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United Tribuns
Stuttgart / Moritz Clauß Die Sozialarbeiterin Sabine Constabel erzählt, was am Paradise-Fall besonders ist, warum sie die Geständnisse der Angeklagten verlogen findet und wie der Staat mit Sexkauf umgehen soll.

Menschenhandel, Zuhälterei, Betrug: Die Vorwürfe im Paradise-Prozess sind schwer, am Mittwoch soll das Urteil verkündet werden. Der Stuttgarter Verein „Sisters“ unterstützt Prostituierte und Aussteigerinnen. Ein Interview mit der Vorsitzenden, der Sozialarbeiterin Sabine Constabel.

Sie waren an vielen Verhandlungstagen im Gericht. Warum ist der Paradise-Prozess so wichtig?

Sabine Constabel: Das Besondere an diesem Prozess ist, dass die Angeklagten im Hintergrund agiert haben. Das waren nicht die, die Frauen angeworben oder geschlagen haben. Sondern es waren die Betreiber. Männer mit einem großen wirtschaftlichen Interesse an dem Bordell. Die haben dann festgestellt, dass es nicht so viele Frauen gab, die bei ihnen arbeiten möchten. Also haben sie auf ihre Kontakte zu Zuhältern und Menschenhändlern zurückgegriffen.

„Ich habe ihm seine Reue nicht abgenommen“

Die Angeklagten haben die Zusammenarbeit mit den Rockergruppen Hells Angels und United Tribuns gestanden. Wie bewerten Sie das Geständnis des Hauptangeklagten Jürgen Rudloff?

Rudloff hat gesagt: Er weiß, dass er die Drecksarbeit andere hat machen lassen. Das ist eine starke Aussage, aber ich habe ihm seine Reue nicht abgenommen. Die Geständnisse kamen auch erst sehr spät, nach über 50 Verhandlungstagen. Die haben gestanden, als sie gesehen haben, dass sie ihren Kopf nicht mehr aus der Schlinge ziehen können.

Rudloff hat auch gesagt, dass er den Frauen nicht schaden wollte.

Die Angeklagten wussten nicht im Detail, was die Menschenhändler mit den Frauen machen. Aber sie wussten, dass die mit großer Gewalt dafür sorgen, dass die Frauen für das Bordell funktionieren. Dann im Geständnis zu sagen, ich wollte keiner Frau was Böses, das ist verlogen.

Staatsanwälte und Verteidiger haben im Paradise-Prozess Plädoyers gehalten – Urteil folgt am Mittwoch.

Die Staatsanwaltschaft hat für Rudloff über fünf Jahre Haft gefordert.

Das finde ich in Ordnung.

Wird eine Verurteilung über diesen Fall hinaus etwas bewegen?

Ja, dieser Prozess wird wegweisend sein. Die Angeklagten haben im Verfahren erklärt, wie eng das kriminelle Milieu mit der Prostitution verwoben ist. Die Betreiber wissen, dass viele Frauen in ihre Bordelle geprügelt werden. Und jetzt wissen sie auch, dass sie zur Verantwortung gezogen werden können, wenn sie wegschauen und damit den Zuhältern ermöglichen, ihre Frauen in den Prostitutionsmarkt zu bringen.

Die Frauen im Paradise wurden bedroht, geschlagen und zur Prostitution gezwungen. Sind diese Zustände typisch für die Lage von Prostituierten in Deutschland?

Das ist absolut typisch! Ich bin überzeugt, dass das in ganz, ganz vielen Bordellen so läuft. Es gibt nicht genug Freiwillige, die im Akkord für diese Prostitutionsstätten arbeiten wollen. Deshalb liegt der Ausländeranteil unter den Frauen auch bei 90 Prozent.

„Wir brauchen Regelungen, die sich um die Mehrheit sorgen“

Kritiker sagen, man müsse unterscheiden zwischen Prostitution und freiwilliger Sexarbeit.

Der Prozess hat gezeigt, dass das nicht möglich ist. Das haben die Beschuldigten selbst gesagt: Prostitution und Kriminalität sind so eng miteinander verwoben, dass man sich quasi zwangsläufig strafbar macht, wenn man einen Betrieb wirtschaftlich führen will. Die Lobbyisten der Prostitutionsindustrie erzählen, dass es auch freiwillige Sexarbeit gibt. Sicher gibt es Frauen, die da selbständig arbeiten und nicht ausgebeutet werden. Aber das sind wenige.

Was sollte der Staat gegen die Missstände unternehmen?

Die Frage ist: Sollte man es laufen lassen, weil ein kleiner Teil der Frauen das freiwillig macht? Wir brauchen Regelungen, die sich um die Mehrheit dieser Frauen sorgen.

Also sollte Prostitution verboten werden?

Nein, wir fordern ein Sexkauf-Verbot! Wir wollen, dass die Frauen straffrei sind, aber die Nachfrage nach gekauftem Sex muss kriminalisiert werden. Dass eine Frau weint oder verletzt ist, hält die Freier nicht ab. Ein Verbot schon. Wenn so die Nachfrage reduziert wird, schützt das viele Frauen.

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Darum geht es in der Verhandlung

Eine Razzia in der Rockerszene Ende 2014 brachte den Anstoß: Die Polizei durchsuchte in Deutschland, Österreich, Bosnien und Rumänien Großbordelle, Wohnungen und Geschäftsräume. Die Ermittler stießen auf Menschenhändler und Zuhälter, die Frauen zur Prostitution zwangen, ihnen ihr Geld abnahmen und sie schlugen.

Auch im Paradise in Stuttgart. Dessen Chef Jürgen Rudloff hatte sein Bordell als Vorzeigeprojekt beworben: Es gebe dort sogar zwei Frauenbeauftragte. Tatsächlich ließ Rudloff Mitglieder der Rockergruppen United Tribuns und Hells Angels die Kontrolle übernehmen.

Bei Investoren warb er außerdem Geld ein, ließ dafür die Gewinnaussichten seiner Betriebe schönrechnen.

Angeklagt sind neben dem früheren Chef des Bordells auch sein Marketing- und Pressechef und sein Steuerberater. Der ehemalige Geschäftsführer des Bordells wurde Ende 2018 zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.
moc/dpa