ADHS-Diagnosen um 199 % gestiegen: Warum haben jetzt so viele Menschen ADHS?

Frau fässt sich verschlafen an den Kopf. ADHS kann das Leben von Betroffenen extrem beeinträchtigen. Viele wissen Jahrzehnte lang nichts von der Störung und erhalten eine Diagnose erst im Erwachsenenalter.
Christin Klose/dpaDie Zahl der Erwachsenen, die erstmals eine ADHS-Diagnose erhalten, hat sich in Deutschland innerhalb von zehn Jahren verdreifacht. Von 2015 bis 2024 stieg die Rate um 199 Prozent – von 8,6 auf 25,7 Erstdiagnosen pro 10.000 gesetzlich Versicherte. Das zeigt eine Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung im Deutschen Ärzteblatt International.
ADHS-Diagnosen: Frauen holen massiv auf
Besonders auffällig: Der Anstieg beschleunigt sich seit 2021 dramatisch. In diesem Jahr lag die Rate bei 12,7 pro 10.000, drei Jahre später schon bei 25,7. Und während Männer lange Zeit deutlich häufiger diagnostiziert wurden, gleichen sich die Zahlen zwischen den Geschlechtern inzwischen fast an.
Der Grund liegt in der Vergangenheit: Mädchen mit ADHS fallen im Kindesalter seltener auf als Jungen. Swantje Matthies vom Universitätsklinikum Freiburg erklärt: Weibliche Betroffene zeigen oft andere Symptome – weniger Hyperaktivität, mehr Konzentrationsprobleme. Sie werden deshalb seltener diagnostiziert und kämpfen jahrelang ohne Erklärung für ihre Schwierigkeiten.
Die Analyse stützt diese These. Unter 40-Jährige haben die höchste Rate an Neudiagnosen. Bei vielen Betroffenen begann die Symptomatik schon in der Kindheit, die Diagnose kommt aber erst Jahrzehnte später. Die Studienautoren sprechen von verspäteten Erstdiagnosen.
Drei Faktoren treiben den Anstieg der ADHS-Diagnosen an
Erstens: Die Sensibilisierung für ADHS ist gewachsen. Die Störung wird in Medien und sozialen Netzwerken breit diskutiert, was Betroffene ermutigt, sich untersuchen zu lassen.
Zweitens: 2019 wurde ein neuer Diagnosecode eingeführt. Fälle, die früher möglicherweise unter anderen Kategorien erfasst wurden, tauchen nun in der Statistik auf.
Drittens: Die Corona-Pandemie hat psychische Belastungen verstärkt. Manche Symptome verschärften sich dadurch, andere wurden erst sichtbar.
Soziale Medien und ADHS: Fluch und Segen zugleich
Alexandra Philipsen vom Universitätsklinikum Bonn sieht die Aufmerksamkeit in sozialen Medien zweischneidig. Einerseits steigt das Bewusstsein für ADHS. Andererseits könnte die Schwelle für Selbstdiagnosen sinken, wenn Menschen sich mit Symptombeschreibungen identifizieren, ohne die diagnostischen Kriterien zu erfüllen. Matthies warnt vor einer Verwässerung des Konzepts. Eine korrekte Diagnose erfordere eine ausführliche Anamnese durch Fachleute, keine Selbsteinschätzung anhand von Social-Media-Posts.
Symptome: So äußert sich ADHS
Starke Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, ausgeprägte Impulsivität und körperliche Unruhe gelten als typische Symptome. Sie müssen mindestens sechs Monate in verschiedenen Lebensbereichen auftreten und die Betroffenen beeinträchtigen.
Nicht jeder Mensch mit ADHS-Diagnose braucht eine Therapie. Wenn eine Behandlung nötig ist, gilt im Erwachsenenalter eine medikamentöse Therapie als erste Wahl, so Andreas Reif vom Universitätsklinikum Frankfurt. Reif vermutet, dass sich die Diagnoseraten irgendwann stabilisieren werden – dann, wenn die tatsächliche Prävalenz und die diagnostizierte Prävalenz sich angleichen. In den USA sei dieser Prozess bereits zu beobachten. Für Deutschland erwarte er eine ähnliche Entwicklung. Experten gehen davon aus, dass etwa 2,5 Prozent der Erwachsenen in Deutschland ADHS haben. Die Daten zur Erstdiagnose für 2024 sind vorläufig, da noch nicht alle Fälle validiert wurden.
