Geflüchtete in Ulm: Konflikte mit den Nachbarn: Alltag aus Konfrontation, Misstrauen, Wut und Kontrollen

Ramona Chaloupek zeigt die zum Teil falsch befüllten gelben Säcke. Sie sind ein Grund für die schlechte Atmosphäre. ⇥
Lars SchwerdtfegerVöllig harmonisch war es noch nie, aber jetzt sind die Bewohner von sechs Häusern am unteren Eselsberg mit ihrem Latein am Ende. Der Grund: Neu zugezogene Nachbarn, die die Wohnungen von der Stadt zugewiesen bekamen, machen Ärger, wie sie sagen.
Die soziale Kontrolle hat meist bei Problemen gewirkt
Sie sind fast alle keine so genannten Bio-Deutschen, kommen aus Kroatien, Serbien, Albanien, aus der Türkei, aus Russland und Eritrea. Man wohnt seit Jahren Tür an Tür, setzt sich in den Hof, wo es ein Stückchen Rasen mit einer Wäscheleine gibt. Dort wird gegrillt oder „wir schauen die Fußball-WM zusammen an“, erzählt Ramona Chaloupek, eine der Bewohnerinnen der sechs Wohnblocks aus den 50er Jahren am unteren Eselsberg.
Sie wohnt schon lange dort, weiß, wie die Leute ticken. Die meisten haben eine kleine Rente oder ein geringes Einkommen, sie achten aufeinander. Bislang, sagt die 58-jährige, gelernte Kfz-Mechanikerin, seien Probleme meist mit sanftem Druck aus der Welt geschafft worden. Durchweg harmonisch sei das Zusammenleben nicht, aber die soziale Kontrolle funktioniere. „Wir hatten eine gute Gemeinschaft bis Dezember letzten Jahres“, meint sie. Damals sind neue Mitbewohner in zwei der Gebäude eingezogen. Die Stadt Ulm ist Hauptmieter, die Bewohner der sechs Wohnungen sind Geflüchtete. Inzwischen besteht der Alltag der Leute aus Konfrontation, Misstrauen, Wut und Kontrollen, sagt Ramona Chaloupek, die seit Monaten im Namen der Mieter Beschwerdebriefe schreibt an die Gebäudeeigentümerin und Vermieterin: die Landesbaugenossenschaft (LBG).
Der Ärger fing mal wieder mit dem Müll an
Wie es dazu kam? Begonnen habe der Ärger mit dem Müll, erinnert sich Chaloupek. Von Beginn an seien Essensreste, Glas und anderes, was nicht reingehört in die gelben Säcke gefüllt worden. Sie lägen Tage vor der Abholung im Freien. „Im Sommer hat es so gestunken, dass die Fenster zu bleiben mussten. Und Ratten haben wir nun auch.“ Ein Zustand, den auch der Hotelbesitzer nebenan bemängle. Sie hätten nicht erwartet, dass von Beginn an alles reibungslos funktioniert, sagt die 58-Jährige. Und wie immer habe man versucht, Neulingen zu helfen. „Wir standen mit den Handys da und haben mithilfe von Übersetzungen erklärt und erklärt.“
Wohl erfolglos: Regelmäßig lasse die Firma Remondis Säcke zurück, der Hausmeister gebe sie in den Restmüllcontainer, der sonst sechsmal jährlich geleert werde; „Inzwischen viel öfter und wir müssen es bezahlen.“ Vermüllt werde der Dachboden, dessen Tür aufgebrochen wurde, das Licht brenne seit Wochen dort, der Keller und die Hausflure, wo Scherben lägen, zählt sie auf.
Der Müll ist das eine. Das andere ist der Lärm, der meist nachts herrsche. „Geschrei, Leute, die kommen und gehen, Türen schlagen“, sagt eine 80-Jährige, die mit anderen Mietern auf dem Hof in der Septembersonne sitzt. Auch wisse man nicht, wer eigentlich dort wohne, weil ständig andere Leute ein und aus gingen. Es seien schon gelbe Säcke aus dem Fenster geworfen worden, auch andere Gegenstände – „einmal wurde jemand getroffen“. Man pinkle auf dem Hof, rauche trotz Brandgefahr auf dem Dachboden und benutze die von den Bewohnern angemieteten Parkplätze. „Wer was sagt, dem wird frech geantwortet.“
Die Mieter fühlen sich allein gelassen – auf Beschwerden kaum Reaktion
Eine lange Liste, aber schlimmer wiegt, dass sie sich alleingelassen fühlen. „Es passiert nichts“, sagt eine 84-Jährige, die seit mehr als 60 Jahren dort wohnt und „sowas noch nie erlebt hat“. Im Januar habe die Stadt Leute geschickt, zwei Dolmetscher darunter – „aber einmal reicht halt nicht“, sagt Ramona Chaloupek. Sinnvoller wäre es, wenn man Aufkleber in verschiedenen Sprachen auf die Mülltonnen klebe: „Dann könnten es alle immer lesen.“
Ein weiteres Gespräch am 7. September habe die Stadt abgesagt. Aber ohnehin betrachte man die LBG als Ansprechpartnerin, sagt sie: „Sie vermietet.“ Bis dato hätten ihre Briefe nicht viel genutzt. Auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE teilt der Sprecher, Josef Vogel, dazu folgendes mit: Die LBG habe der Stadt bei der Unterbringung von Geflüchteten helfen wollen und die Wohnungen angeboten. Klar sei, dass die Menschen sich erst zurechtfinden müssten und es „immer Probleme beim Zusammenleben geben kann“. Allerdings habe die Stadt eine „Betreuung“ zugesagt, die ihre Mieter auch hinsichtlich der Hausordnung informiere.
