Prostitution Arbeiten im Sexgewerbe: Anfassen? Okay. Emotionen? Verboten.

„Ich investiere keine Zeit und Energie in  Leute, die damit nicht klar kommen“:  Marleens enge Bekannte wissen von ihrem Job.
„Ich investiere keine Zeit und Energie in Leute, die damit nicht klar kommen“: Marleens enge Bekannte wissen von ihrem Job. © Foto: Andreas Arnold/dpa
Ulm / swp 14.07.2018
Marleen ist seit sieben Jahren im Sexgewerbe. Mit den Einkünften finanziert sie ihr Studium. Besser nicht darüber nachdenken, sagt ihr Freund.

Sie war gerade zwölf, da spürte Marleen bereits die Faszination der Rotlicht-Szene. „Hätte ich damals aber gesagt: Ich will Prostituierte werden, hätten die Leute gesagt, du musst in Therapie.“ Wegen solcher Zuordnungen wagten junge Frauen nicht, über ihren Beruf zu sprechen und fingen den Job „ohne Orientierungsberatung“ an. „Marleen“ ist heute 28 – so nennt sie sich seit sieben Jahren. Seit sie sich ihr Studium mit Sexarbeit verdient.

Heute ist sie für ein Wochenende in Ulm, bei ihrem Freund. Sie ist nicht geschminkt, gekleidet mit Jeans und T-Shirt, trägt lange Haare, hat einen Rucksack dabei. Später wird ihr Freund sie zum Bahnhof bringen. Wenn sie arbeitet, trägt sie ein kleines Schwarzes, Minirock mit transparenter Bluse oder mal ein Kleid aus Latex, Nylonstrümpfe, dazu dezentes Make-up.

Nachdem sie aus ihrer Heimat, einem bayerischen Dorf, zum Studieren nach Berlin gezogen war, informierte sie sich bei der Hurenorganisation Hydra über Sexarbeit. Sie sprach mit Prostituierten, las viel, verfolgte Diskussionen. „Ich könnte mir auch politische Jobs vorstellen, aber es würde eine bestimmte Komponente fehlen: berührt zu werden und jemanden zu berühren. Zu sehen, wie happy die Kunden sind. Es wäre schön, wenn diese Art, jemanden glücklich zu machen, Frauen selbstverständlicher offenstünde.“ Marleen spricht selbstbewusst-bestimmt, gleichzeitig überlegt und vorsichtig. Sie checkt sofort ab, ob ihr eine Frage zu privat wird, blockt.

Ein bisschen lässt sie dann doch in sich hinein gucken. Wie es war, als sie ihren Eltern von ihrem Job erzählte? „Schock.“ Die Mutter fragte: Hast Du einen Zuhälter? Bist Du an die falschen Leute geraten? Drogen? Den Kontakt haben die Eltern nie abgebrochen, auch wenn sie ihre Arbeit nicht akzeptieren. „Selbst Tolerieren wäre ein großes Wort. Sie nehmen es hin, weil sie es nicht ändern können.“ In ihrer Heimat sprach sich herum, womit sie Geld verdient. Ihre Miene verfinstert sich, sie wirkt jetzt verletzlich. Ihr Bruder wurde wegen ihr oft angepöbelt und die Mutter vom Vorgesetzten gefragt: „Na, wie laufen die Geschäfte in Berlin?“

Manchmal findet sie es seltsam, wenn sie einen Mann befriedigt, der ihr Vater sein könnte. „Aber ich versuche, mich dann auf das Schöne an ihm zu konzentrieren.“

 Als Kind hielt Marleen „ziemlich lange wenig von Männern. Ein Stück weit habe ich sie sogar verachtet.“ Den ersten Songtext, den sie auswendig konnte, war: „Männer sind Schweine“. Einen „Emma“-Feminismus habe sie drauf gehabt und die Alice-Schwarzer-Zeitschrift gelesen. Sexarbeit fand sie damit vereinbar: „Wenn die Männer das sowieso wollen, dann kriege ich wenigstens Kohle dafür.“ Das Männerbild vieler Kolleginnen habe sich verschlechtert – „meines hat sich deutlich verbessert. Ich habe gemerkt, das sind nicht diese bösen Typen. Wenn man die falsch anfasst, können die totale Mimosen sein.“

Zu Marleen kommen Handwerker, Unternehmer, Familienväter, Singles, Partner, Söhne, Geschäftsreisende, die nicht allein auf dem Hotelzimmer sein wollen. Männer, die mit 30 zum ersten Mal Sex haben. Ältere, die mal wieder einen jungen Körper spüren wollen. Oder „Männer, denen es mehr um die Persönlichkeit geht“.

400.000 Prostituierte, eine Million Freier

Bis zu 400.000 weibliche Prostituierte sollen in Deutschland tätig sein,  genaue Zahlen gibt es nicht. Ebenfalls nur eine Schätzung sind die täglich rund eine Million Freier, die ihre Dienste in Anspruch nehmen. Marleen hatte ihr „erstes Mal“ als Hure in einer bekannten Berliner Anbahnungsgaststätte. „Ich hatte erwartet, mich anders zu fühlen und die ganze Zeit meine Gefühle beobachtet. Aber ich fühlte mich nicht sonderlich anders, vielleicht erleichtert, dass ich es endlich ausprobiert hatte.“ Sie hatte gehofft, erstmal mitgenommen zu werden und zuschauen zu dürfen, wie ihre Kolleginnen das machten. Doch dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Dabei hätte sie gerne gelernt: Wie baue ich eine angenehme Atmosphäre auf? Wie gewinne ich Stammkunden? Wie arbeite ich im Bordell, in Bars, auf dem Straßenstrich, im Escort, als Masseurin oder Striptease-Tänzerin? „Ich hatte Lampenfieber wie vor einem Bühnenauftritt“, erinnert sich Marleen.

