Clemens Wilmenrod: Der „Erfinder“ des Toast Hawaii hat Geburtstag

Der "Erfinder" des Toast Hawaii wurde vor 120 Jahren geboren: Clemens Wilmenrod.
Magnago/ Shutterstock; picture-alliance/ dpaAm 24. Juli 2026 wäre Clemens Wilmenrod 120 Jahre alt geworden. Der gelernte Schauspieler, der als erster deutscher Fernsehkoch berühmt wurde, hinterließ der Nachkriegsküche ein Gericht, das bis heute zwischen Kult, Kindheitserinnerung und kulinarischem Kuriosum schwankt: den Toast Hawaii.
Eine Scheibe Toast, etwas Butter, Kochschinken, ein Ring Ananas aus der Dose und darüber Schmelzkäse. Nach dem Überbacken kam häufig noch eine Cocktailkirsche in die Mitte. Mehr brauchte es nicht für ein Gericht, das in den 1950er-Jahren wie ein kleines Versprechen von Wohlstand und weiter Welt wirkte. Der Toast Hawaii traf den Geschmack einer Gesellschaft, die nach Jahren des Mangels wieder entdecken wollte, was Genuss sein konnte.
Clemens Wilmenrod wurde am 24. Juli 1906 als Carl Clemens Hahn in Oberzeuzheim im Westerwald geboren. Seinen Künstlernamen leitete er von dem nahe gelegenen Ort Willmenrod ab. Eigentlich wollte er als Schauspieler Karriere machen. Seine größte Rolle fand er jedoch nicht auf der Theaterbühne, sondern in einer Fernsehküche. Am 20. Februar 1953 stand er erstmals für die Sendung „Bitte in zehn Minuten zu Tisch“ vor der Kamera. Das Fernsehen steckte in der Bundesrepublik noch in den Anfängen, doch Wilmenrod verstand früh, dass Kochen vor der Kamera nicht nur Anleitung, sondern auch Unterhaltung sein musste.
Er war kein ausgebildeter Koch. Gerade das machte einen Teil seines Erfolgs aus. Wilmenrod sprach nicht wie ein strenger Küchenmeister, sondern wie ein Gastgeber, der sein Publikum persönlich an den Tisch bat. Mit markantem Schnurrbart, blumigen Begrüßungen und großem schauspielerischem Talent verwandelte er einfache Speisen in Abenteuer. Eine dekonstruierte Frikadelle hieß bei ihm „Arabisches Reiterfleisch“, andere Gerichte trugen Namen wie „Päpstliches Huhn“ oder „Venezianischer Weihnachtsschmaus“. Von 1953 bis 1964 entstanden mehr als 180 Ausgaben seiner Kochsendung.
Sein berühmtestes Rezept stellte Wilmenrod 1955 vor: Toast Hawaii. Ob er das Gericht tatsächlich selbst erfunden hat, ist allerdings nicht eindeutig belegt. Ähnliche überbackene Brote waren bereits bekannt, und auch Wilmenrods früherer Weggefährte Hans Karl Adam wird als möglicher Urheber genannt. Sicher ist dagegen, dass Wilmenrod den Toast im deutschen Fernsehen populär machte. Er gab dem Gericht einen einprägsamen Namen und präsentierte es einem großen Publikum. Aus einer einfachen warmen Stulle wurde ein Symbol der jungen Konsumgesellschaft.
Die Zutaten erzählen viel über die Bundesrepublik der Wirtschaftswunderjahre. Toastbrot stand für moderne, amerikanisch geprägte Essgewohnheiten. Dosenananas brachte bequem lagerbare Exotik in den Küchenschrank. Schmelzkäse und Kochschinken versprachen eine unkomplizierte Zubereitung. „Hawaii“ war dabei weniger eine geografische Angabe als ein Sehnsuchtswort: Es klang nach Palmen, Sonne und Urlaub in einer Zeit, in der Fernreisen für die meisten Menschen unerreichbar blieben.

2008 wurde das Leben Wilmenrods unter dem Titel "Es liegt mir auf der Zunge" verfilmt, mit Jan-Josef Liefers (als Clemens Wilmenrod), Gustav Peter Wöhler (l, als Fernsehintendant) und Anna Loos (als Erika Wilmenrod).
picture-alliance/ Jens Ressing dpa/lnoDas passte zum gesellschaftlichen Wandel. Die westdeutsche Wirtschaft wuchs, die Einkommen stiegen und für breite Bevölkerungsschichten verbesserten sich die Lebensverhältnisse. Nach den Entbehrungen der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit wurde Konsum zu einem Zeichen des Aufbruchs. Neue Lebensmittel, Küchengeräte und internationale Rezeptnamen versprachen Teilhabe an einer moderneren Welt.
Gerade deshalb ist Toast Hawaii mehr als eine Geschmacksfrage. Das Gericht steht für den Übergang von der Mangelküche zur Konsumküche, für die wachsende Bedeutung von Konserven und Fertigprodukten und für eine neue Lust am vermeintlich Internationalen. Es zeigt außerdem, wie stark das junge Fernsehen Alltagsgewohnheiten prägen konnte. Was Wilmenrod vorführte, wurde nachgekocht. Von ihm empfohlene Zutaten konnten am folgenden Tag sogar in den Geschäften knapp werden.
Clemens Wilmenrod starb am 12. April 1967 in München. Sein Fernsehruhm verblasste, doch der Toast Hawaii blieb. Er tauchte auf Partybuffets auf, wurde belächelt, vergessen und später als Retrogericht wiederentdeckt. Zum 120. Geburtstag seines bekanntesten Botschafters darf man ihn deshalb ruhig noch einmal überbacken. Nicht unbedingt, weil er der Höhepunkt der Kochkunst wäre, sondern weil kaum ein anderes Gericht so kompakt erzählt, wovon die Bundesrepublik der 1950er-Jahre träumte.
