Der Iran ist von der Corona-Pandemie stark getroffen. Zum einen gibt es viele Infizierte, zum anderen hat das Land und seine Wirtschaft mit heftigen Sanktionen zu kämpfen.

Nach Angaben der Johns Hopkins Universität sind, Stand 29. April, 09:32 Uhr:

  • 92.584 Menschen infiziert
  • 5.877 Menschen gestorben, die mit Covid-19 infiziert waren
  • 72.439 Menschen geheilt.

Moscheen bleiben geschlossen und Freitagsgebete verboten

Die Regierung im Iran bleibt hart: Auch nach Beginn des Fastenmonats Ramadan bleiben trotz der Proteste alle Moscheen und Mausoleen geschlossen. Auch die für das Land wichtigen Freitagsgebete fielen bis auf weiteres aus, sagte Präsident Hassan Ruhani am Sonntag.

Damit hat sich das Gesundheitsministerium - zumindest vorläufig - gegen den Klerus durchgesetzt. Der wollte eine baldige Wiedereröffnung der heiligen Stätten, besonders nach Beginn des für den Gottesstaat heiligen Monats Ramadan. Der Iran gehört zu den Ländern, die besonders hart von der Corona-Pandemie getroffen worden sind.

Das Land soll Ruhani zufolge in drei Zonen aufgeteilt werden: weiß für Corona-frei, gelb für gefährdet und rot für sehr gefährdet. „Sobald eine Stadt vom Gesundheitsministerium als weiße Zone eingestuft wird, werden dort auch die heiligen Stätten wiedereröffnet und auch die Freitagsgebete dann wieder stattfinden“, so der Präsident. Wann das sein wird, ließ er offen.

Das Gesundheitsministerium war wegen der hohen Ansteckungsgefahr gegen eine sofortige Öffnung der heiligen Stätten. Das führte zu hitzigen Diskussionen zwischen Klerus und Regierung. Auf Twitter bezeichnete Ruhanis Berater Hessamedin Aschena die Sitzung am Sonntag auch als „äußerst schwierig und kontrovers“.

„Wir müssen leider noch eine Weile mit Corona zusammenleben“, sagte Ruhani. Er kündigte laut Angaben seines Webportals an, dass demnächst eine Masken- und (Plastik-)Handschuh-Pflicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln eingeführt wird.

Corona im Iran: Der Islam rückt in den Hintergrund

Die Corona-Pandemie hat vieles im Iran auf den Kopf gestellt. Wegen der Kontaktbeschränkungen konnten die Perser nicht einmal ihr Neujahr (20. März) richtig feiern. Selbst an Beerdigungen und Trauerzeremonien darf nur noch der engste Familienkreis teilnehmen. Beachtlich ist jedoch, dass in der islamischen Republik auch der Islam dem Corona-Virus weichen musste. Manches wäre früher einfach undenkbar gewesen.

Als erstes schlossen wegen der Ansteckungsgefahr die Moscheen – auch die große Dschamkaran Moschee in Ghom in Zentraliran. Danach wurden die für das islamische Land wichtigen Freitagsgebete, wo Woche für Woche Propaganda betrieben wurde, abgesagt.

Zum ersten Mal in der Geschichte des Irans schlossen dann sogar zwei der wichtigsten schiitischen Mausoleen in Maschad in Nordostiran und in Ghom, die jährlich von Millionen von iranischen und ausländischen Pilgern besucht werden. Auch der Schrein von Revolutionsführer Ruhollah Chomeini in Teheran ist zu. Und das alles mit Zuspruch der gesamten religiösen Elite des Landes.

Besonders auf die Schließung der beiden Mausoleen reagierten streng gläubige Muslime mit Protesten. Sie glauben nämlich, dass ein Besuch in diesen Mausoleen auch die schlimmsten Krankheiten heilen könne. Nun erfahren sie vom Klerus selbst, dass sie sich dort sogar anstecken können. „Was nun, wird man an solchen Orten geheilt oder infiziert?“, fragen junge Iraner, die den strengen islamischen Regeln grundsätzlich skeptisch gegenüber stehen, in sozialen Medien.

Über 70.000 Corona-Infektionen im Iran gemeldet

Im Iran haben sich nach Angaben der Behörden inzwischen mehr als 70.000 Menschen mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. Binnen 24 Stunden wurden 1837 Neuinfektionen gemeldet, wie der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Kianusch Dschahanpur, in Teheran mitteilte. Die Gesamtzahl der Corona-Infektionen stieg demnach auf 70.029. Zugleich wurden nach seinen Angaben 125 neue Corona-Todesfälle gemeldet.

