Berlin / Maria Neuendorff  Uhr
Vor 70 Jahren war Berlin im Kalten Krieg blockiert. Die Bevölkerung hungerte – und es wäre wohl noch schlimmer gekommen, hätte es die Luftbrücke nicht mit ihren „Rosinenbombern“ gegeben.

Es gibt Dinge, die vergisst man auch nach 70 Jahren nicht. Bei Rainer Junak ist es der ohrenbetäubende Lärm von Militär­flugzeugen. Der Sechsjährige lebt 1949 in einem dreistöckigen Mietshaus in der Einflugschneise des Flughafens Berlin-Tempelhof. Der Vater hat das Loch, das eine Fliegerbombe während des Krieges im Dach hinterlassen hat, notdürftig mit Zeltplanen geflickt. Nun donnern wieder Bomber am
Himmel. Alle 90 Sekunden brummt dumpf-dunkel eine viermotorige Maschine über den Kopf des Jungen  hinweg. Angst verspürt er nicht. Er freut sich. „Ich wusste, eine der Maschinen hat das Paket unserer Großtante Hanni aus Florida im Bauch“.

Es ist die Zeit der Berliner Blockade und die Zeit einer beispiellosen humanitären Hilfsaktion. Die Luftbrücke hat nicht nur die Sicht der Deutschen auf ihre westlichen Besatzer geändert. Dass Hilfsgüter über den Luftweg in das von jeglicher Versorgung abgeschnittene West-Berlin geflogen wurden, wirkt bis in die Gegenwart hinein. Die private Organisation Care, die in den Nachkriegsjahren insgesamt fünf Millionen gespendete Pakete mit Nahrung und Medikamenten nach Deutschland brachte, betreibt heute in 90 Ländern Nothilfe.

Care spendet fünf Millionen Pakete mit Nahrung und Medikamenten

Sie gründet sich schon 1945, als Deutschland in Schutt und Asche liegt. Anfangs sind es größtenteils Emigranten, die die Pakete für ihre Verwandten schnüren. Doch die Geschichten von verhungerten und erfrorenen Kindern im Horrorwinter 1946/47 und den deutschen Familien, die Brennnesseln kochen und Madensuppen essen, um irgendwie zu überleben, erweichen auch andere Amerikaner.

Es folgt ein unglaublicher Akt der Solidarität mit dem ehemaligen Feind. Unter der Devise „Jetzt erst recht!“ richtet General Lucius D. Clay, Militärgouverneur der US-Besatzungszone, im Juni 1948 die Luftbrücke ein, nachdem die Sowjets Land- und Wasserwege nach West-Berlin dicht gemacht haben. Der bewegende Appell, den der damalige West-Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter an die Weltgemeinschaft richtet: ­­ „Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft!“, wird erhört. 322 Tage  versorgen Amerikaner und Briten die Bevölkerung mit Kohle, Mehl, Ei- und Milchpulver aus der Luft.

Dass es je nach Windlage für Rainer Junak keine Nachtruhe mehr gibt, stört dabei nicht. „Wir wollten versorgt werden. Wir hatten ja ständig Kohldampf“, erinnert sich der heute 76-Jährige.  Den Zucker und die Rosinen aus den Care-Paketen verarbeitet seine Mutter mit alten Kanten zu Brotsuppe. Die Kinder spielen in den autofreien Straßen Treibball. Wenn doch mal ein Auto angebraust kommt, ist es ein Jeep. „Wenn die Amis Kinder sahen, haben sie sie glücklich gemacht“, erinnert sich Junak an die Chewing Gums, die die GIs verteilten.

Der „Candy-Bomber“ fliegt über Tempelhof

Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die sogar in den Osten reicht. Erika Marquardt lebt mit ihrer Mutter und zwei Brüdern in Berlin-Pankow im russischen Sektor, als sie über den US-Radiosender Rias hören, dass ein junger Pilot für die Kinder Süßigkeiten abwirft. Der Candy-Bomber wackelt vor dem Anflug in Tempelhof mit den Flügeln, bevor er die kleinen an Fallschirmen befestigten Kostbarkeiten aus dem Bauch seiner Maschine fallen lässt, heißt es.  „Wir sind in die S-Bahn und einfach runter nach Tempelhof.“

Einmal findet die damals Achtjährige tatsächlich ein Stück Schokolade in den Trümmern. „So etwas kannten wir ja gar nicht. Eine Stulle wäre mir lieber gewesen.“ Ihr Vater ist nicht aus dem Krieg zurückgekehrt.  Die Mutter arbeitet als Trümmerfrau am Hotel Adlon, um
einmal am Tag an eine Kelle Graupensuppe zu kommen, die sie an die unterernährte Tochter weiterreicht. Die Familie fährt zum Hamstern aufs Land. Erikas Bruder tauscht seine Spielzeug-Lokomotive und die Mutter ihre einzige Strick­jacke gegen drei Kartoffeln ein. „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals satt waren.“

