Umwelt Angst vor Massen von Lachs

Massentierhaltung in Küstennähe: Lachse können dort nur mithilfe von Antibiotika aufwachsen.
Massentierhaltung in Küstennähe: Lachse können dort nur mithilfe von Antibiotika aufwachsen. © Foto: Ken James/Getty Images
Santiago de Chile / Tobias Käufer 30.08.2018

Aus einer Zuchtfarm in Puerto Montt in Chile sind hunderttausende Lachse entkommen. Schuld daran soll ein gewaltiges Unwetter gewesen sein. Dessen Wucht hätten die Käfige nicht standgehalten, so ist zumindest die offizielle Darstellung. Die Folgen für die Umwelt sind noch gar nicht absehbar.

Wie viele Lachse entkommen sind, kann nur vermutet werden. In ersten Meldungen war von fast einer Million die Rede, danach reduzierte der Betreiber der Zuchtfarm die Zahl und sprach von 690 000 Lachsen. In einer in dieser Woche verbreiteten Stellungnahme ist sogar nur noch von 650 000 die Rede.

So oder so gilt der Fall als der bislang größte bekannte Massenausbruch von Lachsen in Chile. Eigentümer der Zuchtfarm ist das Unternehmen Marine Harvest. Der Vorfall ist bereits Ende Juli passiert, doch er beschäftigt noch immer die Behörden und die Umweltschützer und hat eine breite Debatte über die Zustände im Süden Chiles ausgelöst.

Der Fall zeige die Auswirkungen, die Lachsausbrüche auf die Umwelt, die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Gesundheit haben, sagte Estefanía Gonzalez von Greenpeace Chile der chilenischen Tageszeitung „Publimetro“. Diese Massentierhaltung sei ein Beispiel gegen nachhaltiges Wirtschaften und Umweltschutz. Denn der Lachs ist ein Raubfisch. Die Auswirkungen der nun frei im Gewässer schwimmenden Fische auf die Umwelt seien nicht abschätzbar, heißt es aus Kreisen weiterer Umweltschützer.

Die Zweifel an der Darstellung des Unternehmens wachsen. Vorwürfe werden laut, Marine Harvest nehme Vorschriften zur Lachszucht nicht ernst. In den vergangenen Jahren hatten internationale Medien immer wieder über schwere Verstöße und unzureichende Kontrollen der industriellen Zucht berichtet.

Aber weder die linksgerichtete Ex-Präsidentin Michelle Bachelet, noch ihr konservativer Nachfolger Sebastian Pinera haben bislang großes Interesse gezeigt, etwas an den Rahmenbedingungen zu ändern oder das Gesetz zumindest durchzusetzen und seine Einhaltung zu prüfen. Dem Endverbraucher sind die Zustände rund um die Zuchtlachsanlagen ohnehin nicht bekannt.

Der Zuchtlachs ist in chilenischen Gewässern gar nicht heimisch. Um sie trotzdem aufziehen und für den Markt attraktiv machen zu können, werden sie mit einer hohen Dosis von Antibiotika vollgestopft, wie Umweltschützer berichten. Das Unternehmen beteuert dagegen, es halte sich an gesetzliche Vorschriften.

Die Massenflucht könnte für die einheimischen Fische zu einem Problem werden, wenn die Lachse ihrem natürlichen Instinkt folgend die Flüsse hinauf schwimmen und dort die einheimischen Fische entweder fressen oder mit bislang dort nicht vorhandenen Krankheiten infizieren. Damit wäre die Lebensgrundlage der lokalen Fischer in Gefahr.

Zwar haben die Behörden das Unternehmen aufgefordert, die geflüchteten Tiere einzufangen. Doch bislang ist die Erfolgsquote eher gering – wie in vergleichbaren Fällen in den vergangenen Jahren.

Marine Harvest hat den Schaden für das Unternehmen mit umgerechnet rund drei Millionen Euro für das zweite Geschäftsjahr beziffert. Im Vergleich zu den Milliardenumsätzen ist das eine kleine Einbuße. Deutlich größer dürfte der Image-Schaden für das Unternehmen sein, denn inzwischen berichten immer mehr internationale Medien über das Desaster im ansonsten eher medial kaum beleuchteten Süden Chiles.

Umweltschützer haben angekündigt, sie wollten die Auswirkungen des Massenausbruches von Puerto Montt genau dokumentieren. Gut möglich, dass dann durch Klagen noch weitere Gewinneinbrüche für Marine Harvest folgen.

Immer wieder im Visier von Umweltschützern

Marine Harvest ist ein großer Lebensmittelkonzern mit Sitz in Norwegen. Er gerät immer wieder ins Visier von Umweltschützern. Dem Unternehmen werden Verstöße gegen ökologische Vorschriften vorgeworfen. Dem chilenischen Umweltministerium zufolge sind seit 2010 zwei Millionen Lachse aus den Zuchtfarmen der Firma ausgebrochen, schreibt die Deutsche Welle.

Chile hat sich in den vergangenen Jahren neben Norwegen, Schottland und Kanada als Ort für Zuchtlachsanlagen etabliert. Allerdings ist der Lachs in dieser Gegend gar nicht heimisch. käu

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