FRIZZ: Achim, was genau ist die Jugendfarm Ulm?
Achim: Einfach gesagt, ein tiergestützter Abenteuerspielplatz. Das heißt, hier können Kinder den Umgang mit Tieren und der Natur erlernen, Verantwortung übernehmen und einfach „sein“.
Euer Angebot ist aber – zumindest, wenn ich mir das so anschaue – doch recht umfangreich, oder?
Das stimmt, wobei die Arbeit mit den Tieren natürlich recht ähnlich ist. Da geht es immer um den Umgang, wozu zum Beispiel auch Misten und Füttern zählt. Wir versuchen aber verschiedene Schwerpunkte zu setzen oder neue Ideen umzusetzen. Aber auch darüber hinaus bieten wir viele Sachen an. Wenn die Kinder Bock drauf haben, was anzupflanzen oder Bienenwachskerzen herzustellen, dann machen wir das. Wir haben zudem unseren Hüttenbauplatz, wo Kinder eigene Hütten aus Holz zusammenzimmern können. Sie können bei uns auch einen Werkzeug- oder Axt-Führerschein machen. Ganz wichtig ist außerdem: Die Kinder können hier auch einfach mal eine Stunde rumsitzen und nichts tun. Ich glaube das ist ziemlich selten. Sonst ist es ja oft so, dass sie immer Programm haben.
Die Jugendfarm ist also alles andere als ein Streichelzoo.
(lacht) Richtig. Das kannst du auch ganz dick unterstreichen.
Kommen denn Leute vorbei, die diese Vorstellung haben?
Klar. Wir sind ja am Kuhberg, also mitten im Stadtgebiet. Viele gehen hier oben auch spazieren, sehen die Tiere und haben den Wunsch reinzukommen und zu streicheln. Das kann ich natürlich verstehen, aber wir sind in erster Linie ein pädagogischer Betrieb für Kinder und da gelten einfach andere Regeln als im Zoo.
An welche Altersgruppe richtet sich euer Angebot?
An Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren. Allerdings muss man sagen, dass immer weniger Elf- und Zwölfjährige hier sind. Die haben oft ¬ gerade was die Schule angeht ¬ viel zu tun. Das ist schade, denn aus den Elfjährigen werden meistens unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter, unsere Emis.
Das heißt?
Viele kommen auf die Farm, seit sie sechs oder sieben sind. Wenn die Kinder zwölf werden, dürfen sie Emi-Azubi werden. Mit 13 sind sie dann Emis, also ehrenamtliche Mitarbeiter und können damit in den Ferien zum Beispiel sogar Geld verdienen. Das Verhältnis geht dann auch ins Partnerschaftliche. Wir trauen unseren Emis viel zu und nur mit ihnen kann die Farm funktionieren.
Wenn Kinder zum ersten Mal kommen, sind die dann direkt Feuer und Flamme?
Im Grunde schon, aber wir sind auch immer wieder erstaunt, wie wenig Kinder von der Natur mitbekommen und wie schwer sich manche tun, sich die Füße dreckig zu machen. (lacht)
Seit September letzten Jahres gibt es den Naturkindergarten an der Jugendfarm. Was hat es damit auf sich?
Der Kindergarten ist Teil des Vereins Kinderladen. An drei Vormittagen in der Woche kommen die zu uns rüber und nutzen die Farm als Ausflugsort, um die Tiere zu füttern und um Natur zu erleben. Das ist eine mega Kooperation und passt einfach total gut.
Es kommt aber nicht nur der Naturkindergarten zu euch, oder?
Nein. Es kommen auch andere Kindergärten und wir arbeiten auch mit einigen Schulen zusammen und bieten gemeinsam AGs für die Schüler an. Du kannst es dir so vorstellen: Vormittags kommen Kindergärten und Grundschulklassen. Die Schul-AGs finden nachmittags statt und enden ungefähr um 15 Uhr. Zu der Zeit kommen dann die Farmkinder – das sind etwa 25 bis 35 – und bleiben bis 18 Uhr. In den Ferien bieten wir dann auch noch unsere verschiedenen Freizeiten an.
