Auf den ersten Blick wirkt die Urspringschule bei Schelklingen fast wie ein Ort, an dem man Urlaub statt Unterricht macht. Ein großes Areal mit historischen und modernen Gebäuden, Gewächshäusern, Sportplätzen, einem Partyraum, Kleintiergehegen und Pferdekoppeln. Auch wenn die private Internatsschule an der Urspringquelle einiges zu bieten hat, steht die Ausbildung natürlich im Vordergrund. Angeboten wird sowohl Grundschulunterricht für die Klassen 3 und 4, als auch Gymnasialunterricht von Klasse 5 bis 12 sowie ein Aufbaugymnasium ab Klasse 11. Eine Besonderheit ist die Verbindung von Abitur und Ausbildung. Ab der achten Klasse ist es möglich, parallel zur schulischen Ausbildung eine anerkannte Lehre mit abschließender Gesellenprüfung in den Handwerksberufen Schreiner, Maßschneider und Feinwerkmechaniker zu absolvieren. Genau dafür haben sich auch Helin Essig (17), Jan Urbez (18) und Fabian Ruoff (19) entschieden.

Morgens Schule, abends Lehre

Für Helin stand schon früh fest, sich ab der achten Klasse auch zur Feinwerkmechanikerin ausbilden zu lassen. „Das bringt viele Vorteile mit sich. Etwa ein halbes Jahr nach meinen Abi lege ich die Gesellenprüfung ab. Ich habe vor, danach zu studieren und denke, dass ich dadurch auch höhere Chancen habe, an einer Uni angenommen zu werden“, meint die 17-Jährige. Für Fabian, der das Abitur bereits in der Tasche hat und kurz vor der Gesellenprüfung steht, stand vor allem die Abwechslung zwischen Theorie und Praxis im Vordergrund. „Ich war auf der Suche nach etwas, das ich neben der Schule machen kann. Da ich schon immer handwerklich interessiert war, hat sich die Schreinerlehre einfach angeboten“ sagt er. Jan wiederum gibt einen ganz anderen Grund an, warum er neben dem Abitur eine Ausbildung zum Schneider macht: „In der fünften und sechsten Klasse gibt es das Unterrichtsfach ‚Werkstätten‘. Da habe ich gemerkt, dass Schneidern mir sehr viel Spaß macht und mich dann dafür entschieden, die Lehre zu machen.“Der Tagesablauf der Drei ist ähnlich. Der Schulunterricht beginnt morgens um kurz vor acht und endet um 15.20 Uhr. Während für die anderen Schüler der Tag damit vorbei ist, geht er für Helin, Florian und Jan weiter. „Wir sind dann bis abends noch zwei, drei Stunden in der Werkstatt oder haben Theorieunterricht“, sagt Helin und Florian ergänzt: „In Hohlstunden sind wir auch oft in den Werkstätten und arbeiten selbstständig an unseren Sachen.“ Um auf die von der Handwerkskammer geforderten Ausbildungsstunden zu kommen, findet alle zwei Wochen am Samstag eine Ausbildungseinheit statt und sechs Mal im Jahr sind die Azubis für ein Lehrlingswochenende in Urspring. Hinzu kommen Praktika in Unternehmen: „Das ist total wichtig“, meint Fabian. „Du lernst hier zwar alles Relevante, aber wie es ‚draußen‘ abläuft, siehst du halt erst, wenn du in einem Betrieb warst.“Auch wenn Schul- und Ausbildungsalltag von Helin, Florian und Jan ähnlich sind, gibt es doch einen Unterschied. Während Helin und Florian zu Hause wohnen, lebt Jan als Internatsschüler in Urspring. Das bietet einen entscheidenden Vorteil. „Wenn ich Feierabend habe, bin ich im Prinzip schon daheim“, meint Jan und fügt grinsend hinzu: „In den Freistunden ist das auch ganz praktisch. Da kann ich mich noch mal für ein halbes Stündchen ins Bett legen.“ Die beiden anderen lachen. „Stimmt, es hat schon Vorteile, wenn man hier wohnt“, gibt Helin zu. Fabian überlegt: „Aber ich glaube, dafür sind die Tagesschüler ein wenig freier, vor allem was die Wochenendplanung angeht. Als Internatsschüler musst du dich zum Beispiel abmelden, wenn du das Gelände verlassen willst.“

Empfehlung mit Einschränkungen

Auch wenn die Drei mit der Doppelbelastung durch Abitur und Lehre insgesamt gut klarkommen, würden sie das Ganze nicht uneingeschränkt weiterempfehlen. „Ich glaube, man muss der Typ dafür sein. Das erfordert schon einiges an Disziplin“, gibt Helin zu bedenken. „Das Konzept an sich empfehle ich oft weiter. Ich sage aber immer dazu, dass einen damit doppelte Arbeit erwartet und es ohne ein gewisses technisches Grundinteresse keinen Sinn macht“, meint Fabian. Jan überlegt kurz bevor er sagt: „Stimmt. Das ist nicht für jeden was. Ich glaube, man sollte sich das gut überlegen. Klar, man kann die Lehre auch wieder abbrechen, aber das ist ja dann auch ein bisschen vergeudete Zeit.“Leicht ist das Konzept „Abitur und Gesellenbrief“ mit Sicherheit nicht. Für die Drei scheint es aber der richtige Weg zu sein. Sie sind insgesamt sehr zufrieden, mit einer Ausnahme. Auf die Frage ob es etwas gibt, das nicht ganz perfekt ist oder das ihnen fehlt, schauen sie sich an und antworten unisono: „Freizeit!“ Dann lachen sie. „Es ist ja klar, dass bei all dem nicht ganz so viel Zeit für anderes bleibt“, erklärt Jan, aber Fabian relativiert zwinkernd: „Aber das heißt nicht, dass wir überhaupt keine Freizeit haben. Das haut am Ende des Tages schon hin.“Letztlich würden sich Helin, Fabian und Jan, trotz der doppelten Belastung und der im Vergleich zu anderen Schülern geringeren Freizeit, wieder dafür entscheiden, parallel zu ihrer schulischen die handwerkliche Ausbildung zu machen.
[frizz]

Urspringschule

Gegründet wurde die Internatsschule 1930 auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Urspring gegründet. Derzeit wohnen hier etwa 115 Mädchen und Jungen. Ungefähr 135 Tagesschüler kommen werktags hinzu.
Zu den Absolventen der Urspringschule zählen unter anderem die Politikerin Thekla Walker, die Drogerie-Unternehmer Meike und Lars Schlecker, der ehemalige Tagesthemen-Sprecher Ulrich Wickert sowie einige Basketball-Größen. Das ist nicht verwunderlich, denn die Schule ist auch ein vom Deutschen Basketballbund anerkanntes Basketballinternat. Die U-19-Mannschaft gewann mehrere Meisterschaften und brachte einige Nationalspieler hervor.
Weiter Infos unter: urspringschule.de