Raumfahrt Das Loch in Gersts Sojus-Raumschiff MS-09

Da war die Welt auf der Internationalen Raumstation noch in Ordnung: Das Raumschiff Sojus MS-09 beim Andocken am 8. Juni.
Da war die Welt auf der Internationalen Raumstation noch in Ordnung: Das Raumschiff Sojus MS-09 beim Andocken am 8. Juni. © Foto: Nasa
ISS / Egbert Manns 02.11.2018
Jemand hat das Sojus-MS-09-Raumschiff angebohrt, das Alexander Gerst und Kollegen zur ISS gebracht hat. Aus Russland kommen zunächst Mutmaßungen und Märchen. Mittlerweile wird der Übeltäter am Raumfahrthafen Baikonor in Kasachstan verortet.

Wer hat das Loch ins Raumschiff gebohrt? Ein verrückter US-As­tronaut auf der ISS? Ein umnachteter Monteur oder ein Saboteur in Russland oder Kasachstan? Im Aufenthaltsraum des Sojus-Raumschiffes, mit dem Alexander Gerst und zwei Kollegen am 6. Juli zur Internationalen Raumstation geflogen sind, ist am 30. August ein 2 Millimeter breites Loch in der Außenhülle entdeckt worden. Russische Kosmonauten klebten es rasch zu. Zu seiner Urheberschaft werden Mutmaßungen, Spekulationen und Märchen verbreitet. Eine russische Kommission ermittelt.

   

30. August, morgens. Die Bodenkontrolle der Nasa in Houston meldet einen Druckanfall in der Internationalen Raumstation (ISS). Weil er minimal ist, weckt sie die Astronauten nicht extra.

Experten der US-amerikanischen und der russischen Bodenkontrollen checken ihre ISS-Module. Eines nach dem anderen wird hermetisch abgeriegelt, der Luftdruck darin gemessen. Die Russen melden schließlich, dass in ihrem Bereich ein Leck sein müsse.

Alexander Gerst findet es. Es liegt versteckt hinter der Toilette im Sojus-Raumschiff MS-09, das an den russischen Teil der ISS angedockt ist. Es messe etwa 1,5 Millimeter im Durchmesser, verbreiten die Raumfahrtbehörden Roskosmos und Nasa. Später wird von 2 Millimetern die Rede sein.

Die Nasa verbreitet auf einer ihrer Seiten eine Videoaufnahme und Fotos, die das absolut runde Loch und seine Umgebung zeigen. Da sind mehrere Spuren an der Wand, als habe jemand einen Bohrer nicht richtig ansetzen können und sei ein paarmal abgerutscht.

Von da an beherrschen Spekulationen und Märchen den Fall.

Die Ausgangslage: Ein Riss oder ein Bohrloch?

Das Loch schließen. Die Russen und die Amerikaner auf der ISS sind uneins darüber, wie sie mit dem Loch umgehen sollen. Die Russen wollen es gleich zukleben. Der amtierende amerikanische ISS-Kommandant Drew Feustel hingegen will, dass das Klebeverfahren am Boden erstmal getestet wird. Die russische Bodenkontrolle weist ihre Kosmonauten schließlich an, das Loch zuzumachen. Sie schließen es zunächst mit einem Kaptonklebeband und anschließend mit einer mit Kunstharz getränkten Kompresse.

Die Meteoritenthese. Das Loch wird zuerst falsch eingeschätzt. „Ein sehr kleiner Riss ist gefunden worden“, zitiert News.Sky.com den Chef von Roskosmos, Dmitri Rogosin. „Wahrscheinlich ist es ein Schaden von außerhalb. Die Design-Ingenieure glauben, dass ein Meteorit daran schuld ist.“

Die Einschätzung ist seltsam, weil die russischen Astronauten Fotos vom Loch zur Erde geschickt und die Nasa sehr rasch ein Video der Astronauten vom Loch veröffentlicht haben. Es zeigt deutlich, dass das Loch maschinell hergestellt worden ist. Von einem Riss, wie Rogosin sagt, kann keine Rede sein. Außerdem sind da die Spuren an der Wand neben dem Loch.

Die Nasa löscht das Video rasch, was aber nichts nützt, weil es bereits kopiert und verbreitet worden ist. Weshalb die Löschung, teilt die Nasa nicht mit. Will sie die russische Seite nicht desavouieren, weil das Video die Vermutung nahelegt, das Loch könne in der Fabrik in Russland gebohrt worden sein?

