Weltreise mal anders: Im Paddelboot von Ulm in die Welt
Wer heute nach Australien reisen möchte, kann dies prinzipiell jederzeit tun. Ein Flug ist schnell gebucht und die Kosten halten sich weitestgehend in Grenzen. Früher sah das noch etwas anders aus. Vor etwas mehr als 90 Jahren begab sich ein Ulmer ebenfalls auf eine Reise auf den Kontinent am sprichwörtlichen Ende der Welt. Seine Intention war zunächst allerdings eine ganz andere.
Der Name Oskar Speck sagt heute wohl den allerwenigsten noch etwas. Dabei hat der Ulmer mit einer Reise der etwas anderen Art einen bis heute unerreichten Rekord aufgestellt. Doch von vorn: Wir schreiben das Jahr 1932. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise muss Oskar Speck seinen Betrieb mit 21 Angestellten schließen. Der 25–jährige Elektrikermeister ist fast vollkommen pleite und will nur noch weg aus Deutschland. Er fasst den Entschluss nach Zypern aufzubrechen, um in den dortigen Kupferminen einen Job zu finden. „Es war keine Hoffnung mehr in Deutschland“, wird er später in einem Bericht schreiben. Seine Reise will er im Kajak antreten.
Startpunkt Ulmer Donauufer
Am 13. Mai 1932 bricht der Ulmer völlig unspektakulär am Donauufer auf, unweit des Münsters. In der Tasche hat er gerade einmal zehn Reichsmark, umgerechnet etwa 50 Euro. Ansonsten hat er nur das Allernötigste dabei. Karten, einen Kompass, Wasser, Kondensmilch, Dosenfleisch, etwas Kleidung und einen Fotoapparat. Mehr hat in seinem fünfeinhalb Meter langen Faltboot, aus dem er den zweiten Sitz ausgebaut hat, keinen Platz. Seine Reise führt ihn die Donau entlang über Österreich und Ungarn. An der Grenze von Bulgarien und dem ehemaligen Jugoslawien beschließt der junge Mann die Donau, die ihm etwas zu zahm geworden ist, zu verlassen. Seine Fahrt setzt er im Vardar fort, einem Fluss, der zur wilderen Sorte zählt. Die Navigation gestaltet sich schwierig und Teile seines Bootes gehen auf diesem Streckenabschnitt kaputt. Während seiner gesamten Reise hält Steck sich aus zwei Gründen immer eher nahe am Ufer und (später) an der Küste. Zum einen um sich besser orientieren zu können. Zum anderen aufgrund seiner persönlichen Sicherheit. Oskar Steck ist oft und gerne auf dem Wasser, insbesondere im Kajak unterwegs, schwimmen kann er allerdings nicht. „Gemessen an vernünftigen Standards war ich verrückt“, soll er später sein Vorhaben einmal kommentiert haben.
Die Welt entdecken
Steck vergleicht sein Faltboot mit einem Fahrrad. Es müsse ständig in Bewegung bleiben, da es ansonsten einfach umkippen würde. Teilweise paddelt er 16 Stunden am Stück. Als der 25–Jährige schließlich in Zypern ankommt, ist von seinem ursprünglichen Plan nichts mehr übrig. Während der Reise hatte er erkannt, dass ihm genau diese die Erfüllung bringt. Die Kupferminen von Zypern sind passé und Steck setzt seine Bootsfahrt fort. Er will die Welt sehen und lässt die Insel hinter sich. Sein neues Ziel: Australien.
Der Weg des Ulmers führt ihn nach Syrien, wo er mit dem Bus an den Euphrat fährt. Dort setzt er die Reise per Boot fort. Ab und zu wird er von arabischen Männern eingeladen. Nie schlägt er die Gastfreundschaft aus. Später wird er sagen: „Eine große Platte wurde hereingetragen. Darauf fand sich das für das Land typische flache Brot, Lammfleisch und eine Soße. Besteck gab es keines. Gegessen wurde mit den Händen. Genutzt wurde aber nur eine Hand. Ich hatte keine Probleme damit, denn ich ordne mich den lokalen Gebräuchen stets unter.“

Von Ulm nach Australien: Sieben Jahre und 50.000 Kilometer ist Oskar Speck (hauptsächlich) im Kajak unterwegs.
Dominik ScheleZwischenstopps und Hindernisse
Vom persischen Golf paddelt Oskar Speck vorbei am Iran, Pakistan und Indien, an Myanmar, Indonesien und Papua–Neuguinea. Während seiner Reise erlebt er dabei nicht nur Positives. Am Euphrat wird auf ihn geschossen. Nie wird er herausfinden, was es damit auf sich hatte. Als er an der Küste Pakistans anlegt, um auszuruhen, wird ihm sein Kajak gestohlen. Zwei Polizisten, denen er die Hälfte des Geldes verspricht, das er im Boot bei sich führt, helfen ihm bei der Wiederbeschaffung. Er leidet mehrmals an Malaria und wird an einem Strand (vermutlich in Indonesien) halb totgeprügelt. Trotz aller Widrigkeiten setzt Steck seine Reise fort.
Finanzierung der Reise
Natürlich ist Oskar Steck nicht die ganze Zeit über in seinem Boot. Ab und zu unterbricht er seine Reise für längere Zeit. Um seine Finanzen aufzustocken, nimmt er Gelegenheitsjobs an und hält Vorträge, unter anderem in Mumbai. Deutsche Journalisten haben mittlerweile vom Weltreisenden aus Ulm mitbekommen. Im Berliner Lokal–Anzeiger erscheint eine reißerische Artikelserie mit dem Titel „Abenteuer in der Sunda–See“. Auch wenn Steck von den Entwicklungen in Deutschland nur am Rande mitbekommt, ziert sein Faltboot irgendwann ein Hakenkreuz. Die vermeindliche Dekoration wird ihm von den Nationalsozialisten zur Verfügung gestellt. Steck hat nichts dagegen, denn damit einher geht finanzielle Unterstützung.
Es geht zu Ende
Als er schließlich im September 1939 an den australischen Thursday Islands ankommt, wird der mittlerweile 32–Jährige festgenommen. Ein überraschend auftauchender Deutscher, dessen Boot das Hakenkreuz zeigt und der mit seiner Kamera herumhantiert? Das kann nur ein Spion sein, sind sich die Autoritäten einig. Oskar Specks Reise ist nach sieben Jahren, vier Monaten und etwa 50.000 zurückgelegten Kilometern an dieser Stelle zu Ende. Bis Kriegsende ist er in einem australischen Internierungslager untergebracht.
Inwiefern Oskar Speck mit den Nazis sympathisierte, konnte nie abschließend geklärt werden. Nach seiner Entlassung aus dem Lager blieb der Deutsche in Australien. Er verdiente ein Vermögen mit dem Handel von Opalen, wurde australischer Staatsbürger und kehrte nur einmal kurz nach Deutschland zurück. Oskar Speck verstarb im März 1993 auf seinem Anwesen in New South Wales.
[frizz]


