Ulmer Bierakademie
: Ein Diplom für den Durst

Eine ganz besondere Akademie. Der Lehrplan? Flüssiger Stoff. In der Ulmer Bierakademie kann sich jeder wagemutige Trinker ein Zeugnis seines Dursts bestellen. Die FRIZZ-Redakteure Julia und Dominik gehen auf Tuchfühlung.
Von
Julia Haaga, Dominik Schele
Ulm
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  • Spaß an der Arbeit: Das Team der Bierakademie ist immer gut gelaunt.

    Spaß an der Arbeit: Das Team der Bierakademie ist immer gut gelaunt.

    Dominik Schele
  • Die Ulmer Bierakademiker: Tim und Gernot Schuischel (rechts).

    Die Ulmer Bierakademiker: Tim und Gernot Schuischel (rechts).

    Dominik Schele
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Wir haben ein paar Fragen im Gepäck. Dreht sich hier alles um den Gerstensaft? Welches Publikum findet man hier? Wir fragen bei Tim und Gernot Schuischel in der Kneipe am Gänstor nach.Donnerstagnachmittag. Tim steht hinter der Theke. Ein Fels in der Brandung für alle Feierabendbier-Trinker. Seit ein paar Jahren ist er der neue Wirt der Bierakademie, die bereits seit 1980 eine feste Institution der Ulmer Kneipenlandschaft darstellt. Obwohl Tim mit seinen 28 Jahren etwas jung hinter der wuchtigen Theke aus Buchenholz wirkt, ist er der geborene Wirt. Immer cool. Immer auf Augenhöhe. Immer mit einem offenen Ohr für die Gäste. Apropos: Was für ein Publikum haben wir hier eigentlich? Studenten, Juristen, Touristen, Designer, Untermieter, Pensionäre. Kurzum: alles von A bis Z. Hier ist es vollkommen egal, was außerhalb im Ulmer Alltag passiert. Es sind nicht nur alle willkommen, sie kommen auch alle. Wer kein Diplom hat, der macht eben eins.„Man kann unser Publikum gar nicht so richtig beschreiben. Egal ob jung oder alt, männlich oder weiblich, einheimisch oder von außerhalb, allein oder in der Gruppe ... in der Bierakademie hast du alles“, fasst Tim zusammen, während er lässig an der Theke lehnt.

Der Durst macht Schule

„Wer einmal an der Theke sitzt, der kommt so schnell nicht wieder los“, wirft „Dozent“ Daniel ein. Einstmals Stammgast, füllt er inzwischen fleißig die Krüge. Souverän jongliert er sein Tablett durch die enge Gasse entlang der Theke. „Habt ihr Feierabend? Wollt ihr ne Schelle …?“, fragt Tim und knallt uns schwungvoll eine Flasche vor den Latz: „Der Kräuterlikör heißt so. Anis, Rosmarin, Thymian, Zimt und ein bisschen Chili. Der echte Hit! Ich schenk euch mal ein Tröpfchen ein.“Tim ist für das operative Geschäft zuständig, Gernot für alles im Hintergrund – für das Administrative. Für Tim, der zur Arbeit ein Shirt mit dem Aufdruck „Professor“ trägt, bedeutet das Kneipenführung. „Zuständig für Getränkeausschank und die Diplome.“ Gernot verweilt auf der anderen Seite der Theke und kümmert sich um die Buchhaltung „und den anderen Papierkram“. Das hat er als Abteilungsleiter bei einer Krankenkasse im Beitrags- und Versicherungsrecht sehr lange praktiziert. „Obwohl ich nie ein Schreibtischtäter werden wollte.“ Für ihn stand schon immer fest: „Eines Tages besitze ich eine Kneipe …“ Sein Shirt trägt die Aufschrift „Patron“.

Die Bierakademiker

Da wir selbst noch im Dienst sind, hat sich Gastro-Oberhaupt Gernot bereit erklärt, das Bier-Diplom, genauer gesagt das Ulmer Diplom abzulegen. „Das sollte man ohnehin regelmäßig erneuern.“ In der Bierakademie gibt es drei Diplome: das Ulmer, das Münchner und das Ladies-Diplom.Für das anschließende Foto stellt Tim die Getränke der Reihe nach entlang der Theke auf. „Normalerweise schenke ich die natürlich nicht auf einmal aus, das ist jetzt nur für Demonstrationszwecke.“

