Waschtag: Putzen bis es blitzt und blinkt
Höchste Zeit also, sich mit dem Thema „Frühjahrsputz“ auseinanderzusetzen. Das Großreinemachen gibt es vermutlich so lange, wie sich Menschen Häuser gebaut haben. Eine nachvollziehbare These hierzu ist, dass mit dem Anstieg der Temperaturen Fenster und Türen wieder lange geöffnet werden konnten und der Ruß bzw. andere Rückstände von den offenen Feuerstellen entfernt wurde. Da es weiter im Süden eher warm wird als bei uns, begann der Frühjahrsputz dort auch früher. Die Römer fingen damit bereits im Februar an. Der Monat ist nicht ohne Grund nach dem Reinigungsfest „Februa“ benannt. Als sich Kanalisationen, Straßenreinigung und Kehrpläne im 19. Jahrhundert etablierten, bekam das Saubermachen in Deutschland eine ganz neue Dimension. Ordnung und Sauberkeit gelten seitdem als typisch deutsche Tugend.
Kehrwoche — schwäbsiche Tradition
Auch wenn der Begriff „Frühjahrsputz“ im Volksmund immer noch fest verankert ist, so wird er nicht mehr in den Ausmaßen durchgeführt, wie vor 50 oder 100 Jahren. Laut dem Meinungsforschungsinstitut YouGov machen 63 Prozent der Deutschen ihre Wohnung einmal im Jahr besonders gründlich sauber. Das Großreinemachen findet aber nur bei jedem Fünften als klassischer Frühjahrsputz statt. Generell erleben die Themen Aufräumen, Ausmisten und Saubermachen in den letzten Jahren einen großen Aufschwung. Nicht zuletzt durch die Bücher und Netflix–Serie der japanischen Ordnungsberaterin Marie Kondo. Dass daran ein großes Interesse besteht, zeigte sich auch daran, dass „Aufräumen mit Marie Kondo“ allein in der Startwoche fast 2 Millionen mal auf Netflix abgerufen wurde.In der Region können wir darüber nur müde lächeln. Sauberkeit und Ordnung gehört bei den Schwaben, zumindest, wenn man den Klischees glaubt, fast schon zur Identität. Sperrmüll, Altpapiersammlungen und die Kehrwoche sind Dinge, mit denen wohl die meisten schon mal zu tun hatten. Und auch wenn die Tage der klassischen Sperrmüllabholung vorbei sind und Altpapiersammlungen durch Vereine nur noch selten durchgeführt werden — eins bleibt: die Kehrwoche, eine über 500 Jahre alte, schwäbische Tradition. Für die einen ist sie unverzichtbar und gehört einfach dazu. Für andere, vor allem Zugezogene, ist sie oftmals ein Ärgernis, so auch für Jens Becker. Er lebt seit zehn Jahren in Wiblingen und kann an der Kehrwoche kaum etwas Gutes entdecken. „Die Idee ist ja eigentlich nicht schlecht, aber dazu muss sich halt auch jeder daran halten. Es bringt ja nichts, wenn in einem Haus mit acht Parteien nur zwei die Kehrwoche machen und die anderen das Schild einfach dem nächsten an die Tür hängen“, meint der gebürtige Kölner und fügt noch hinzu: „Ich verstehe einfach nicht, warum man keinen Hausmeister anstellt. Dann geht die Miete halt für alle etwas hoch, aber immerhin läuft es dann.“ So wie Jens Becker geht es vielen. Doch solange die Reinigungspflicht in den meisten Fällen durch den Mietvertrag und die Hausordnung privatrechtlich geregelt wird, bleibt wohl auch die Kehrwoche bestehen.