Der Iran ist eines der am schwersten von der Corona-Pandemie betroffenen Länder weltweit. Das Land hatte seinen ersten Fall am 19. Februar gemeldet. Seither stiegen die Zahlen steil an. Allerdings gehen ausländische Experten von einer noch deutlich höheren Zahl von Infektionen und Todesfällen in dem Land aus.

Die Führung in Teheran schloss bisher Schulen und Universitäten sowie Kinos und schiitische Pilgerstätten. Auch gibt es ein Verbot von Reisen zwischen den Städten des Landes. Allerdings sollen bestimmte Geschäfte, für die ein „geringes Risiko“ angegeben wird, wieder öffnen dürfen. Dadurch soll die ohnehin notleidende Wirtschaft wieder etwas gestärkt werden.

Erster Erfolg: Todeszahlen zurückgegangen

Die Beschränkungen zeigen Wirkung: Der Iran hat nach Angaben seines Gesundheitsministers am Dienstag einen ersten Teilerfolg im Kampf gegen das Coronavirus verbucht. „Zum ersten Mal in den letzten vier Wochen war die Opferzahl heute zweistellig“, sagte Minister Saeid Namaki am Dienstag. Seit dem 11. März kamen demnach erstmals weniger als 100 Corona-Patienten ums Leben. Laut Namaki gab es binnen 24 Stunden 98 Tote.

Irans Präsident fordert globale Zusammenarbeit

Hassan Ruhani, Irans Präsident, hat in einem Telefonat mit Frankreichs Emmanuel Macron zu einem international abgestimmten Kampf gegen das Coronavirus aufgerufen. Nach Angaben seines Büros sagte er am Montagabend: „Ohne eine gemeinsame globale Zusammenarbeit und Austausch unserer Erfahrungen, können wir diese kritische Phase nicht meistern.“

Dafür brauche das Land aber Unterstützung, weil man gerade an zwei Fronten kämpfen müsse. Einerseits gegen die Pandemie, andererseits gegen US-Sanktionen. Der Iran fordert daher von seinen Freunden: Druck auf die USA ausüben, um zumindest während der Corona-Krise die Sanktionen aufzuheben.

Notfallteam von Ärzte ohne Grenzen darf nicht helfen

Mehr als eine Woche ist es jetzt her, dass ein Notfallteam der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) in der iranischen Hauptstadt Teheran gelandet ist. Zwei Frachtflugzeuge brachten alles, was für ein Behandlungszentrum mit 50 Betten in der besonders hart von der Corona-Pandemie getroffenen Provinz Isfahan im Zentraliran benötigt wird, in das Land. „Unsere Teams waren bereit, die Arbeit Ende vergangener Woche aufzunehmen“, sagt Michel Olivier Lacharité, MSF-Programmverantwortlicher in Paris.

Doch es kam anders. Das iranische Gesundheitsministerium lehnte den nach Konsultationen mit dem Außenministerium in Teheran und der Botschaft in Paris genehmigten Einsatz völlig überraschend ab. Am 24. März erklärte die Behörde, das Land brauche keine zusätzlichen Behandlungskapazitäten bei der Behandlung von Covid-19-Erkrankten. Der Iran könne mit Hilfe der Armee selbst mobile Krankenhäuser für Coronavirus-Infizierte errichten. Angeblich gab es Bedenken bei den Hardlinern im Land, dass es sich bei den Experten von MSF - die ihre Arbeit im Iran nach eigenen Angaben ausschließlich aus privaten Spenden finanzieren - um westliche Spione handeln könnte.

Seitdem wartet das neunköpfige internationale Team - darunter auch zwei Intensivmediziner - darauf, zu erfahren, wie es weitergehen soll. Und MSF überlegt, seine Mini-Klinik womöglich in anderen Ländern einzusetzen. Noch ziehe das Team einen Einsatz im Osten des Irans in Betracht, sagt Lacharité der Deutschen Presse-Agentur.

Iran steht wegen der Corona-Krise still

Der Gottesstaat ist von der Pandemie besonders hart getroffen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums hat sich die Zahl der Toten bis Anfang April auf mehr als 3000 erhöht, die der Infizierten auf fast 48.000. Um eine Ansteckungswelle zu verhindern, wurden Schulen, Universitäten, Kinos, Theater und sogar das Parlament sowie die für schiitische Gläubige bedeutenden heiligen Stätten des Landes erst einmal geschlossen.

Nur ein Drittel der Beamten darf zur Arbeit, alle Geschäfte außer Supermärkten und Apotheken mussten schließen. Das Land steht still. Sogar Zeitungen sollen vorerst nicht mehr gedruckt werden und nur online erscheinen. Die Polizei sperrte vor und nach dem persischen Neujahrsfest am 20. März Autobahnen und Landstraßen, um Reisen in die Provinzen zu vermeiden.

