Es beginnt mit einem winzigen Pieks und wird zu einem beispiellosen Mammutprojekt, dass die Welt aus der Corona-Krise befreien soll: Die Massenimpfung. Am 27. Dezember sollen die ersten Spritzen in Deutschland aufgezogen werden. Auch im Südwesten startet dann wohl die Großoperation Impfen. Im ganzen Land wurden Impfzentren eingerichtet. Mobile Impfteams sollen Menschen zum Beispiel in Alten- und Pflegeheimen versorgen. Aber was, wenn zu wenige wollen?
In einer Studie der Universität Erfurt von Anfang Dezember gab nur etwa die Hälfte der gut 1000 Befragten an, sich (eher) gegen Covid-19 impfen lassen zu wollen. Tendenz: fallend. Auch im Südwesten will sich nur nahezu die Hälfte der Menschen einer Umfrage zufolge gegen das Coronavirus impfen lassen. In der repräsentativen Befragung der Barmer-Krankenkasse mit 2000 Teilnehmern gaben Ende November 48 Prozent ihre Impfbereitschaft an. Selbst bei einem perfekt wirksamen Impfstoff würde das nicht ausreichen, um das Virus zu stoppen.

„Keine Impflicht durch die Hintertür“

Trotzdem verspricht die Politik, dass es keinen Impfzwang geben wird. Ministerpräsident Winfried Kretschmann hält auch nichts von Privilegien und Belohnungen für die Menschen, die sich impfen lassen. „Eine Impfpflicht durch die Hintertür ist nicht geplant“, betont der Grünen-Politiker gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. In der Demokratie gebe es nur den Weg der Überzeugung. Er wolle deshalb mit Nachdruck für das Impfen werben. „Mehr ist erstmal nicht geplant.“
Er könne verstehen, dass einige Menschen unsicher seien, sagt Kretschmann. „Wir haben ja bisher keine Erfahrung mit dem Impfstoff gegen Corona.“ Aber grundsätzlich seien Impfstoffe die mit am besten geprüften Medikamente. „Wir haben die Aufgabe, die Bevölkerung gut aufzuklären.“ Die Menschen könnten großes Vertrauen haben.
Corona Impfung Deutschland Bund sichert mehr Corona-Impfdosen

Berlin

Aber wie sollen Skeptiker bei einem hochemotionalen Thema überzeugt werden in einer Zeit, in der Corona-Leugner Falschnachrichten verbreiten und die Langzeitfolgen des Wirkstoffes noch nicht absehbar sind? Kretschmann weist Gerüchte über die Impfstoffe vehement zurück. „Was da rumgeistert, dass der Impfstoff das Erbgut verändern könne - das ist schlichtweg abwegig und gar nicht möglich.“

Impfquote von 60 bis 70 Prozent würde reichen

Der Regierungschef macht sich auch wenig Sorgen wegen Corona-Leugnern, die sich partout nicht impfen lassen wollen. „Die, die das Virus für ungefährlich halten, sind eine kleine Minderheit. Die zu überzeugen, ist fast unmöglich. Die sind aber auch nicht das Problem“, sagt er. „Um bei der Virusbekämpfung Erfolg zu haben, brauchen wir eine Impfquote von 60 bis 70 und nicht 97 Prozent.“
Der Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg, Wolfgang Miller, ist zuversichtlich, dass sich genug Menschen im Land impfen lassen werden - umso mehr, wenn die Älteren den Wirkstoff erstmal ohne größere Nebenwirkungen vertragen. „Wir würden nicht mit den Älteren anfangen, wenn wir nicht überzeugt wären, dass der Impfstoff sicher ist.“ Nach dem Start in zentralen Impfzentren sollen die Corona-Impfungen dann dezentral weitergehen - Miller erwartet sich einen regelrechten Impf-Schub durch die Hausärzte, die den Menschen dann Sorgen und Bedenken nehmen könnten.
Sollten sich aber am Ende nicht genug Impfbereite finden, hält der Ärztekammer-Präsident auch Privilegien etwa bei der Freizügigkeit für ein angemessenes Lock- und Druckmittel. „Dann kann ich nur nach Mallorca reisen, wenn ich geimpft bin“, sagt er. „Das wäre eine vertretbare Diskriminierung.“ So benötige man etwa bereits den Nachweis einer Gelbfieber-Impfung für die Einreise in manche Länder.

Organisation der Impfungen sei entscheidend

„Es wird große Unterschiede in der Bevölkerung geben“, prognostiziert Kai Sonntag, der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Die Impfbereitschaft werde auch davon abhängen, wie gut die Impfungen organisatorisch anlaufen und wie die Geimpften in ihrem Umfeld davon berichten. „Es hängt viel davon ab, wie die Menschen darüber sprechen“, sagt Sonntag. Erstmal sei wichtig, dass die, die bereit dazu seien, möglichst schnell geimpft werden. Wie man dann mit den Impfverweigerern umgehe, müsse man sehen. Gegebenenfalls werde man weitere Maßnahmen ergreifen müssen, meint Sonntag.
Am Ende lasse sich die Pandemie nur durch Impfen besiegen, sagt Kretschmann - und warnt: „Die Alternative wäre eine Durchseuchung der Bevölkerung, das würde viele Jahre dauern und wäre mit Hunderttausenden Toten und mit schweren Erkrankungen zu bezahlen.“ Viele Menschen werden sich seiner Meinung nach allein deshalb schon impfen lassen, damit sie in einen normalen Alltag ohne Einschränkungen zurückkehren können.
Er selbst wolle sich natürlich auch impfen lassen, kündigt der 72-Jährige an. „Und zwar wenn ich an der Reihe bin.“ Zuerst kämen andere Gruppen dran, etwa Ältere und Pflegepersonal.