 
Zwei Löcher. Die Astronauten finden nach Angaben der Nasa zwei Löcher in der Sojuswand, berichtet der russische Raumfahrtexperte Anatoli Zak in seinem Blog russianspaceweb.com. Aber nur eines gehe durch die Wand. Ros­kosmos erwähne das zweite Loch nicht.

Durchbohrt ist die Außenhülle des „Habitation Module“, in dem die Astronauten sich während des Hinflugs zur ISS aufhalten. Die Wand ist dünner als die des „Crew Modul“, des anderen Teils des Raumschiffs. Im „Crew Modul“ werden die Astronauten zur Erde zurückfliegen. Während des Rückflugs wird das „Habitation Module“ abgesprengt. Das Loch spielt deshalb letztlich keine Rolle für den Rückflug.

Mutmaßungen und Märchen: Verrückte oder kranke Astronauten

Die Technischer-Irrtum-These. Am 3. September verbreitet Rogosin, dass die Meteoritenthese verworfen worden sei. „Auf die Hülle des Raumschiffes war ganz offensichtlich von innen eingewirkt worden“, zitiert ihn spaceflightinsider.com. Das Loch sei von einer „schwankenden Hand“ herbeigeführt worden und sei ein „technischer Irrtum“ eines Fachmanns gewesen.

Die Nachrichtenagentur RIA Novosti zitiert am gleichen Tag eine ungenannte Quelle aus der Industrie. Der zufolge hat wahrscheinlich ein Mitarbeiter des Herstellers RSC Energia das Loch „irrtümlich“ gebohrt und dann mit einem Spezialkleber geschlossen. Deshalb sei das Loch beim Drucktest nicht entdeckt worden. Im Orbit sei der Kleber getrocknet und rausgedrückt worden.

Die Sabotage-These (1). Rogosin bestätigt am 4. September die Auffassung, dass die Löcher mit einem Bohrer gemacht worden seien. Und zwar „amateurhaft“, zitiert Zak ihn aus einem RIA-Bericht, weil der Bohrer über die Wand gerutscht sei.

Dann bereitet Rogosin den Märchenteil vor: „Wie auch immer, wir schließen eine absichtliche Beschädigung im All nicht aus.“

Das wird zur Initialzündung für russische Staatsmedien. Das Loch könnte von einem psychisch gestörten US-Astronauten gebohrt worden sein, der früher zur Erde zurückkehren will, sagt der ehemalige russische Kosmonaut Maxim Surajev der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti noch am gleichen Tag. Surajev, seit 2016 für Putins Partei in der Duma: „Wir sind alle Menschen und können nach Hause wollen.“

Die Tageszeitung „Kommersant“, seit Juni 2018 unter der Regie von Vladimir Zhelonkin, dem früheren Chef der Zvezda-Mediengruppe des russischen Verteidigungsministeriums, macht aus der Rogozin-Bemerkung einen Tag darauf eine runde Geschichte: Die drei US-Astronauten auf der ISS haben das Loch gebohrt, damit ein kranker Kollege so schnell wie möglich zur Erde gebracht werden kann.

Eine andere Variante, von „Kommersant“ und anderen russischen Medien unter Berufung auf anonyme Quellen verbreitet: Ein US-Astronaut ist krank und will zur Erde gebracht werden. Damit die Nasa dafür keinen Extra-Flug für 85 Millionen Dollar bezahlen muss, hat einer der Astronauten das Loch gebohrt. So könnte eine volle dreiköpfige Besatzung mit der Sojus-Raumkapsel zu einer früheren Rückkehr zur Erde gezwungen sein.

Da ärgern sich selbst die Politiker

Die spekulativen Schuldzuweisungen an die Amerikaner gehen selbst Roskosmos-Chef Rogosin zu weit. „Klatsch und Gerüchte der jüngsten Zeit . . . behindern die Arbeit der Untersuchungskommission“ und könnten „die freundlichen Beziehungen der Besatzungsmitglieder der Raumstation stören“, schreibt er nach einer Woche, am 12. September, auf Facebook. Man solle gefälligst das offizielle Untersuchungsergebnis abwarten.

Auch der stellvertretende russische Premierminister Yuri Borisow mischt sich ein, schreibt die „Tass“. Seine Botschaft: Es sei unzulässig, Besatzungsmitglieder der ISS zu beschuldigen.

