Aufatmen in Baden-Württemberg: Die Corona-Maßnahmen werden am Montag, 08.03.2021, teils gelockert. So dürfen sich in Kreisen mit einer Inzidenz von unter 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner künftig wieder bis zu fünf Menschen aus zwei Haushalten treffen, wie aus der am Wochenende veröffentlichten aktualisierten Corona-Verordnung des Landes hervorgeht. Kinder bis 14 Jahre zählen dabei nicht dazu. Paare, die nicht zusammenleben, gelten als ein Haushalt.
Auch der Einzelhandel in BW soll unter Hygieneauflagen von mehreren Lockerungen profitieren. So dürfen etwa Baumärkte, die bisher nur ihren Gartenabteilungen öffnen konnten, wieder ihr gesamtes Sortiment verkaufen, zudem machen Buchläden auf.

Corona BW: Das öffnet ab dem 8. März in Baden-Württemberg

Viele andere Einzelhändler, die bisher ihre Geschäfte nicht öffnen durften, können ihren Kunden bei regionalen Inzidenzen unter der 100er-Marke nun zumindest wieder Einkäufe nach Terminvereinbarungen (Click & Meet) anbieten. Folgende Einrichtungen dürfen darüber hinaus unter strengen Hygienevorschriften öffnen:
  • Museen,
  • Galerien,
  • Gedenkstätten,
  • zoologische und botanische Gärten,
  • Bibliotheken
  • Büchereien
  • Kosmetikstudios
  • Nagelstudios
  • Massagesalons
  • Tattoo- und Piercingstudios

Weitere Öffnungen: Was passiert bei einer Inzidenz von unter 50?

Weitere Öffnungen und Lockerungen sind möglich und an das Infektionsgeschehen des jeweiligen Stadt- oder Landkreises gebunden. Kreise, die schon jetzt seit fünf oder mehr Tagen unterhalb einer Inzidenz von 50 liegen, können sogar schon Anfang der Woche den gesamten Einzelhandel öffnen. Wenn das jeweilige Gesundheitsamt den Inzidenzfall ausrufe, seien Öffnungen ab Montag, 8. März, möglich, teilt das zuständige Landessozialministerium mit. „Fünf Tage unter 50 ist der Richtwert, ab dem Öffnungsschritte möglich sind, sagte ein Sprecher des Sozialministeriums auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE.
Für Regionen mit einer Inzidenz über 50 gibt es allerdings ein Schlupfloch. In der Verordnung heißt es: „Bei der Bewertung der Inzidenzwerte kann das Gesundheitsamt die Diffusität des Infektionsgeschehens angemessen berücksichtigen.“
Auf genau diesen Passus beruft sich nun der Landkreis Göppingen. Dort lag die Inzidenz am Sonntag zwar bei knapp 57, doch weil die drei Ausbruchsherde genau nachvollzogen werden können – ein Pflegeheim, eine Familie, ein Kindergarten – und jetzt gezielt gehandelt werden kann, liegt nach Ansicht der Entscheidungsträger kein diffuses Infektionsgeschehen vor.

Die Öffnungsschritte für Baden-Württemberg im Überblick

Diese Tabelle liefert eine Übersicht, ab welcher Inzidenz in baden-württembergischen Städten und Landkreisen Öffnungsschritte erfolgen können:
In Baden-Württemberg sind die Öffnungsschritte an Inzidenzen geknüpft. Ulm und der Alb-Donau-Kreis sind derzeit beispielsweise zwischen 50 und 100.
In Baden-Württemberg sind die Öffnungsschritte an Inzidenzen geknüpft. Ulm und der Alb-Donau-Kreis sind derzeit beispielsweise zwischen 50 und 100.
© Foto: Landratsamt
Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hatte die Lockerungen vor allem mit der fortschreitenden Impfkampagne und dem breiteren Angebot an Schnelltests im Land begründet. Zugleich kündigte er an, bei steigenden Fallzahlen wieder streng durchgreifen zu wollen. Steigt die Inzidenz regional an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen auf über 100, werden die meisten Lockerungen zurückgenommen.