Die Bevölkerung Berlins hungerte

Als ein älteres Ehepaar aus der Nachbarschaft, das Kontakte zur Westberliner SPD pflegt, der Pankower Familie illegal einen Bezugsschein für eines der Care-Pakete besorgt, ist das ein Geschenk des Himmels. „Ich lief mit meinem Bruder und dem Kinderwagen rüber nach Wedding, und wir stellten uns in die Traube vor die Ausgabestelle im Rathaus.“ Das Paket verstecken die Kinder sorgsam unter Matratze und Puppen im Kinderwagen.  So können sie unbehelligt die Kontrollsoldaten passieren. „Die waren ja selbst ganz scharf drauf, Leuten die Pakete abzunehmen.“

Zu Hause warten die Kinder mit dem Öffnen, bis die Mutter von der Arbeit kommt. „Eipulver, Schmalz, getrocknete Mohrrüben, Maismehl. „Das war wie ein Lotto-Gewinn“, sagt Erika Marquardt. Nachdem am 12. Mai 1949 die Blockade offiziell beendet ist, dürfen sich die Bewohner des Ost-Sektors auch offiziell überschüssige Care-Pakete abholen. Einige enthalten Kleidung und Lebertran. „Wir Kindern waren ja alle krank und unterernährt. Das hat vielen das Leben gerettet. Dass man uns damals so half, hat mich sozial stark geprägt“, sagt die Berlinerin heute. Gleich nach dem Mauerfall spendete Erika Marquardt für die Care-Hilfe in Bulgarien. Bis heute überweist die 78-Jährige jeden Monat Geld an die Hilfsorganisation.

Denn 70 Jahre nach dem glücklichen Ende in Berlin  liegen in Mosambik Städte und Dörfer in Trümmern. Straßen und Wege sind überschwemmt. Leichen treiben in den Flüssen. Menschen harren tagelang auf Bäumen ohne Nahrung aus. „Das Wasser stand zum Teil acht Meter hoch“, erzählt  Ninja Taprogge von Care Deutschland, die im März nach dem Zyklon „Idai“ in Südostafrika Hilfe leistet.  Um in die entlegenen Gegenden zu kommen, bleibt auch hier nur der Luftweg. Diesmal werden Helikopter gechartert. Die Pakete, die mit Hilfe von Einheimischen in den Gemeinden an die Allerbedürftigsten verteilt werden, enthalten Reis, Bohnen und Öl.

 

Per Luftbrücke kommen die Care-Pakete

Dreieinhalb Wochen nach dem Wirbelsturm steht Ninja Taprogge mit einer Bäuerin auf dem verwüsteten Feld. „Vor der Ernte wurden 700.000 Hektar Acker vernichtet, in einem Land, das sowieso zu den ärmsten der Erde gehört“, sagt die 33-Jährige. Die Frau erzählt ihr, dass ihre Tochter seit Wochen unter starken Bauchschmerzen leidet, sie sich aber keinen Arzt leisten kann. „Als einzige Nahrung hatten die Menschen nur verdorbenen Mais, der verseucht war, weil auch die Latrinen übergelaufen sind.“

Als die Straßen wieder freigeräumt sind, fahren Ninja Taprogge und die anderen Helfer bis zu vier Stunden über Land, um die Betroffenen zu erreichen. „Eine Frau stand mit ihrem Baby in der brütenden Hitze in der Schlange vor der Ausgabestelle und setzte sich immer wieder erschöpft hin. Als ich sie fragte, wie es ihr geht, erzählte sie mir ihre Geschichte.“ Wie sie mit den drei Kindern allein ist, als der Sturm das Dach ihres Hauses in der Nacht wegfegt. Wie ihr im Chaos das Baby entgleitet und sie minutenlang verzweifelt in den Fluten sucht. Sie findet das Kind. Es überlebt. Doch das Trauma sitzt so tief, dass die Mutter seither Atemnot hat.

„Die Geschichte hat mir klar gemacht, dass es mit der Akuthilfe nicht getan ist. Die Menschen brauchen langfristig  Unterstützung“,  sagt Ninja Taprogge, die schon in Ecuador, Iran, Somalia, Kenia und Uganda Nothilfe geleistet hat. Sei es mit klimaresistenteren Samen, um sich auf neue Dürreperioden vorzubereiten, oder psychologischer Hilfe für in Kriegsgebieten missbrauchte Frauen. „Heute sind es wir Deutschen, die helfen können.“

Manche der alten Care-Paket-Empfänger aus der Luftbrückenzeit, die das heute tun, legen persönliche Nachrichten in die Päckchen. Einige dieser Briefe der Hoffnung kann man in der Jubiläumsbroschüre von Care nachlesen. Joe Wernicke, der einst selbst Hunger und Flucht erlebte, schreibt einem syrischen Jungen in Jordanien, der nicht nur die Heimat, sondern auch den Cousin an den Tod verlor: „Es wird einen Tag geben, Shadi, an dem Dein Leben wieder normal sein wird. Wenn es soweit ist, denke daran, dann anderen in Not zu helfen. Und gib niemals auf, hörst Du!“