Bohren im All. Abgesehen von der Frage, wieso ein offenbar leicht zu dichtendes Loch im Raumschiff Nasa oder Roskosmos dazu bringen sollte, einen Rückflug zu starten, bleibt zu klären, ob das Loch überhaupt im All gebohrt worden sein kann. Der Raumfahrtspezialist Pablo De Leon, Professor an der Universität von Grand Forks in Nord Dakota, verneint das.

„Man muss mit genügend Druck bohren, um durch das Glasfasergewebe und die Aluminiumwand zu kommen“, zitiert ihn die Zeitschrift Gizmodo. Das sei in der Schwerelosigkeit „extrem schwierig. Man hat in dem speziellen Raum keine Möglichkeit, sich mit einer Hand abzustützen und mit der anderen das Loch zu bohren.“

Auch Experten des Raumschiff-Herstellers RSC Energia stehen der These, dass das Loch im All gebohrt worden sei, eher skeptisch gegenüber, schreibt der Raumfahrtexperte Zak. Sie weisen darauf hin, „dass es einen einen halben Meter langen Bohrkopf braucht, um in dem vollgestopften Schott so ein Loch in dem entsprechenden Winkel zu bohren.“

Alles verzögert sich wegen des Raketenabsturzes vom 10. Oktober

Nachschauen. Wenn das Loch vor dem Start gebohrt worden ist, muss es zugeklebt worden sein, andererseits wäre der (minimale) Luftdruckabfall nicht erst zwölf Monate nach dem Flug des Raumschiffes zur ISS entdeckt worden. Die Astronauten haben gesucht, aber keinen Pfropfen oder Ähnliches im Inneren gefunden, und weil der Druck ohnehin von außen nach innen geht, wird sich auch das, was das Loch verschlossen hat, nach außen entfernt haben.

Für Mitte November hatte Roskosmos deshalb einen Weltraumspaziergang zweier Kosmonauten angesetzt. Sie sollten das Loch inspizieren und suchen, ob da etwas ist, was bei der Suche nach der Ursache weiterhilft: ein Pfropfen, Brösel davon, Bohrabfall, was auch immer.

Eigentlich wollte Ros­kosmos kurz nach der Ankunft dreier neuer Astronauten Anfang Dezember auf der ISS nachschauen lassen. Der Weltraumspaziergang ist wegen des Versagens der Sojus-Rakete am 11. Oktober aber verschoben worden.

Die Sabotage-These (2) Die Nasa verbreitet zwischendurch Optimismus. Am 3. Oktober gibt sie ein Statement ab, in dem es heißt: „Selbst wenn das Loch kein Fabrikationsfehler war, heißt das nicht, dass es absichtlich oder  böswillig gebohrt worden ist.“

Wenn sie sich da mal nicht irrt. Die Tass schreibt schon am 6. September, dass das Loch erst gebohrt worden sein müsse, als die Sojus-Raumkapsel schon fertig zusammengebaut war. Das habe ein Insider in der Raumfahrtindustrie ihr mitgeteilt. Deshalb werden gerade alle Sojus- und alle für Frachten bestimmte Progress-Raumschiffe untersucht, sowohl die in der Fabrik von RSC Energia als auch die, die schon zum kasachischen Raumfahrthafen Baikonur verfrachtet worden sind.

Rogosin nimmt die Fabrik aus dem Kreis der Verdächtigen aus

Auf den Raumhafen konzentriere sich die Untersuchung gerade, schreibt das englischsprachige russische regierungstreue Portal sputniknews. Es zitiert Rogosin mit den Worten: „Wir verneinen, dass das in der Moskauer Fabrik passiert ist. Baikonur bleibt als Möglichkeit oder irgendeine exotische Version.“

Im Klartext: Die Untersuchungskommission hat bisher nichts herausgefunden. Ihr Bericht (samt Identifizierung des Bohrers) war ursprünglich für Mitte November angekündigt. Weil sich allerdings wegen des Raketen-Versagens am 10. Oktober die Suche nach Bohr-, Pfropfen oder sonstigen Spuren auf der Außenhülle des Raumschiffs verzögert hat, ist auch dieser Termin eher hinfällig. Im Gespräch ist das zweite Dezember-Wochenende.

Was auch immer gefunden wird: Falls nicht beim für den 3. Dezember geplanten Flug dreier neuer Astro- und Kosmonauten zur ISS wieder etwas Unvorhergesehenes passiert, kehrt Gerst am 20. Dezember zu Erde zurück. Im Sojus-MS-09-Raumschiff.

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