Perspektivwechsel spricht. Ein Text, mit dem sie einmal einer Freundin Mut zugesprochen hat: „Du bist Teil eines
riesengroßen Ganzen! Lass nicht den Kopf hängen, sondern schau auf und denke daran, dass wir vieles nicht verstehen können, aber auf eine ganz besondere Art und Weise etwas Gutes entsteht!“ Aus dem Bösen, das uns trifft; aus Ereig-
nissen, die wir nicht verstehen; aus alledem kann – durch den Beitrag jedes
Einzelnen – Gutes wachsen. Ich glaube, diese Haltung will Maria uns mit-
geben.

 

Clemens Ladenburger: In einer der vielen wunderbaren Zuschriften, die wir nach Marias Tod bekommen haben, stand ein Gedanke, der uns sehr angesprochen hat: „Vielleicht können Sie es auch so verstehen, dass Maria Sie als Eltern bittet, all die Liebe und Güte, die sie ihren Mitmenschen gezeigt hat und nun nicht mehr zeigen kann, nun an ihrer Stelle anderen weiterzugeben.“ Wir denken, genau das tut Maria.

Eine Stiftung – ausdrücklich auch für Geflüchtete

Zur Erinnerung an die 2016 von einem afghanischen Asylbewerber ermordete Freiburger Medizinstudentin Maria Ladenburger haben ihre Eltern gemeinsam mit dem Verband der Freunde der Universität Freiburg eine nach ihrer Tochter benannte Stiftung ge­gründet.

Stiftungszweck laut Satzung ist es, „Bildung und Erziehung von Studierenden der Universität Freiburg, vor allem an der medizinischen Fakultät, zu fördern“.  Förderschwerpunkte sind die Vergabe von Stipendien an Studierende in schwierigen Lebenssituationen (Krankheit, Behinderung), die finanzielle Unterstützung von Praktika und Famulaturen in Entwicklungsländern sowie konkrete Projekte von Studierenden in der Entwicklungsarbeit. Studienstarthilfen von monatlich bis zu 750 Euro für maximal ein halbes Jahr sind für benachteiligte Studierende vorgesehen, darunter ausdrücklich auch für Geflüchtete und Studierende nach persönlichen Schicksalsschlägen.

Aus privatem Vermögen steuerten Friederike und Clemens Ladenburger ein Stiftungskapital von 100 000 Euro bei. Das Ehepaar gehört dem Stiftungsvorstand an. Inzwischen ist von mehr als900 Unterstützern eine Summe von fast 400 000 Euro aus Spenden, Zustiftungen und Daueraufträgen hinzugekommen.

Maria Ladenburger hatte sich in der Studenteninitiative „Weitblick“ für ein Schulprojekt in Afrika engagiert. Auch deshalb hat die von ihren Eltern ins Leben gerufene Stiftung dezidiert karitativen Charakter. Erste Projekte wurden bereits finanziert – wie Famulaturen und ein Forschungsprojekt über Sterilisation medizinischen Geräts in Entwicklungsländern.

Für weitere Infos: maria-ladenburger-stiftung.de