Problematisch findet sie, dass immer mehr Städte versuchen, den Straßenstrich in die Randlagen zu verdrängen. „Dabei macht die Anwesenheit von Mitbürgern bei der Anbahnung das Arbeiten auf der Straße sicherer“, sagt Marleen. In Randlagen gebe es weniger Zeugen.

 Momentan arbeitet Marleen im Escortservice. Einmal pro Woche für einige Stunden. Ihre Freunde wissen von ihrem Job, auch die Mitbewohner in ihrer WG. „Ich investiere keine Zeit und Energie in Leute, die damit nicht klar kommen“, sagt Marleen. Ihre Schulfreundinnen sind ihr treu geblieben, trotzdem.

„Klare Grenzen setzen“

Bei ihrer Arbeit legt die junge Frau Wert auf Telefonkontrolle: Zu Beginn des Treffens ruft sie eine Kollegin an und macht einen Zeitpunkt für einen Folgeanruf aus. Die Daten des Kunden und wo sie sich befindet, hat sie durchgegeben. Meldet sie sich nicht, kontaktiert ihre Kollegin sie, dann eventuell die Hotelrezeption und die Polizei.

Marleen musste sich noch nie körperlich wehren. Sie spricht vorher mit dem Kunden ab, was geht und was nicht. „Wenn jemand versucht, die Grenzen zu überschreiten, spreche ich scharf. Oder lenke elegant seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes.“ Einmal wurde sie von einem Freier beklaut.

 Prostitutionsgegner kritisieren, Sexarbeit zementiere die Geschlechterverhältnisse: Männer schaffen an, Frauen kuschen. Die Frau werde zur Ware abgestempelt, verkaufe ihren Körper. Marleen sagt: „Sexarbeiterinnen haben durchaus Handlungsmacht und können klare Grenzen setzen. Es sollte mehr darum gehen, dass ihre Bedürfnisse umgesetzt werden.“ Der Job sei eine legitime Art, den Lebensunterhalt zu bestreiten und finanziell unabhängig zu werden.

 Meistens macht Marleen ihre Arbeit gerne. „Wie lange ich anschaffen gehe, weiß ich nicht, auch, weil ich nicht weiß, wie sich mein Verhältnis zu meinem Körper ändert.“ Sollte sie sich eines Tages um eine Stelle bewerben – kommt ihre jetzige Arbeit dann in den Lebenslauf? „Wahrscheinlich würde ich dann keine Stelle finden.“

 Ihr Freund streicht ihr immer wieder über den Arm, hört zu, schluckt bisweilen. Seit einem Jahr kennen sich die beiden und leben eine Fernbeziehung. „Wir haben uns bei einer Kulturveranstaltung kennen gelernt“, stellt er klar. Im ersten Telefonat outete sie sich. „Ich wusste nicht: Wie gehe ich damit um?“ Er sog sämtliche Infos auf und sagt heute: „Es ist eine Arbeit, eine Dienstleistung, damit muss sie klar kommen. Solange sie das tut, versuche ich mir keinen Kopf darüber zu machen.“

Einfach sei das nicht. „Wenn ich weiß, sie ist von da bis dann in einem Hotelzimmer mit jemandem.“ Durchdrehen, Kopfkino? „Ich versuche es mir nicht so genau vorzustellen. Manchmal erzählt sie mehr als ich wissen will.“ Er schaut sie an. „Sie geht ja keine emotionale Bindung ein.“ Eher sorgt er sich darum, ein Kunde könnte übergriffig werden und ist froh, wenn sie danach anruft und sagt: alles gut. Und überhaupt: „In welchem Job bekommt man direkt solche Anerkennung?“ Marleen lächelt.

Geregelte Arbeit

Das Gesetz zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen ist am 1. Juli 2017 in Kraft getreten. Zu den wichtigsten Elementen zählen die Anmeldepflicht für Prostituierte und die Vorschrift, sich gesundheitlich beraten zu lassen. Auch für Bordelle gibt es eine Meldepflicht.

Ziel des Gesetzes ist es, Frauen besser vor Menschenhandel und Zwangsprostitution zu schützen. Juristen, Sozialarbeiter und Prostituierte kritisieren das Gesetzeswerk dennoch: Viele Frauen geben den Beruf „Sexarbeit“ ungern preis und lehnen deshalb die vorgeschriebene namentliche Registrierung ab. In diesem Fall werden sie in die Illegalität getrieben.

Marleen, die im Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen aktiv ist, findet das Gesetz ebenfalls kontraproduktiv: „Der Staat weiß, wo man arbeitet. Sobald der Staat aber die Daten hat, können Kinder oder Partner davon erfahren, etwa durch Post. Die Daten ausländischer Prostituierter können ins Heimatland gelangen, wo Sexarbeit womöglich verboten ist.“

Noch ein möglicher Nachteil des Gesetzes: Erfährt der Arbeitgeber aufgrund der Meldepflicht von dem Nebenjob, droht die Kündigung. Marleen kennt solche Fälle – etwa von Erzieherinnen, denen nach Bekanntwerden ihrer Zweittätigkeit im Sexgewerbe kein guter Umgang mit Kindern mehr zugetraut wurde.

Das Bundeskriminalamt lobt indes das Prostitutiertenschutzgesetz: „Die Regulierung der Prostitution soll dazu beitragen, dass sich die Ausbeutungsmöglichkeiten im Rotlichtmilieu verringern.“ Ob die Regelungen Wirkung zeigen, ist noch nicht erwiesen. 2016 waren dem BKA 488 „Opfer von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung“ bekannt. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor.   isa

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