FRIZZ: Julia, du bist 2019 bei Young and Queer Ulm eingestiegen. Gemeinsam mit Sandra und Julia leitest du den Verein. Worum geht es?
Julia: Young and Queer Ulm will jungen Menschen mit queerem Hintergrund eine Plattform bieten. Einen Ort des Austausches. Außerdem wollen wir gegen die Diskriminierung, die nach wie vor da ist, vorgehen.
 
FRIZZ:  Wo findet diese Diskriminierung statt?
Julia: Diskriminierung findet überall statt. Auch in unseren Reihen. Wenn sich etwa Homosexuelle von trans-Menschen abwenden, weil sie sich dadurch weniger Diskriminierung und mehr Vorteile erhoffen. Prinzipiell findet immer noch zu wenig Aufklärungsarbeit statt, teilweise, weil es der Gesetz­geber nicht vorsieht. Wir hatten außerdem auch schon den Fall, dass in Ulm Regenbogenflaggen brannten.
 
FRIZZ: Wie wichtig ist Aufklärungsarbeit?
Julia: Sehr wichtig! Gerade bei jüngeren Menschen. 2013 stand beispielsweise schon einmal zur Debatte, dass mehr Aufklärung auf den Schulplan kommen sollte. Der Entwurf wurde dann aber vom Gesetzgeber verworfen, weil christlich-reaktionäre Gruppen und Verbände dagegen protestierten.
 
FRIZZ: Hätte dir das geholfen?
Julia: Sagen wir mal so: Hätte ich zu meiner Schulzeit diesen Aufklärungsunterricht gehabt, wäre das sehr hilfreich für mich gewesen. Ich wusste schon früh, dass etwas anders ist, konnte es aber nie genau definieren. Erst 2019 habe ich mich dann in der Öffentlichkeit als queer geoutet – während eines Podcasts, den wir für Young and Queer aufgezeichnet haben. Bis dahin hatten das meine Freunde, nicht aber meine Eltern gewusst.
 
FRIZZ: Und wie haben sie reagiert?
Julia: Es war irgendwie lustig. Ich bin davon ausgegangen, dass sie sich das schon denken können, als ich sagte, dass ich jetzt beim „Young and Queer“-Verein einsteige. Dem war nicht so (lacht). Alles in allem haben meine Eltern gut darauf reagiert. Doch es gibt viele junge Menschen, deren Umfeld nicht so tolerant auf ihr Outing reagiert. Da kommen wir dann ins Spiel. Wir gehen vor allem viel in Schulen und leisten Aufklärungsarbeit. Zeigen auf, welche verschiedenen Formen des „Queer-Seins“ es gibt und versuchen, den jungen Menschen zu vermitteln, dass es völlig okay ist, zum Beispiel romantische Gefühle für das gleiche Geschlecht zu haben oder eine körperliche Anziehungskraft.
 
FRIZZ: Da wird differenziert?
Julia: Genau! Wir unterscheiden zwischen sexueller und romantischer Orientierung. Die sexuelle Orientierung bezieht sich auf die geschlechtliche Ausrichtung auf sexueller oder körperlicher Ebene bei der Partnerwahl. Die romantische Orientierung hingegen bezeichnet die Partnerwahl auf amouröser Ebene – das Geschlecht des Menschen, in den du dich verliebst: unabhängig von der sexuellen Orientierung! So ist es zum Beispiel möglich, dass sich eine Person ausschließlich in Männer verliebt, aber auch Sex mit Frauen und nicht-binären Personen hat.
 
FRIZZ: Puuhhh ... ich brauche wohl ein Glossar (lacht). Wie ist deine Ausrichtung?  
Julia: Ich bin in einer poly-amourösen Beziehung und habe einen Freund und eine Freundin. Meine Freundin, Dean, hat gerade in den Niederlanden mit ihrem Studium angefangen. Sie benutzt im Deutschen das Personalpronomen „Sie“ oder kein Pronomen, im Englischen aber „they/them“ weil sie nicht-binär ist.
 
FRIZZ: Was ist nicht-binär?  
Julia: Nicht-binär bedeutet, dass man sich keinem Geschlecht, also weder männlich noch weiblich, zugehörig fühlt. Es kann auch sein, dass sich die Wahrnehmung verändert. Das nennt man dann gender-fluid. So wie sich ein Mensch  und seine Vorlieben, Hobbys und Interessen im Laufe der Zeit ändern können, so kann sich auch die geschlechtliche Selbstwahrnehmung verändern. Das ist zwar anders als die gesellschaftliche Norm, die uns seit jeher vorschreibt, uns in einer Geschlechterrolle anzupassen, aber vollkommen okay! Das zum Beispiel vermitteln wir an Schulen.  
 
FRIZZ: Wie lautet die Definition von queer?
Julia: Queer ist eine Sammelbezeichnung für alle sexuellen Orientierungen, Geschlechter, Beziehungs- und Familienkonstellationen, die von gesellschaftlichen Normen, wie zum Beispiel Heterosexualität beziehungsweise Heteronormativität, abweichen Früher war es mir immer wichtig, ein Label zu finden, das meine romantische Orientierung beschreibt. Heute kann ich sagen: Ich bin einfach anders. Einfach queer.
 
FRIZZ: Wenn man sich die verschiedenen Definitionen durchliest, kann das doch auch verwirrend sein. Gerade als junger Mensch, wenn man in der Selbstfindungsphase ist?
Julia: Natürlich gibt es sehr viele Sub-Labels, um die romantische und sexuelle Orientierung auszudrücken. Manchmal ist es einfach unmöglich, seine Orientierung zu definieren. Früher gab es die ganzen Sub-Labels nicht. Da kannte man Homosexuell, Bisexuell und vielleicht noch trans. Erst, als die verschiedenen Unterdefinitionen erfasst wurden, hatte ich mich leichter getan. Zu wissen, dass es auch Gleichgesinnte irgendwo da draußen geben muss, eben weil es eine Beschreibung dazu gibt – ehrlich, das half mir enorm!
 
FRIZZ: Euer Verein sucht derzeit eine Vereinsnachfolge. Wer ist dafür qualifiziert?
Julia: Queere Menschen, die Lust darauf haben, Vereinstreffen zu veranstalten, bei Demonstrationen mitzuwirken und Aufklärungsarbeit in Schulen zu betreiben. Viele Vorgaben machen wir gar nicht – es kommt einfach darauf an, worauf die Leute so Lust haben. Wir suchen bewusst nach queeren Personen, denn wir wollen einen Freiraum für die Vielfalt und einen geschützten Raum zum Austausch bieten.
[frizz]