Gernot und das Ulmer Diplom

Zurück zum Diplom. Gernot hat mit einem Münchner Spaten Hell begonnen, das, ehe wir uns versehen und abgelenkt von Tims Schelle, bereits leer ist. Nummer zwei: Kronen Keller-Pils. Nachdem sich Gernot zum Pumator, einem recht süffigen Brauwerk eines Ein-Mann-Betriebes, durchgearbeitet hat, steht mit einem Mal das Thema „Schnupftabak“ im Raum. „Dazu hab ich hinten was ganz Besonderes. Moment ...“, sagt Gernot und lässt uns kurz allein. Dann stehen da mit einem Mal drei verschiedene Schnupftabake, eine Schachtel mit Munition und ein hölzernes Ungetüm auf dem Tresen. Gernot erklärt uns, wie diese „Schnupftabakmaschine“ funktioniert. Nach einer kurzen Vorführung stellt er die Frage aller Fragen: „So, wer möchte?“Während Redakteur Dominik so tut, als hätte er besonders wichtige Einstellungen an der Kamera vorzunehmen, erklärt sich Kollegin Julia direkt dazu bereit und lässt sich die Prozedur noch einmal erklären. „Welchen Schnupftabak möchtest du denn haben? Der ist recht mild, der etwas stärker und der ziemlich stark“, fragt Gernot. Julia deutet auf den Starken. Die Maschine ist geladen, sie positioniert sich und es geht los. Hebel ziehen, Knall und rüber zum Gamsbart. Was folgt sind sechs Nieser und ein anerkennendes Nicken von Gernot. „Dozentin“ Lucy, die zwischenzeitlich ihre Schicht begonnen hat, grinst, während sie ein Weizen zapft. Sie kennt das Spielchen.

Geschichten aus der Bierakademie

„Hier sind schon einige Dinge passiert“, lacht Tim. „Eine Gruppe junger Amerikaner, um die zwanzig, die auf Europatour waren, haben unser Bier nicht so gut vertragen. Irgendwann am Abend höre ich einen mächtigen Lärm aus dem Herrenklo. Einer ist auf das Urinal gefallen und hat es dabei aus der Wand gerissen …“ Aus versicherungstechnischen Gründen wurde der Schaden aufgenommen, ehe die Amerikaner weiter Europa bereisten. „Am Ende ihrer Tour kamen die Jungs aber nochmal zurück, um sich zu vergewissern, dass das Urinal inzwischen wieder an Ort und Stelle ist.“Ein Gast erzählt, er habe seine jetzige Frau in der Bierakademie kennengelernt. Zur Hochzeit war Tim daher natürlich auch eingeladen. Ehrensache. „Das hat mich total gefreut und es war eine richtig coole Feier“, meint der Wirt. Dann gibt es ganz kurz ein kleines Missverständnis am Tresen. Ein junger Gast will sich an einen besonderen Platz setzen. Der ist am Ende der Theke in einer Nische und eigentlich mit einer Kordel abgetrennt. „Dozentin“ Lucy erklärt ihm kurz, dass es sich hierbei um Gernots Chef-Platz handelt. Der junge Mann entschuldigt sich und setzt sich sofort um. „Ich dachte mir, wenn ich schon eine eigene Kneipe habe, dann will ich auch meinen eigenen Platz“, erklärt Gernot lächelnd.Draußen gibt es derweil Wurstsalat sowie Wurst- und Käseplatten. „Top-Qualität. Die Wurst bekommen wir von der Metzgerei Rauner in Dellmensingen“, meint Tim, während er zwei Teller balanciert. Nebenher machen sich einige Damen an das Ladys-Diplom. Gernot weiß: „Der Geschmack der Ulmer hat sich über die Jahre verändert. Früher haben die Damen ganz süßen Sekt getrunken.“ Hat sich da so viel verändert? Blick auf das Ladys-Diplom: Prosecco. Weinschorle, Tequila Rosé, Wodka Jungle, Kir, Bellini, Saurer Joster und ein Apfelstrudel in Likörform.

Es ist vollbracht

20 Uhr, es läuft Guns ‘n‘ Roses. Ulmer Zielwasser und ein Kellerweizen von Gold Ochsen sind mittlerweile über die Theke gewandert. Ein paar neue Gäste machen sich neugierig daran, den Zustand von Patron Gernot zu überprüfen. „Alles gut.“ Noch ein Gold Ochsen Original und ein Uli von der Berg Brauerei zum Abschluss, dann ist das Diplom für die kommenden Jahre aufgefrischt.„Ein Kinderspiel“, wie Gernot versichert, während er die Schnupftabakmaschine sorgsam wie ein Tabernakel aus der Kirche wieder hinter der Theke verstaut. „Solange ich hier stehen kann, werde ich Bier ausschenken“, bekräftigt Tim zum Abschluss, ehe er Vater Gernot sein aktuelles Ulmer Bierdiplom beurkundet.

[frizz]

Ulmer Bierakademie

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