Das hört sich so an, als hättet ihr alle Hände voll zu tun.
Absolut. Leider heißt das aber auch, dass wir total ausgebucht sind und aktuell keinen Platz mehr haben.
Was machst du persönlich eigentlich auf der Jugendfarm?
Ich koordiniere das Ganze, übernehme die Anleitung des FÖJ, also des freiwilligen ökologischen Jahres und schau, dass wir irgendwo an Spenden rankommen. Aber ansonsten bin ich ganz klassischer Mitarbeiter und mach mit den Kindern vom Feuer bis zum Reiten alles.
Bist du dann mehr Chef oder mehr Mitarbeiter?
Um es mal so zu sagen: Ich habe nicht das Gefühl, dass es bei uns unbedingt eine Leitung braucht. Im Endeffekt herrscht bei uns ein Miteinander und wir begegnen uns auf Augenhöhe. Klar, wenn eine Entscheidung ansteht, muss ich die irgendwann treffen.
Wie viele Menschen arbeiten auf der Jugendfarm?
Aktuell sechs. Zwei 50-Prozent- und zwei 75-Prozent-Kräfte. Außerdem noch unsere beiden FÖJ-ler. Das sind die einzigen 100-Prozent-Kräfte auf der Farm. Ohne die wären wir aufgeschmissen!
Welche Tiere leben auf der Jugendfarm?
Pferde, Ponys, Hasen, Schweine, Schafe, Ziegen, Laufenten, Hühner, Bienen, ein Kater, ein Hund und ein Esel.
Kauft ihr die Tiere oder bekommt ihr die geschenkt?
Das ist ganz unterschiedlich. Pferde kaufen wir beispielsweise. Das sind Herdentiere, das heißt, da ist es sehr wichtig zu schauen, ob das passt. Gewöhnt es sich an die anderen Pferde und an die Kinder? Wenn das nicht funktioniert, müssen wir es leider zurück an den Stall geben, bei dem wir es gekauft haben. Bei Ziegen und Schafen kommt es vor, dass wir die geschenkt oder gegen einen kleinen Obolus bekommen. Aber wir bekommen auch Tiere vom Tierheim. Unsere Hasen stammen zum Beispiel aus einer Tierrettung.
Wie finanziert ihr euch?
Zum einen durch die Stadt. Das sind etwa 60 bis 65 Prozent. Den Rest erwirtschaften wir selbst durch Vereinsmitgliedschaften, Ferienfreizeiten und natürlich Spenden. Manchmal denken auch die Richter an uns. Dann gehen gezahlte Geldstrafen, zum Beispiel aus Verkehrsvergehen, an uns.
Kann man euch als „Normalbürger“ unterstützen?
Auf jeden Fall. In erster Linie ¬ so wie überall ¬ durch Geld. Aber nicht nur. Mein großer Traum ist zum Beispiel der ehrenamtliche Landmaschinenmechaniker, der in seiner Freizeit gerne auf der Farm ist und mit den Kindern am Traktor herumschraubt. Gerne melden! (lacht) Aber auch darüber hinaus kann man uns unterstützen. Jeder, der eine Fähigkeit und Bock hat, die hier einzubringen, ist willkommen. Es ist auch möglich, eine Patenschaft für ein Tier zu übernehmen. Außerdem sind Sachspenden, wie ein altes Mähwerk, Reifen für unsere Ape oder ein Schweißgerät immer eine feine Sache. Nur bitte kein Brot und keine Äpfel mehr.
Was ist so schlimm an Äpfeln und Brot?
Eigentlich nichts. Aber davon bekommen wir viel zu viel. Das ist gut gemeint und natürlich mögen das die Tiere auch, aber halt in Maßen.
Also statt Äpfeln und Brot lieber Kohle und Tatkraft?
Grundsätzlich ja. Aber falls jemand mit irgendwelchen kreativen Spendenideen um die Ecke kommt, haben wir da auch ein offenes Ohr. Das kann der Grafitti-Sprüher sein, der was bei uns verschönert oder jemand der 14 Tonnen Sand rumliegen hat. Nehm ich beides. (lacht)

Mehr Infos:

Jugendfarm Ulm
Unterer Kuhberg 30
89077 Ulm
 
Telefon:  0731 / 340 42
Internet: agwest.de
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