Mindestens bis zum 8. April soll dieser Ausnahmezustand im Land weiter herrschen. Die Devise bis dahin lautet: Zu Hause bleiben, Kontakte vermeiden, alte Angewohnheiten vergessen und lernen, das Leben der Corona-Pandemie anzupassen. Präsident Hassan Ruhani und das Gesundheitsministerium hoffen, bis dahin die Krise in den Griff zu bekommen – Beobachter halten dieses Vorhaben für unrealistisch.

Überschattet wird die Krise noch durch die drakonischen Sanktionen der USA. Vor der Corona-Krise bezeichnete der Iran die Strafmaßnahmen als „wirtschaftlichen Terrorismus“. „Aber jetzt ist es nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch noch medizinischer Terrorismus“, twitterte Außenminister Mohammed Dschawad Sarif. Seit Beginn der Epidemie Ende Februar ist Sarif in Telefonkontakt auch mit dem UN-Generalsekretär und dem EU-Außenbeauftragten. Sarif fordert, die internationale Gemeinschaft solle Druck auf die USA ausüben, wegen der Corona-Krise einige Sanktionen gegen den Iran aufzuheben.

Auch Ruhani redet inzwischen von „unmenschlichen“ US-Sanktionen. Es gehe derzeit nicht mehr um politische Differenzen, sondern um Menschenleben. „Zwar ist die ganze Welt von der Corona-Krise betroffen, aber wir im Iran müssen an zwei Fronten gleichzeitig kämpfen: Corona und US-Sanktionen“, so der iranische Präsident.

Pompeo: USA hat Iran Hilfe angeboten

US-Außenminister Mike Pompeo betonte erst am Dienstag in Washington mit Blick auf Länder unter US-Sanktionen: „Die Güter, die jedes dieser Länder braucht, um das Coronavirus-Problem in den jeweiligen Nationen zu lösen, sind nicht von Sanktionen betroffen.“ Er unterstrich erneut: „Wir haben dem Iran Hilfsangebote gemacht.“

Das iranische Außenministerium bestritt, dass es in der Corona-Krise ein Hilfsangebot aus Washington gab. Teheran brauche ohnehin keine ausländische Hilfe, sondern nur Zugang zu seinen von den USA gesperrten Konten. Dann könnte sich das Land selbst Medikamente und medizinische Logistik für die Behandlung seiner Corona-Patienten besorgen, so Außenamtssprecher Abbas Mussawi.

US-Sanktionen verwehren Iran Zugang zu Konten im Ausland

Seit dem Ausstieg der USA aus dem Wiener Atomabkommen von 2015 und der Verhängung neuer Sanktionen hat Teheran keinen Zugang mehr zu seinen Konten im Ausland. Fast alle internationalen Banken haben seit Einführung der US-Sanktionen 2018 die Zusammenarbeit mit dem Iran eingestellt. Die Sanktionen hatten zu einer akuten Wirtschaftskrise in dem Land geführt. Dazu kommt die Corona-Krise, die Medienberichten zufolge mehr als 70 Prozent der iranischen Wirtschaft lahmgelegt hat.

Es könnte sich aber nach Worten des iranischen Zentralbankchefs einiges ändern. „Einige der Konten in Ländern, mit denen wir (vor den US-Sanktionen) Geschäfte führten, werden allmählich freigegeben“, sagt Abdolnasser Hematti. Ein erstes positives Zeichen kam jüngst aus Berlin. Über die von Deutschland, Frankreich und Großbritannien gegründete Gesellschaft Instex zur Aufrechterhaltung des Handels mit dem Iran wurde ein erstes Geschäft abgewickelt. Mit der ersten Transaktion sei die Ausfuhr medizinischer Güter aus Europa in den Iran ermöglicht worden, teilte das Auswärtige Amt in Berlin mit.

Experten sehen das Problem der Corona-Krise im Iran aber nicht nur in den US-Sanktionen. Es geht ihrer Meinung nach nicht nur um die Behandlung infizierter Patienten, sondern um die Verhinderung der Ansteckungsgefahr. Nach dem Ende der zweiwöchigen persischen Neujahrsferien soll langsam der Alltag im Land wieder einkehren. Eine Reduzierung sozialer Kontakte wird dann besonders in Großstädten wie der Millionenmetropole Teheran schwierig. Die Frage sei, ob dann alle wieder zur Arbeit gehen, die Geschäfte öffnen und Millionen Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen können - oder nicht.

Der iranische Epidemiologe Hamid S. bringt es auf den Punkt: „Die Aufhebung der US-Sanktionen wäre finanziell schon hilfreich, aber damit allein ist die Corona-Krise im Land nicht vom Tisch.“