Hirschstraße, Ecke Ulmergasse, Freitag­nachmittag. Ein junger Mann baut seinen Notenständer auf und stimmt kurz einige Akkorde seiner Gitarre. Den Gitarrenkoffer lässt er geöffnet. Dann greift er nach einer Mundharmonika, die er vor sich auf einem Tuch ausgebreitet hat. David Luca Schweihofer ist Autodidakt. Die Mundharmonika konnte er schon immer spielen, die Gitarre hat er sich irgendwann einmal selbst beigebracht.

Passanten bleiben stehen

David holt tief Luft, setzt zu einem Bariton an und steigert sich, bis seine Stimme etwas rauher, fast kratzig wird. Es wirkt.Vorbeieilende Passanten verringern ihr Tempo, einige bleiben stehen. Ein älterer Herr wirft im Vorbeilaufen ziemlich lässig eine Zwei-Euro-Münze in den Gitarrenkoffer. Obwohl die Sonne direkt auf David herunterbrennt, macht er unbeirrt weiter. Jetzt setzt die Mundharmonika ein, die David an einer Kette um den Hals trägt. Es klingt nach Melancholie und Heimat. Nach ein bisschen Vorfreude und Erwartungen. Es ist sein Lieblingsstück: „Brain Fallon, Great Expectations“ – „es erinnert mich einfach an mein Leben.“ Dass David Luca nicht auf das Geld, das er sich nachmittags auf der Straße verdient, angewiesen ist, wissen die Wenigsten. Tagsüber arbeitet er im Café. Nach einer Exkursion nach Oberammergau, in der der gelernte Steinmetz eine Holzbildhauerschule absolviert hat, ist er jetzt wieder in Ulm. „Ich bin ein ‚Bonvivant‘. Ein Mensch, der das Leben genießt!“ Zur Abkühlung geht es jetzt in ein Café direkt am Münsterplatz. In der Ulmer Münsterbauhütte hat er seine Ausbildung zum Steinmetz absolviert, ehe es ihn mit einem Stipendium nach Laas, Südtirol, verschlagen hat. In der Steinbauhütte sorgen seit mehreren hundert Jahren Steinmetze dafür, dass das Ulmer Münster der Witterung trotzen kann. Seine Aufgabe war es, die Steine im Original nachzubauen. Die Chancen für eine Festanstellung stehen gut. Bis dahin hat David noch einige Zeit, sich freien Arbeiten zu widmen. Es sind Wünsche von Freunden und professionelle Auftragsarbeiten. Für einen Freund hat er einen Steinkopf mit Hörnern entworfen. Rund 100 Stunden hat er mit dem Projekt zugebracht. „Zuerst entwerfe ich ein Modell aus Ton. Die Arbeit an der eigentlichen Plastik beginnt dann, wenn ich mit dem Modell zufrieden bin.“ Die Werkzeuge, mit denen David arbeitet, sind Hammer und Holzschlegel, aber auch Schaber, Meißel und Bohrer kommen zum Einsatz. Doch nicht jeder Stein eignet sich zur künstlerischen Weiterbearbeitung. Naturstein gilt als traditionelles Grundmaterial, „aber auch weicheres Material wie Kalk- und Sandstein ist für Arbeiten geeignet.“

Schräg: Jamsession am Metzgerturm

Inzwischen ist es Samstagabend und „The Wisent Brothers“ treffen sich zum Outdoor-Soundcheck an der Donau, auf Höhe des Metzgerturms. The Wisent Brothers, das sind Tim, Georg und David. Erst vor Kurzem hat die Band einen Namen für sich entdeckt, obwohl es das Trio bereits seit einiger Zeit gibt. „Ich hatte einen Auftritt zum Jammen“, erzählt David. Dann lernte er die beiden Psychologiestudenten Tim und Georg beim Improvisieren kennen. „Ich fragte, ob die beiden Bock hätten, mitzumachen. Seither sind wir eine Band.“Der Proberaum: das Donauufer. Die Instrumente: Gitarre, Mundharmonika, Banjo und Percussions. Fertig ist die außergewöhnliche Mischung, die auch an diesem Samstagabend Passanten magnetisch anzieht. Wieder ist es Davids Stimme und der melancholische Klang der Mundharmonika, die auf die Passanten wirken. Dann setzen Tim auf seinem Banjo und Georg mit seinen Percussions ein. In einigen Stunden sind die Ulmer Stadtmusikanten zum Konzert in der „Apotheke“ verabredet. Das kultige Café, ehemals Apotheke, ist oftmals Schauplatz besonderer Lesungen, Partys oder Konzerte. Wie sehen die Vorbereitungen zu diesem Konzert aus? „Wir improvisieren, was will man denn noch mehr an Vorbereitung?“ Nach einigen Liedern machen sich die Drei auf den Weg Richtung Willy-Brandt-Platz. Tim ist mit seinem Longboard unterwegs, die beiden anderen schlendern hinterher. Für das Psychologiestudium ist Tim von Tübingen nach Ulm gewechselt. „Was soll ich sagen? Ich liebe diese Stadt!“ Georg hat es von Nordrhein-Westfalen in die Donaustadt im Süden gezogen: „Auch wegen der Psychologie.“ In Ulm sei es doch ein bisschen anders als in Bonn. „Es ist klein, aber dennoch groß genug, um jeden Tag etwas zu erleben. Mit netten Menschen sowieso.“ Ein schnelles abschließendes Bild vor der Konzertlocation. „Kann das Longboard mit aufs Bild?“ Tim lacht, Georg und David stimmen mit ein. Das sind die Ulmer Stadtmusikanten. Die „Bonvivants“.
Davids Instagram: David_Bildhauer
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