Ulmer Chef-Ermittler erzählt: Erschlagen und im See versenkt – die Podcast-Folge zum Blutrache-Mord in Erbach

Der Angeklagte vor Gericht im Landgericht Ulm: Der Indizienprozess gegen den 46-Jährigen dauerte fast ein Jahr.
Volkmar Könneke, Bearbeitung: Raiola<strong></strong>- Ein brutaler Mord in Erbach: Ein 19-Jähriger wird erschlagen und im See versenkt.
- Fall von Blutrache zwischen zwei albanischen Familien.
- Leitender Oberstaatsanwalt Christof Lehr berichtet im Podcast „Akte Südwest“.
- Lebenslange Haft für den 46-jährigen Angeklagten, „Don“ in Albanien inhaftiert.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Es soll ein geruhsamer Angelurlaub an einem idyllischen See bei Erbach in der Nähe von Ulm werden – doch statt auf dicke Fische stößt ein älteres Ehepaar im April 2017 dort auf eine Wasserleiche. Eingewickelt in Folie und beschwert mit einem Betongewicht, hat das grausige Paket dennoch den Weg vom Grund des Sees an die Oberfläche gefunden – und bringt die Ermittler auf die Spur einer Mordserie, die Schlagzeilen schreiben wird.
Das Opfer, ein 19-Jähriger aus Steinfurt in Nordrhein-Westfalen, wurde brutal erschlagen und im See versenkt. Alles andere ist zunächst völlig unklar. Wer sind die Täter? Warum war der junge Albaner überhaupt in der Ulmer Region? Und was war das Motiv für den grausamen Mord? Stück für Stück kommen Polizei und Staatsanwaltschaft der Lösung des Falls näher – und stoßen auf einen archaischen Fall von „Blutrache“ zwischen zwei verfeindeten Familien in Albanien, der schon seit Jahren immer wieder Opfer fordert. In der neuesten Folge von „Akte Südwest“ berichtet der Chef-Ermittler persönlich von der Arbeit der Sonderkommission „See“: Zu Gast im Podcast-Studio ist diesmal Christof Lehr, Leitender Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Ulm.
„Die Täter rechneten ganz offensichtlich nicht damit, dass die Leiche jemals wieder auftaucht“, berichtet Lehr im Podcast. „Da hatten sie sich gründlich getäuscht!“ Weil sie sich so sicher waren, dass die Leiche auf dem Grund des Sees bleiben wird, hatten sie sogar die Versichertenkarte des Opfers in dessen Hosentasche stecken lassen. Stück für Stück setzen die Ermittler nun in den kommenden Wochen ein Puzzle zusammen. Der 19-jährige Xhoi M. war 2015 als Asylbewerber nach Deutschland gekommen. Schon der Vater war im Jahr 2000 in Albanien erschossen worden. Ein wichtiger Tipp auf einen möglichen Täter kommt dann per Telefon aus einem Gefängnis in Albanien. Der Verdacht fällt auf einen entfernten Verwandten des 19-Jährigen, der in Eislingen bei Göppingen lebt – und dessen Angelverein in Erbach einen See gepachtet hat. Der 46-Jährige soll zusammen mit einem Komplizen Xhoi M. für einen angeblichen großen Drogendeal in den Südwesten gelockt haben.
Spuren einer seit Jahren andauernden Blutrache-Fehde
Als spektakulär stellt sich das Motiv heraus: Ein Fall von Blutrache, der im archaischen Gewohnheitsrecht „Kanun“ in Albanien seine Grundlage hat. Es gibt eine lange Vorgeschichte. „Die Tragödie nimmt ihren Beginn im Jahr 2000 in Elbasan in Zentralalbanien“, berichtet Lehr. Ein Mitglied einer bedeutenden Familie wird erschossen. Der Täter wird verhaftet und sitzt seither im Gefängnis – er ist der Onkel von Xhoi M.. Immer mehr Familienmitglieder fallen einem blutigen Rachefeldzug zum Opfer: Xhois Vater wird im Dezember 2000 erschossen, sein Großvater verschwindet spurlos, auf einen Cousin wird geschossen, der Bruder eines Mittäters wird ebenfalls getötet. Xhoi selbst ist zu diesem Zeitpunkt erst zwei Jahre alt. Doch die Rache droht auch ihm: „Kinder und Frauen stehen nach den archaischen Vorstellungen des Kanun sozusagen unter Welpenschutz“, berichtet Lehr. „Dieser Welpenschutz endet aber bei Männern mit Erreichen der Volljährigkeit.“ Und so taucht im Umfeld Xhois in Deutschland kurz nach dessen 18. Geburtstag ein schillernder „Don“ aus Albanien auf, der mit Geld um sich wirft und sein Vertrauen gewinnt. Ein Jahr später wird er nach Überzeugung der Ermittler den Mord zusammen mit dem Verwandten aus Eislingen begehen.

Berichtet in Podcast von einem Fall von Blutrache: der Leitende Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Ulm, Christof Lehr.
Christoph Schmidt/dpaEinblick in die Arbeit der Ermittler
Der Leitende Oberstaatsanwalt Christof Lehr berichtet in der Podcast-Folge nicht nur über den Fall und wie die Ermittler ihn gelöst haben – er gibt auch Einblick in die Arbeit hinter den Kulissen. Wie wird eine Sonderkommission aufgebaut? Wie ist die Arbeitsteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft? Und wie realistisch wird das alles in „Tatort“-Krimis eigentlich dargestellt? Auch darüber spricht der Chef-Ermittler ausführlich – und über eines der längsten Plädoyers, die er im Gerichtssaal in seiner Juristen-Karriere je halten musste. Eigentlich hatte sein Kollege Rainer Feil als Oberstaatsanwalt die Ermittlungen geleitet. Doch kurz vor dem Prozess übernahm Feil die Leitung eines Amtsgerichts. Also musste Lehr persönlich ran.
„Schon bei der Anklageerhebung war ich überzeugt, wir haben den Richtigen“, sagt Lehr im Podcast. Doch zwischen wissen und beweisen können gebe es manchmal eine Kluft. „Meine Beweisführung stützte sich ja allein auf Indizien, die ich zu einer lückenlosen dichten Kette aufreihen musste.“ Mit Erfolg: Am Ende wird der 46-jährige Eislinger zu lebenslanger Haft verurteilt. Nur der mysteriöse, schillernde „Don“ blieb lange verschwunden. Inzwischen wissen die Ermittler aber, dass er in Albanien im Gefängnis sitzt. Nicht ausgeschlossen also, dass er der deutschen Justiz doch noch irgendwann ins Netz geht. „Mord verjährt nicht“, sagt Lehr. „Und glauben Sie mir, wir haben einen langen Atem.“
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