7-Tage-Inzidenz steigt in BW auf knapp 60 an

Auch am Wochenende hat in Baden-Württemberg die Zahl der bestätigten Corona-Ansteckungen und die 7-Tage-Inzidenz zugenommen. Nach Angaben des Landesgesundheitsamtes stieg die Zahl der Fälle von Samstag auf Sonntag um 486 auf jetzt insgesamt 323.931, die der Toten im Zusammenhang mit Covid-19 um 8 auf 8270. Dem stehen schätzungsweise 301.472 Genesene gegenüber, was einer Zunahme um 840 entspricht.
Fürs ganze Land wuchs die Zahl der Neuinfektionen je 100.000 Einwohner binnen der vergangenen sieben Tage von 59,7 am Samstag auf jetzt 60,5. Am Wochenende fallen die Angaben meist niedriger aus, weil nicht alle Gesundheitsämter ihre Zahlen melden.
Die Zahl der Kommunen mit einer 7-Tage-Inzidenz von weniger als 35 ging derweil weiter auf jetzt nur noch drei zurück. Es sind:
  • der Schwarzwald-Baar-Kreis (31,1)
  • der Landkreis Tübingen (24,5)
  • und der Stadtkreis Heilbronn (32,4).
Allerdings weist nur noch der Landkreis Schwäbisch Hall mit 173,3 einen dreistelligen Wert auf. 27 Stadt- und Landkreise liegen über dem Grenzwert 50.

Corona-Mutationen: So viele Fälle gibt es in Baden-Württemberg

Seit Ende Dezember wurden dem Landesgesundheitsamt in Stuttgart 7248 Fälle mit Hinweisen auf „besorgniserregende Virusvarianten“ übermittelt. Dies betrifft mit 5849 Fällen vor allem den zuerst in Großbritannien entdeckten Typ B.1.1.7. Der Anteil an Nachweisen solcher Varianten lag in der vergangenen Woche bei mehr als 50 Prozent. Er steigt seit Wochen kontinuierlich. Zuletzt wurden 245 Covid-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt und davon 131 invasiv beatmet.
Von 2411 betreibbaren Intensivbetten sind den Angaben zufolge derzeit mit 2003 gut 83 Prozent belegt. Diese werden nicht nur für Corona-Patienten genutzt, der Anteil freier Betten dient jedoch als wichtiger Indikator für die Belastung des Gesundheitssystems und die freien Reserven. 665.057 Menschen in Baden-Württemberg sind laut Gesundheitsamt (Stand: 6.3., 23.55 Uhr) inzwischen ein erstes Mal gegen das Virus geimpft worden, 317.595 haben eine zweite Schutzimpfung erhalten.

Einzelhandel: Mit Lockerungen jetzt auf dem richtigen Weg

Der Einzelhandel in Baden-Württemberg reagiert mit Erleichterung auf die Lockerung der Corona-Beschränkungen. „Das ist auf jeden Fall ein Fortschritt“, sagte die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbandes BW, Sabine Hagmann. Zwar hätte sich der Handel Regelungen gewünscht, die unabhängig von der Inzidenz sind - aber so sei es nun eben. „Insgesamt glaube ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagte Hagmann.

Verfassungsrichter regen sich über Winfried Kretschmann auf

Wegen seiner Wortwahl in einem Interview hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) unterdessen die Kritik der Verwaltungsrichter des Landes auf sich gezogen. Nachdem Gerichte Maßnahmen der Landesregierung gegen die Corona-Pandemie kassierten, hatte Kretschmann in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ gesagt, die Ministerpräsidenten müssten sich „mit den Gerichten herumschlagen“.
Darüber empörten sich die Verwaltungsrichter. „Die Wortwahl des Ministerpräsidenten ist extrem irritierend“, teilte der Vorsitzende des Vereins der Verwaltungsrichter, Wolfgang Schenk, am Montag mit. „Wenn Verfassungs- und Verwaltungsgerichte sich auf Antrag von Bürgerinnen und Bürgern mit der Recht- und Verfassungsmäßigkeit von Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie befassen, erfüllen sie damit ihren verfassungsmäßigen Auftrag zur Gewährleistung von Rechtsschutz“, sagte Schenk. Die gerichtliche Kontrolle sei notwendiger Bestandteil des Rechtsstaats. „Sie darf von der Politik nicht als lästig empfunden werden.“

Corona Testpflicht Tübingen: Schnelltest vor dem Shoppen

Wer künftig aus einem Landkreis mit einer höheren Corona-Belastung nach Tübingen zum Einkaufen fährt, muss einen negativen Schnelltest vom selben Tag mit dabei haben. Von Dienstag an gilt eine Schnelltest-Pflicht für alle auswärtigen Gäste aus Kreisen mit einer Inzidenz von mehr als 50 gemeldeten Neuinfektionen binnen sieben Tagen und pro 100.000 Einwohner (Sieben-Tage-Inzidenz), wie die Stadt am Montag ankündigte. Dies werde beim Einkaufen ebenso vorgeschrieben wie beim Besuch öffentlicher Einrichtungen, darunter auch Museen.
Wer gegen die Vorschrift verstoße, mache sich strafbar, sagte eine Stadtsprecherin. Allerdings lasse sich die Pflicht auch nur sehr schwer kontrollieren. „Natürlich können wir den Menschen nicht ansehen, woher sie kommen. Wir verlassen uns da auf ihre Einsicht“, sagte sie.