Nackt herumspringen ist verboten
Der schwäbische Sinn für Sauberkeit ist aber noch weit älter, als die Kehrwoche. Die Möglichkeit, Kleidung, Geschirr und nicht zuletzt uns selbst zuhause waschen zu können, nehmen wir heute als gegeben hin. Doch zu Zeiten ohne fließendes Wasser auf den meisten privaten Grundstücken und ohne ausgebaute Kanalisation, sah das ganz anders aus. Neben Gewässern wie Seen oder der Donau traten im Mittelalter zunehmend öffentliche Bäder und Badestuben in den Mittelpunkt. Neben der Körperhygiene sowie der Haar– und Bartpflege wurden hier auch medizinische Leistungen angeboten. Der Hauptaufgabenbereich der sogenannten Bader lag vor allem in der Wundversorgung. Auch das Aderlassen und Schröpfen wurde hier durchgeführt. Die Badestuben waren außerdem ein Ort der Geselligkeit und Zusammenkunft. Und obwohl es hier recht freizügig zuging, herrschte außerhalb der Badestuben Zucht und Ordnung. Ein damaliges Gesetz lautete: „Es ist verboten, nackend über die Straßen beim Badehaus zu springen“. Wer dagegen verstieß, sah sich mit harten Strafen konfrontiert.
Ulm verfügte über eine beachtliche Anzahl solcher Bäder. Eines davon befand sich mitten im Fischerviertel. Das Gebäude des „Stegbads“ wurde 1417 errichtet. Heute befindet sich in dem Haus das Restaurant Tanivera. Bei den Renovierungsarbeiten Ende der 70ger–Jahre wurde die Heizanlage des einstigen „Stegbads“ entdeckt. Ebenso wie ein im Fußboden eingelassener ehemaliger Badetrog und der alte Ziehbrunnen wurde auch in die damalige Konzeption der Räume miteinbezogen. Neben den innerstädtischen Badestuben fanden sich natürlich auch zahlreiche am Ufer der Donau. Das aus dem Fluss geschöpfte Wasser wurde hier nicht nur zur Körperhygiene verwendet, sondern auch zum Wäschewaschen genutzt.
Durchschrubben im Donaubad
Auch wenn die Zeiten der Ulmer Badehäuser längst vorbei sind, wird auch heute noch öffentlich gebadet. Natürlich hat das nicht mehr viel mit Reinlichkeit, sondern mit Freizeitgestaltung, Spaß und Sport zu tun. Der Ursprung ist allerdings der gleiche und daher war das Neu–Ulmer Donaubad auch die erste Wahl bei der Fotolocation für den FRIZZ–Titel. Das Bad hat coronabedingt schon seit 2. November geschlossen, Waschtag also nur für unser Modell. Ganz schön leer ist das Bad momentan — das war zumindest gut, um einmal ordentlich durchgeschrubbt zu werden. Alle Becken wurden gründlich gereinigt, Fließenfugen gezogen und auch die Decken geputzt: „Da fahren wir mit Raupe und Leiter in den Becken rum und bringen alles auf Hochglanz“, erzählt Jochen Weis, Geschäftsführer des Donaubads. „Nur im Außenbereich haben wir noch Wasser in den Becken, zum Frostschutz für die Fliesen und als Gegengewicht zum Hochwasser. Da baden aber momentan höchstens mal ein paar Enten drin“, lacht er. Natürlich sind alle im Donaubad gerüstet, wenn es endlich wieder losgehen kann. „Momentan fühlt es sich ganz falsch an, ein Erlebnisbad ohne Gäste“, so Weis. „Wir hoffen, dass wir in diesem Jahr als erstes das Freibad öffnen können, sobald wir dürfen.“ Normalerweise geht es Mitte Mai los, weil das Team erst die Eissportanlage abbauen muss, da die Saison aber vorzeitig beendet wurde, könnte es schon früher wieder mit dem Badevergnügen losgehen. Für die Eislaufanlage gibt es übrigens auch neue Pläne: „Wir wollen einen Bodenbelag verlegen, so dass im Sommer Inlineskating und Rollschuhdiscos stattfinden können, da sind wir gerade in der Planung“, verrät Weis.
