Medizin Das erste Kind aus dem Reagenzglas

London / Von Hendrik Bebber 25.07.2018
Louise Brown ist das erste durch künstliche Befruchtung gezeugte Baby. Ihre Geburt vor 40 Jahren war eine Sensation.

Meine Mutter wollte ein Baby, ganz gleich wie“, erinnert sich Luise Brown an den Anlass für dieses epochale Ereignis in der Medizingeschichte. „Sie war eine ruhige und privat sehr zurückhaltende Frau und wurde zu einer Weltsensation, nur weil sie sich so sehr nach einer Familie sehnte.“ Lesley war damals 30 Jahre alt und seit neun Jahren mit ihrem Mann John verheiratet, der bei der Eisenbahn arbeitete.

In all den Jahren konnte das Paar im Kinderwunsch wegen eines Eileiterproblems nicht erfüllen. Lesley litt deswegen unter Depressionen. Ihr Hausarzt machte sie auf den britischen Gynäkologen Patrick Steptoe und den Physiologen Robert Edwards aufmerksam, die seit Ende der sechziger Jahre mit der In-vitro-Fertilisation (IVF) experimentierten. Dabei werden Eier der Frau in einer Glasschale mit dem männlichen Sperma befruchtet und der daraus entstehende Embryo wieder in den Mutterleib eingesetzt.

Doch eine Fruchtbarkeitsbehandlung war für die Arbeiterfamilie unbezahlbar. Vor der Abfahrt in einen kurzen Sommerurlaub hatte John einen Wettschein der in England beliebten Sportwetten „Football Pools“ ausgefüllt. Als das junge Paar nach Hause kam, fand es einen Scheck über 800 Pfund im Briefkasten – und investierte die Summe in die künstliche Befruchtung.

Die Wissenschaftler Edwards und Steptoe waren mit dieser Methode zum ersten Mal  bei Lesley Brown erfolgreich. „Bis sie bereits ein paar Monate schwanger war, wusste sie überhaupt nicht, dass die Methode komplett neu war und noch nie zuvor funktioniert hatte“, sagte Louise Brown über ihre 2012 verstorbene Mutter. Nach 38 Wochen war es dann soweit: Am 25. Juli um 11.47 Uhr hallte das Schreien von Louise durch die Flure des Oldham General Hospitals, das eine gute halbe Stunde vom Zentrum Manchesters entfernt liegt.

Als die Nachricht von ihrer Schwangerschaft durchsickerte, brach ein ungeheurer Medienrummel los. Um die werdende Mutter vor den Reportern und Fotografen zu retten, die rund um die Uhr das Haus in Bristol belagerten, brachte Steptoe  sie für die Entbindung nach Oldham, wo er in der mittelenglischen Stadt die gynäkologische Abteilung des Krankenhauses leitete. Doch diese Flucht blieb den Medien nicht verborgen und am Tage der Niederkunft herrschte vor dem Kreissaal ein ungeheures Pandämonium. An die 100 Polizisten sicherten das Gebäude vor den Reportern, die alle Tricks versuchten, an das „erste Retortenbaby der Welt“ und seine Mutter heranzukommen.

Louise Brown wurde ohne Komplikationen durch Kaiserschnitt geboren und wog 2600 g bei einer Körperlänge von 49 cm. Vorsorglich wurden nach der Geburt gleich 60 Tests durchgeführt, die nur bestätigen, dass Louise ein völlig gesundes und kräftiges Mädchen ist. Wie die Eltern waren die wissenschaftlichen Geburtshelfer überglücklich und gemeinsam wurde ihr zweiter Rufname „Joy“ (deutsch „Freude“) festgelegt.

Nobelpreis verliehen

Vier Jahre später wurde ihre Schwester Nicola ebenfalls dank IVF geboren, doch in der Zwischenzeit war diese erstmals so sensationelle Methode fast zur Normalität geworden. Steptoe und Edwards hatten nahe Cambridge eine Klinik gegründete, die tausenden von unfruchtbaren Frauen zum Mutterglück  verhalfen. Edwards bekam 2010 für seine Pionierleistung den Nobelpreis für Medizin. Sein Kollege Patrick Steptoe war bereits 1988 gestorben.

Louise Joy Brown brauchte „zehn  Jahre um sich daran zu gewöhnen, dass alle Welt meinen Namen kannte. Meine Mutter bemühte sich sehr darum, mir ein ganz gewöhnliches Leben zu ermöglichen, aber sie akzeptierte auch, dass sie mich mit der Welt teilen muss“.

Nach dem Tode ihrer Eltern bewahrt sie die vielen Karten zu ihrer Geburt auf die ihre Mutter damals erhielt. Darunter befinden sich auch recht böse Zuschriften, die sich über den Frevel gegen die Natur empörten . Der Vatikan kommentierte damals das Ereignis mit „den ernsten Konsequenzen für die Menschheit.“

Die stattliche Frau  war auch als Kind sehr kräftig und musste es hinnehmen, wenn ihre Mitschülerinnen fragten, „wie hast du nur in das Reagenzglas gepasst.“ Heute hat Louisa Brown selbst zwei  Söhne, die auf natürlichem Wege geboren wurden. Sie arbeitet in einer Reederei und spricht zuweilen auf internationalen IVF Kongressen .

Zu ihrem 40. Geburtstag veröffentlichte sie ihre Memoiren in dankbarer Erinnerung an die Wissenschaftler, die ihr zum Leben verhalfen. Zu der anhaltenden moralischen Kontroverse um die künstliche Befruchtung bei heterosexuellen Paaren sagt sie schlicht: „Ganz gleich wer du auch bist, so hast du das Recht, dass man dir bei der Erfüllung des Wunsches nach Kindern hilft.“

Verschiedene Methoden

Bislang kamen laut einer Studie der Europäischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Embryologie (ESHRE) weltweit mehr als acht Millionen Menschen durch In-vitro-Fertilisation zur Welt. Inzwischen werden geschätzt mehr als eine halbe Million Babys jährlich nach einer künstlichen Befruchtung geboren. Rund jedes zehnte Paar habe Probleme, auf natürlichem Wege ein Kind zu bekommen. Das erste deutsche Retortenbaby kam am 16. April 1982 in Erlangen zur Welt. Es war ein Junge – Oliver.

Je nach Ursache gibt es verschiedene Methoden: Bei der Insemination übertragen Ärzte männlichen Samen in die Gebärmutter. Bei der In-vitro-Fertilisation finden die Spermien im Reagenzglas selbst den Weg in die Eizelle.

Die Finanzierung sorgt immer wieder für Streit. Bei Verheirateten übernehmen die gesetzlichen Kassen mindestens die Hälfte der Kosten, jedoch nur für die ersten drei Behandlungen. Dazu kommt eine staatliche Förderung. Seit 2016 können auch Unverheiratete unter bestimmten Voraussetzungen Geld vom Staat für eine Behandlung erhalten. dpa/kna

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