Auch die Landesbaugenossenschaft ist nicht zufrieden mit der Stadt
Dann listet Vogel auf, was alles schief läuft. Die Liste deckt sich mit den Erzählungen der Mieter. Dass nichts für die Mieter getan wurde, weist der Sprecher zurück. Es seien LBG-Mitarbeiterinnen des Bereichs „Aktive Sozialarbeit“ vor Ort gewesen und hätten die Beschwerden aufgenommen. Zudem habe man die Stadt, auch vor Ort, in mehreren Gesprächen auf das „nicht korrekte Wohnverhalten, insbesondere der untergebrachten geflüchteten Personen, hingewiesen und Maßnahmen zur Verbesserung besprochen“.
Zwar sei es zum Teil etwas besser geworden, aber: „Die gesamte Situation blieb unbefriedigend.“ Nun setze die LBG auf das letzte Gespräch mit der Stadt am 14. September. „Dabei haben wir unmissverständlich auf die zugesagte Betreuung bestanden.“ Die Missstände sollten beseitigt werden und die untergebrachten Personen betreut und informiert werden, macht Vogel deutlich. Ob dem wirklich so sei, werde in der nächsten Zeit überprüft.
Jan Rick, der bei der Stadt Ulm für die Unterkunft von Geflüchteten zuständig ist, verweist auf Anfrage als Erstes darauf, dass es in dieser Nachbarschaft schon vor dem Einzug der Geflüchteten Beschwerden über Lärm, Müll und die Nicht-Einhaltung der Hausordnung gegeben habe. Man nehme die Belange der Hausbewohner trotzdem ernst. Rick verweist auf das Treffen mit der LBG, bei dem das „weitere Vorgehen besprochen wurde“. Es würden Maßnahmen getroffen, die „zielführender“ seien als ein Gespräch mit den Mietern. So soll die Kommunikation zwischen den Hausmeistern des Objektes und den dezentralen Hausleitungen der Stadt verbessert werden. Zudem sei „ein Mitarbeiter der Stadt seit letzter Woche regelmäßig vor Ort“. Nach einer gewissen Zeit werde evaluiert, ob die Maßnahmen wirken, so Rick.
Ramona Chaloupek: Wieso wird jetzt reagiert?
Zum Thema Müll: Alle Geflüchteten bekämen in Form von Piktogrammen und in verschiedene Sprachen übersetzte Anleitungen und Informationen zur Mülltrennung und Entsorgung. Über die Bewohner sagt Rick, es seien alles Familien. Besuche seien selbstverständlich im Rahmen der üblichen Regelungen erlaubt.
Zu der Behauptung der Stadt und auch der LBG, es habe bereits vor den neu zugezogenen Menschen Beschwerden gegeben, sagt Ramona Chaloupek: „Ja, das stimmt.“ Aber nicht in diesem Ausmaß. Es gehe nicht darum, Geflüchtete generell zu diskriminieren. Leider aber fehle es bei manchen dieser Mieter an Respekt und dem Willen, sich anzupassen, so der Eindruck. Enttäuschend sei für die Mieter zudem, dass monatelang nichts geschah. Erst jetzt, „mit den Recherchen der SÜDWEST PRESSE“, würden Lösungen gesucht.
Sie selbst habe ein Treffen mit allen Beteiligten vorgeschlagen. „Das Bewohner-Forum ist auf meinen Mist gewachsen.“ Es habe sogar schon einen Termin gegeben, den 6. September. Dass er doch nicht stattfinde, habe niemand für nötig gehalten, ihnen mitzuteilen (siehe Info).
Stadt: Nur wenige Problemfälle bekannt
Für die Nachbarschaft in den sechs Wohnblocks ist ein „Bewohnerforum“ geplant, teilt Josef Vogel, Sprecher der Landesbaugenossenschaft (LBG), mit. Dies soll gemeinsam mit der Stadt ausgerichtet werden. „Man kann es sich als ,begleitendes Zusammenkommen‘ mit Kaffee und Kuchen im Hof der Wohnanlage mit allen Mietern vorstellen“, erläutert Vogel. Die LBG würde das Treffen organisieren. „Wichtig ist in diesem Falle, dass auch ein Austausch stattfinden kann.“ Die Idee sei nicht neu. Die LBG hatte diese Veranstaltung bereits geplant.
Die Stadt wisse nur von wenigen Fällen, wo das Zusammenleben mit Geflüchteten nicht funktioniere, sagt Jan Rick. „Uns ist nicht bekannt, dass es bei Geflüchteten überdurchschnittlich zu Nachbarschaftsstreitigkeiten kommt.“ Zudem gebe es bei der Stadt für diese Fälle eine Kontaktstelle, an die man sich wenden könne. Das gebe es bei den „üblichen, statistisch sehr häufig vorkommenden Streitigkeiten“ sonst nicht.
