Schwabenländle Stirbt Schwäbisch aus? - Dialekte auf der Roten Liste

Wie gut ist dein Schwäbisch? Teste dein Wissen in unserem Quiz am Ende des Artikels.
Wie gut ist dein Schwäbisch? Teste dein Wissen in unserem Quiz am Ende des Artikels. © Foto: DPA
Mannheim / lsw/swp 05.12.2018
Sie bringen Farbe, Humor und Vielfalt in die deutsche Sprache. Doch manche sind vom Aussterben bedroht - die Dialekte. Ein prominenter Schwabe will das nicht länger hinnehmen.

„In diesem Haus wird Schwäbisch geschwätzt“, sagt Laienschauspieler Berthold Guth auf der Bühne des Theäterle in Stuttgart. Er setzt damit den Schlusspunkt einer Mundart-Komödie, in der er als Vater eines erwachsenen Sohnes von dessen Neigung für Männer erfährt. Doch das ist dem alten Vater grad egal. Hauptsache der Partner schwäbelt.

Der 74-jährige Guth steht für die ganze Hartnäckigkeit und unerschütterliche Zuversicht, mit der das Ensemble seit Jahren gegen das Verschwinden des Schwäbischen ankämpft. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) will Mundart-Freunden wie Guth nun unter die Arme greifen. Ein Forum mit Wissenschaftlern am 7. Dezember in Stuttgart soll das Thema Dialekt ins öffentliche Bewusstsein rücken.

Nicht nur die Stuttgarter Mimen stehen auf verlorenem Posten. Den rund 300 anderen Mundarttheatern in Baden-Württemberg und wohl tausenden bundesweit gehe es nicht anders, erzählt Guth. Gerade habe wieder eines in Stuttgart dicht gemacht. Nachwuchsmangel. Da können der Chef der Truppe und seine Regisseurin Inka Bauer noch von Glück sagen: In ihrem neuen Stück „Eine reizende Überraschung“ tritt eine 30-jährige Kollegin auf, die allerdings kein Schwäbisch spricht. Sie trägt dazu bei, dass der Altersschnitt der Theater-Truppe „nur“ bei 55 Jahren liegt. Der Verbund mit anderen Stuttgarter Mundart-Ensembles hilft beim Überleben - man leiht sich bei Engpässen Schauspieler aus.

Doch was ist überhaupt ein Dialekt?

Eine regional gebundene Sprachform, erläutert Sprachforscher Stefan Kleiner. Im Englischen etwa sei der Begriff nicht an einen geografischen Raum beschränkt, sondern umfasse etwa auch die Jugendsprache. Der Mitarbeiter des Mannheimer Instituts für Deutsche Sprache zählt etwa ein Dutzend Dialekte in Deutschland vom Plattdeutsch bis zum Alemannischen, dem das Schwäbisch als eigener Dialekt zugeordnet wird. Doch die Vielfalt trügt: Alle Dialekte teilen dasselbe Schicksal des Verschwindens - nach Kleiners Beobachtung im Norden schneller als im Süden Deutschlands. Am lebendigsten seien die Dialekte im Saarland (Rhein- und Moselfränkisch), in Teilen von Bayern und auf der Schwäbischen Alb. Auf der Unesco-Liste der vom Aussterben bedrohten Sprachen ist für Deutschland ebenfalls ein Dutzend angegeben.

Hörbare Herkunft

Der Verlust von Dialekten bekümmert Carola Großmann. „Durch den Dialekt weiß man genau, wo jemand herkommt“, sagt die 72-jährige Besucherin des Theäterles. Unüberhörbar ihre Herkunft: Ihr rollendes R verrät sie sofort als Fränkin - obwohl sie schon 50 Jahre in Schwaben lebt.

Theäterle-Regisseurin Inka Bauer schätzt vor allem eines: „Man kann Kritik so unterbringen, dass sie den anderen nicht verletzt - und das auf humorige Weise.“ Wenn der Schwabe jemanden „Grasdackel“ oder „Schafsäckel“ schimpfe, tue das weniger weh, als Idiot genannt zu werden.

Der Verein mund.art, der Stammtische, Schreibwerkstätten und Lesungen auf Schwäbisch organisiert, hat anderes als das Theäterle in den vergangenen Jahren Aufwind verspürt. Im Jahr 2012 waren noch 130 Mundartkünstler und Förderer Mitglied - heute sind es 340 - darunter auch jüngere Menschen zwischen 20 und 30. Vereinschef Wolfgang Wulz ahnt warum: „Angesichts der Globalisierung greift der Mensch auf Heimat und Kindheitstraditionen zurück.“

Die Welzheimer Sängerin Anke Hagner, Jahrgang 1976, bringt es auf den Punkt: „Wenn ich Schwäbisch sing, bin ich dahoim.“ Mit ihrer Folkrock-Band Gradraus bringt sie unter dem Titel „frei“ das dritte Album heraus.

Dialekte in Schulen

Auch an den Schulen sollen die traditionellen Sprachformen nicht in Vergessenheit geraten. Landessprache, -geschichte und -kunde spielen im Südwesten in mehreren Fächern eine Rolle. Bezüge zum Dialekt finden sich laut Kultusministerium in allen Bildungsplänen der allgemeinbildenden Schulen, ohne einen bestimmten zu nennen. Die Lehrer können zwischen dem Alemannischen, Schwäbischen und Fränkischen wählen.

Ein guter Botschafter der Mundart ist für Vereinschef Wulz Ministerpräsident Kretschmann aus Sigmaringen mit seinem „Honoratioren-Schwäbisch“. Ganz im Sinne der von seinem Vorgänger Erwin Teufel (CDU) initiierten Image-Kampagne „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ redet der Grüne, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Aussprüche des Regierungschefs wie „Der Käs is gegessen“ zur Unwiderrufbarkeit des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21 sind unvergessen. Übertroffen werde er nur noch von seiner Ehefrau Gerlinde Kretschmann, meint Wulz: „Sie strengt sich nicht mal an, Hochdeutsch zu sprechen.“

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