Christa Pike überlebt zwei Giftspritzen: Tennessee setzt Hinrichtungen aus

Christa Pike überlebt in Tennessee zwei Giftspritzen. Nach der gescheiterten Hinrichtung setzt der Bundesstaat weitere Exekutionen vorerst aus.
George Walker IV/AP/dpaDie Hinrichtung der verurteilten Mörderin Christa Pike im US-Bundesstaat Tennessee ist nach schweren Komplikationen abgebrochen worden. Nach Angaben ihrer Verteidiger überlebte die 50-Jährige die Verabreichung von zwei Giftspritzen. Gouverneur Bill Lee ordnete daraufhin eine unabhängige Untersuchung an und setzte die weiteren für dieses Jahr geplanten Hinrichtungen im Bundesstaat aus.
Pike lebt nach zwei Giftspritzen weiter
Pike sollte am Mittwochabend Ortszeit hingerichtet werden. In einem Gerichtsdokument heißt es nach Darstellung ihrer Verteidiger: „Um 20:26 Uhr berichteten Zeugen der Hinrichtung, dass die Vollstrecker beide Spritzen mit den tödlichen Chemikalien injiziert hätten und Pike noch am Leben sei und schnarche.“ Auch Richter Kyle Hixson erklärte, der Bundesstaat habe Pike zunächst nicht für tot erklärt. Die Justizvollzugsbehörde habe medizinische Notfallmaßnahmen sowie ihren Transport in ein Krankenhaus angeordnet. Über ihren genauen Gesundheitszustand lagen zunächst keine weiteren Angaben vor. Nach einem Bericht war Pike auch mehr als 40 Minuten nach der zweiten Dosis Pentobarbital noch am Leben.

Die wegen Mordes verurteilte Christa Pike : Dieses vom Strafvollzugsamt von Tennessee zur Verfügung gestellte Foto zeigt Christa Pike am 12. Januar 2023. (zu dpa: «Beispiellos: Entsetzen nach gescheiterter Hinrichtung»)
Uncredited/Tennessee Department of Correction/dpaDie Gefängnisbehörde erklärte, alle vorgeschriebenen und genehmigten Schritte seien eingehalten worden. Die für die Giftspritze verwendete Substanz sei bei früheren Hinrichtungen wirksam gewesen. Ein Experte für die Todesstrafe bezeichnete den Vorfall als beispiellos. Zwar habe es bereits Fälle gegeben, in denen Hinrichtungen etwa wegen Problemen beim Legen eines Venenzugangs nicht vollzogen werden konnten. Dass jemand die bereits verabreichten tödlichen Medikamente überlebt habe, sei jedoch außergewöhnlich.
Erste geplante Hinrichtung einer Frau seit 1819
Pike war die einzige Frau im Todestrakt von Tennessee. Nach Angaben des Cornell Center on the Death Penalty Worldwide wäre sie die erste Frau seit 1819 gewesen, die in dem Bundesstaat hingerichtet worden wäre. Die heute 50-Jährige war 1996 wegen des Mordes an der 19-jährigen Colleen Slemmer zum Tode verurteilt worden. Pike war zum Tatzeitpunkt 18 Jahre alt. Im Januar 1995 hatten Pike und zwei weitere Teenager Slemmer in ein abgelegenes Gebiet nahe der University of Tennessee in Knoxville gelockt. Dort wurde die junge Frau gefoltert und getötet. Pike bestritt den Mord später nicht.
Schädelstück später in Pikes Jacke gefunden
Slemmer wurde unter anderem mit einem Cuttermesser attackiert. Pike schlug zudem wiederholt mit einem Asphaltbrocken auf den Kopf des Opfers ein. Dabei brach ein Stück aus Slemmers Schädel, das später in einer Jacke von Pike gefunden wurde. Große Aufmerksamkeit erhielt der Fall auch deshalb, weil auf der Brust des Opfers ein Pentagramm eingeschnitten worden war, ein Symbol, das mit satanistischen Gruppen in Verbindung gebracht wird.
Juristisches Tauziehen unmittelbar vor der Hinrichtung
Der gescheiterten Hinrichtung war ein kurzfristiges juristisches Tauziehen vorausgegangen. Ein Bundesberufungsgericht hatte die Vollstreckung zunächst gestoppt. Es wollte prüfen lassen, ob Zweifel an der Rechtmäßigkeit des früheren Verfahrens ausreichend berücksichtigt worden waren. Im Zentrum stand Pikes Darstellung, sie habe in ihrer Kindheit sexuelle und körperliche Gewalt erlebt. Ihre Anwälte argumentierten, diese Erfahrungen seien bei der Verhängung der Todesstrafe nicht angemessen gewürdigt worden. Der Bundesstaat warf der Verteidigung dagegen eine Verzögerungstaktik in letzter Minute vor. Die Schwere und Grausamkeit der Tat wiege nach Auffassung Tennessees so schwer, dass auch die geltend gemachten Kindheitstraumata am Todesurteil nichts geändert hätten.
Supreme Court hebt Hinrichtungsstopp auf
Tennessee wandte sich mit einem Eilantrag an den Supreme Court. Das Oberste Gericht der USA gab diesem Antrag statt und hob den zuvor verhängten Hinrichtungsstopp wieder auf. Die drei liberalen Richterinnen Sonia Sotomayor, Elena Kagan und Ketanji Brown Jackson widersprachen der Mehrheitsentscheidung. Sotomayor kritisierte, Pike könne dadurch hingerichtet werden, bevor offene Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Verfahrens vollständig geprüft seien. Sie bezeichnete das Vorgehen als „außergewöhnlich“.
Tennessee setzt weitere Hinrichtungen aus
Nach dem fehlgeschlagenen Hinrichtungsversuch kündigte Gouverneur Bill Lee eine umfassende unabhängige Untersuchung an. Die Vollstreckung eines rechtskräftigen Todesurteils gehöre zu den schwerwiegendsten Aufgaben des Staates. Die Bürger Tennessees könnten erwarten, dass eine Hinrichtung nicht nur rechtmäßig und verfassungsgemäß, sondern auch wirksam durchgeführt werde. Lee setzte zugleich die weiteren für das laufende Jahr vorgesehenen Hinrichtungen in Tennessee aus. Zunächst sollen die Umstände geklärt werden, unter denen Christa Pike zwei Giftspritzen überleben konnte.
