Raumfahrt 6000 Fans feiern „Astro-Alex“

In Künzelsau gab es ein Stadtfest mit Live-Übertragung auf einer Großleinwand, auf der Astro-Alex zu sehen ist.
In Künzelsau gab es ein Stadtfest mit Live-Übertragung auf einer Großleinwand, auf der Astro-Alex zu sehen ist. © Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Künzelsau / Von Hans Georg Frank 07.06.2018

Mit einem Straßenfest haben in Künzelsau rund 6000 Bewunderer von Alexander Gerst (42) den Start des Astronauten zur Weltraumstation ISS gefeiert. Als die Rakete pünktlich um 13.12 Uhr im 4523 Kilometer entfernten Baikonur (Kasachstan) mit 29 Millionen PS abhob, brach in der Heimat von „Astro-Alex“ tosender Jubel aus. „Er ist total nah an den Menschen, halt ein sympathischer Hohenloher“, erklärte Landrat Matthias Neth die Begeisterung für das „tolle Aushängeschild“ der Region im Nordosten von Baden-Württemberg. Besonders freuten sich die Fans über den Gruß des gut gelaunten Raumfahrers kurz vor dem Start.

Vielleicht ist Ronald Schneider (71) mindestens ein bisschen Schuld an der Karriere des Senkrechtsstarters. Schneider unterrichtete Gerst in Mathematik am Technischen Gymnasium Öhringen, wo der in Künzelsau geborene Schüler 1995 sein Abitur ablegte.

Ganz egal, was der Pädagoge in seinem Leistungskurs damals auch erklärte, Gerst „hat immer nachgebohrt“. Während sich der Rest der Klasse mit der Präsentation des Lehrstoffs zufrieden gegeben habe, wollte der Musterschüler alles ganz genau wissen. „Er hatte seine eigenen Theorien“, erinnert sich der Lehrer, der mittlerweile im Ruhestand ist. Und: „Er war manchmal schwierig, aber hochintelligent.“

Als Gerst wieder einmal keine Ruhe geben wollte, kam auch Schneider an die Grenze seiner pädagogischen Geduld. „Mensch, Alexander, ich könnte Sie auf den Mond schießen“, entfuhr es dem Lehrer. Dass er damit den Anstoß für die Berufswahl gegeben haben könnte, mag der bescheidene Pensionär nicht wirklich glauben. Er weiß noch gut, dass damals, in der zwölften Klasse, von Raumfahrt noch nicht die Rede gewesen ist.

Ronald Schneider hat noch deutlich vor Augen, wie dem strebsamen Alexander ein lausbübisches Experiment misslungen ist. Der Elftklässler habe aus dem ersten Obergeschoss eine Wasserbombe – also einen mit Wasser gefüllten Luftballon – auf Mitschüler werfen wollen.

Doch tatsächlich habe er den stellvertretenden Schulleiter, einen Techniklehrer, getroffen. Der Kollege sei etwas in Eile gewesen, deshalb habe er Gerst aufgefordert: „Schreib den Eintrag selber ins Tagebuch.“ Und siehe, der brave Alexander vermerkte eigenhändig sein „ungebührliches Benehmen“, geschmückt mit dem ziemlich ähnlich geratenen Kürzel des Lehrers. Bei einem Treffen viele Jahre später habe Gerst um eine Kopie des Eintrags gebeten – und natürlich bekommen.

Die enge Verbindung mit der Schule dauert an. Bei seinem ersten Ausflug ins Weltall vor vier Jahren hatte „Astro-Alex“ einen edlen Federhalter im Gepäck für die ISS. „Mit diesem Füller werden heute die Abiturzeugnisse unterschrieben“, erzählt Schneider stolz.

Ventilator aus der Heimat

Jetzt war für den Astronauten ein ganz anderes Stück aus der Hohenloher Heimat überlebenswichtig. Es handelt sich um einen kleinen Koffer von den Belüftungsexperten der Firma Ebm-Papst in Mulfingen, der auf dem Weg zur Sojus-Raumkapsel notwendig war. Der mobile Ventilator verhindert eine Überhitzung in den abgedichteten Anzügen von Gerst und seinen beiden Begleitern.

Hohenloher Firmen wünschen „ihrem“ Alexander nicht nur Erfolg, sie wollen mit seiner Popularität auch noch bessere Geschäfte machen. Der Würth-Konzern empfiehlt in Anzeigen sein Montagematerial schon mal für die ersten Siedlungen, „wenn die Weiten des Weltraums irgendwann bebaut werden“. Mitbewerber Berner würde einen Außendienstler schicken, falls in der ISS „kurzfristig noch Werkzeug oder Spezialchemie“ benötigt würde.

Schüler stimmen Countdown an

Auch in Berlin verfolgten Hunderte den Start der Sojus beim Public Viewing. Besonders beeindruckend war das Spektakel im Zeiss-Groß­planetarium in Prenzlauer Berg, wo die Weltraum-Fans in weichen Sesseln, halb liegend unter dem gewölbten Kuppelrund, die Internationale Raumstation (ISS) um die Erde kreisen sahen. Der leichte Schwindel wich Gänsehaut, als gegen 13 Uhr live zum Weltraumbahnhof Baikonur geschaltet wurde. Schüler stimmten zum Countdown an, bevor die Sojus ins All abhob.

„Ein schöner Start“, sagte Samantha Cristoforetti. Die italienische ESA-Astronautin war selbst schon ein halbes Jahr im Orbit. Nun berichtet sie den Zuschauern im Saal über das Glücksgefühl, das einen Raumfahrer nach jahrelangem Training beim Start durchströmt.

„Zum Glück ist alles gut gegangen“, sagte der Lehrer Dominik Freyberg, der mit zwei Schulklassen da war. Ein paar seiner Schützlinge durften Cristoforetti auf der Bühne Fragen über das Leben auf der ISS stellen.  mn

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel