Der Ätna ist nicht nur wegen Eruptionen gefährlich. Die Südostflanke von Europas aktivstem Vulkan gleitet darüber hinaus jährlich zwei Zentimeter Richtung Meer. Sie könnte jederzeit abrutschen, befürchten Forscher. Die Folge wäre ein gewaltiger Tsunami.
Besucher des rund um die Uhr überwachten Vulkans treffen in der Mondlandschaft oberhalb der Seilbahn, von der aus sie mit Unimogs zu den Hauptkratern gefahren werden, auf Forschungsstationen. Aber auch unterhalb der Wasseroberfläche haben Wissenschaftler des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung, der Christian-Albrechts-Uni­versität aus Kiel und des italienischen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV) Transponder installiert. Dabei stellten sie fest, dass sich die Bewegung des Vulkans unter Wasser fortsetzt.
An der Grenze von rutschender Flanke und stabilem Hang hatte das Team fünf Transponder-Messstationen installiert, die alle 90 Minuten ein akustisches Signal sendeten. Da die Geschwindigkeit des Schalls unter Wasser bekannt ist, können über die Dauer, die das Signal unterwegs ist, Bewegungen des Meeresbodens zentimetergenau bestimmt werden.
Lange tat sich nichts. Dann aber „stellten wir eindeutig fest, dass der Hang im Mai 2017 innerhalb von acht Tagen um vier Zentimeter Richtung Meer abrutschte und dabei einen Zentimeter tiefer sank“, sagt Morelia Urlaub, die Leiterin des Forschungsprojekts. Die Bewegung des Bergs sei wie ein langsames Erdbeben.
Bislang war angenommen worden, dass das Magma im Vulkan das Abgleiten Richtung Meer auslöst. Aber „insgesamt deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass der Hang aufgrund der Schwerkraft abrutscht und nicht etwa durch den Aufstieg von Magma“, sagt Urlaub. Heidrun Kopp, eine der Autorinnen der Studie: Deshalb sei es durchaus möglich, dass der Vulkan plötzlich abrutscht und einen „Tsunami im gesamten Mittelmeer auslösen könnte.“
Würde Magma im Zentrum des Vulkans die Bewegung auslösen, müsste sich der Hang an Land stärker fortbewegen als unter Wasser, erklären die Forscher. Diese Erkenntnis sei wichtig für die Gefahrenabschätzung.
„Wir können nicht vorhersagen, ob und wann der Ätna einen Tsunami auslöst“, sagt Francesco Guglielmino vom IGNV. „Mit Sicherheit können wir aber sagen, dass die Verschiebung sowohl bei Eruptionen als auch ohne sie stattfindet. Das bedeutet, dass der Motor nicht im Innern des Vulkans liegt, sondern im Meer.“ Es sei, als würde dem Vulkan an der Südostseite der Boden unter den Füßen weggezogen.
Immer dann, wenn das IGNV rund um den Hauptkrater verstärkte Gas-, Rauchentwicklung oder Eruptionen misst, werden die bei Touristen beliebten oberen Regionen des Bergs abgesperrt. Doch für den Fall, dass die Südostflanke insgesamt abrutscht, gibt es keine Vorsorge.
Spuren eines Tsunamis, den ein Bergrutsch am Ätna vor mehr als 8000 Jahren ausgelöst hatte, haben Vulkanologen des IGNV sogar in Israel entdeckt. Die Ostflanke war demnach mit 100 Metern pro Sekunde ins Meer gestürzt. Innerhalb von zehn Minuten wurde Kalabrien an der gegenüberliegenden Südspitze des italienischen Stiefels von einer vierzig Meter hohen Welle überrollt. Zweieinhalb Stunden später erreichte der noch immer zehn Meter hohe Tsunami Israel.
Die Bewohner des Ätna fürchteten sich trotz der neuen Erkenntnisse eher vor Erdbeben, sagt der Vulkan-Experte Francesco Pennisi. Die hätten  die Bewohner zuletzt vor einigen Nächten aus dem Schlaf gerissen.

Höchster Vulkan Europas

Der Ätna ist rund 3300 Meter hoch und damit der höchste Vulkan Europas. Er hat 1200 Quadratkilometer Gesamtfläche mit einem Umfang von rund 130 und einem Durchmesser von 40 Kilometern. In der Risikozone leben etwa 900 000 Menschen, der Vulkan ist seit 2013 Unesco-Weltnaturerbe.
Rund 300 Krater säumen den Berg. Heute gibt es vier Hauptkrater in der Gipfelzone, vor 100 Jahren gab es dort nur einen aktiven Hauptkrater. Entstanden ist der Vulkan vermutlich vor 570 000 Jahren beim Aufeinandertreffen von euro-asiatischer und afrikanischer Erdplatte. gab