Keine Romantik im Waschsalon
Ebenso wie es heute keine Badestuben mehr gibt, sind auch die Zeiten vom Wäschewaschen am Fluss längst passé. In den meisten Wohnungen findet sich heute eine Waschmaschine. Und wer keine hat, besucht einfach einen Waschsalon. Zahlreiche Werbungen, Filme und Serien suggerieren uns, dass man hier nicht nur Kleidung reinigt, sondern Waschsalons auch ideal dafür geeignet sind, die große Liebe zu finden. Hollywood eben. In Wirklichkeit passiert aber meist nur eins: Menschen kommen, waschen, warten und gehen wieder. In den Ulmer und Neu–Ulmer Waschsalon–Niederlassungen von Eco–Express ist das nicht anders. Unterhaltungen zwischen den Anwesenden sind die Ausnahme. Während die Wäsche in der Maschine ihre Runden dreht, sitzen die meisten auf einem der weißen Plastikstühle und lesen in Zeitschriften, hören Musik oder starren auf ihr Smartphone. Die Atmosphäre lässt sich vielleicht am ehesten mit der im Wartezimmer beim Arzt vergleichen.Was beim Betreten eines Salons sofort auffällt ist, dass alles sehr schlicht gehalten ist. Außer den Waschmaschinen und Trocknern stehen einige Plastikstühle bereit. Ein Süßigkeiten–Automat wie in Neu–Ulm ist die Ausnahme. Das ist Absicht, denn so lassen sich die Räumlichkeiten leichter sauber halten und falls etwas kaputt geht ist es nicht ganz so schlimm. Auch wenn die vier Waschsalons in Ulm und Neu–Ulm mit ihren Pendants in Großstädten, wo Essen und Trinken angeboten wird oder Comedy–Auftritte stattfinden, nicht mithalten können, sind viele froh darüber, dass es sie gibt. Dazu zählen neben Montagearbeitern, Touristen, Obdachlosen und Studenten auch Menschen, deren Waschmaschine kaputt ist oder die aus diversen Gründen keine besitzen. Ines Kunze ist seit zwei Jahren Kundin im Waschsalon in der Neu–Ulmer Hermann–Köhl–Straße. „Als meine Waschmaschine von heute auf morgen den Geist aufgab, war ich das erste Mal im Eco–Express. Das hat sich sehr seltsam angefühlt, meine Wäsche da vor anderen Leuten zu waschen“, erzählt die junge Frau. „Am Anfang fand ich mich auch noch nicht wirklich zurecht. Da musste mir eine ältere Dame erst mal erklären, wie das mit dem Waschmittel funktioniert“, lacht die Neu–Ulmerin. Waschpulver kann in den Waschsalons aus Automaten gezogen werden. Das Ganze erinnert an Kaffeeautomaten, nur dass in den Bechern eben Vollwaschmittel statt Kaffee landet. Eine Portion kostet 50 Cent. „Heute nehm‘ ich immer mein eigenes Waschpulver oder Flüssigwaschmittel mit. Das ist günstiger und riecht frischer“ erklärt Ines Kunze und fügt hinzu: „Das ist sowieso einer der Punkte, den man vielleicht beachten muss. Wirklich billig ist der Besuch im Waschsalon auf Dauer nicht. Das sind pro Wäsche immer um die fünf Euro.“ Ein normaler Waschgang kostet 3,50 Euro (3,00 Euro zwischen 6 und 10 Uhr). Die Benutzung des Trockners kostet 1,00 Euro. Wer eine Großladung waschen möchte, kann das für einen Zehner tun. Dafür steht eine XXL–Waschmaschine — Fassungsvermögen 16 Kilo — im Salon. Ines Kunze hat mittlerweile zwar wieder eine eigene Waschmaschine, kommt aber dennoch ab und zu in den Waschsalon. „Bettdecken, Kissen und andere große Sachen wasche ich nach wie vor lieber hier. Zum einen weil ich daheim keinen Trockner habe und zum anderen, weil die Maschinen einfach schneller sind“, berichtet sie und ergänzt dann noch: „Jetzt gerade gehe ich aber nicht hin. Der Waschsalon hat zwar geöffnet, aber ich habe keine große Lust, eine dreiviertel Stunde mit Maske herumzusitzen oder draußen in der Kälte zu warten.“



