Andreas Gerstenberger ist mit einem strahlenden Lächeln und einem Kehrbesen unterwegs. Kurz vor Feierabend im Tiergarten Ulm. Störe und Leguane, Äffchen und Erdmännchen sind sicher und zufrieden in ihren Aquarien, Terrarien, Außengehegen und Volieren. Als Praktikant hat Andi in der Friedrichsau angeheuert und sich 2005 gegen 360 Mitbewerber durchgesetzt. „Das musste einfach sein“, sagt Andi, der weder Wind noch Wetter scheut und täglich um 7 Uhr beginnt, um seine ersten Runden durch das Außengehege zu drehen und um nachzusehen, ob all seine Schützlinge wohlauf sind. Anakonda Angelo hatte kürzlich eine Zyste, die entfernt werden musste. Die Nachfrage beim Tierarzt stellte nicht nur Tierpflegeleiter Andi, sondern auch Bereichsleiterin Dr. Stefanie Kießling zufrieden. „Der Tierarzt erklärte uns, dass unser Angelo schon wieder sehr zickig sei. Für uns ein gutes Zeichen“, lacht Stefanie.

Reptilienfans, aufgepasst!

Ein wenig umgänglicher sind die beiden sonnengelben Tigerpythons Ronja und Raja, die sich ineinander geschlängelt in einer Terrarienecke verschanzt haben und mit stoischem Reptilienblick jede Bewegung außerhalb verfolgen. Würgeschlangen, Anakondas, Pythons und Boas bekommen nur totes Futter zum Fressen. „Das Füttern von lebenden Beutetieren ist für die meisten Tiere in menschlicher Obhut nicht zwingend notwendig, so dass wir wenn möglich darauf verzichten“, erklärt Biologin Stefanie.

Ein Zuhause für Exoten

Im Ulmer Tiergarten geht man auf Nummer sicher, so wie bei den beiden Kapkobras Tristan und Isolde. Beide sind noch im Besitz ihres Gifts. „Aus diesem Grund wird ihnen auch nur dann Futter bereitgelegt, wenn sie in ihren Schlupfkästen verweilen. Das ist auch heute der Fall. Das Gift der Kapkobra, ,Naja nivea‘, kann einen Menschen schon nach einer Stunde das Leben kosten. Kleintieren wie Echsen, Fröschen und Vögeln wird das Gift meist bereits nach wenigen Sekunden zum tödlichen Verhängnis. Ein paar Tiere hier stammen aus Auffangstationen, wie der Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen. „Ein Tierheim für Wildtiere und Exoten“, erklärt Andi. Auch die beiden Brillenkaimane Amy und JJ kommen von dort. Ein Besuch am Sonntagnachmittag zeigt: Amy und JJ sind in träger Sonntagsstimmung. Kaimane, die zu den Krokodilen gehören, können stundenlang bewegungslos verharren. Einige Kinder drücken sich die Nase am Gitter platt, doch das bringt die beiden Reptilien nicht aus der Ruhe. „Amy wurde aus nicht artgerechter Privathaltung befreit. JJ war in der Vergangenheit ein Zirkustier. Immer wieder musste er neugierigen Besuchern für Streicheleinheiten herhalten. Das hat ihn vermutlich geprägt und ihn über die Jahre nervös gemacht. Grundsätzlich werden die beiden immer von zwei Tierpflegern gefüttert … JJ macht manchmal auch einen flinken Sprung nach vorn“, erzählt Andi. Im Tropenhaus haben die beiden 2011 ein artgerechtes Zuhause gefunden.

Ein Krokodil mit 45 Km/h

Brillenkaimane wirken auf den ersten Blick wie ganz normale Krokodile, doch bei genauerem Hinsehen fällt die markante Prägung zwischen den Augen auf. Ein bisschen, als würden die Reptilien eine Sehhilfe tragen. Brillenkaimane sind nicht nur im Wasser gut „zu Fuß“. Erfordert es die Nahrungssuche, begeben sich die Krokodile an Land und legen selbst längere Wanderungen auf festem Boden zurück. Dabei schaffen es die Reptilien auf bis zu 45 Kilometer in der Stunde. „Jeder Mensch wird von den Tieren anders wahrgenommen“, weiß Andi, der inzwischen auch den Nachwuchs des Tiergartenpersonals ausbildet. „Reptilien wie Geckos, Leguane und Schlangen haben durchaus auch ihre Bezugsperson. Sie erkennen den Menschen, der sie regelmäßig füttert und treten manchmal sogar in Futterstreik, wenn dieser Mensch im Urlaub ist. Reptilien sind ziemlich penibel.“ Andi lacht herzhaft. „Ja, sie bevorzugen eine klare Linie. Unser Leguan zum Beispiel, der erkennt am Schnitt der Salatgurke, wenn sein Tierpfleger außer Haus ist. Dann lässt er sein Futter auch mal zwei Tage aus Protest liegen.“

Die Affen-Schildkröten-WG

Im Tropenhaus geht die Führung weiter zu den Weißbüscheläffchen. Hier residiert Affenmännchen Chicco in einer immergrünen Dschungelatmosphäre mit Waldschildkröte Waldter. Der Grund? „Chicco ist ebenfalls über den Tierschutz zu uns gekommen. Da er eine Handaufzucht ist, verträgt er sich leider nicht mit seinen Artgenossen. Waldter hingegen wurde den Schildkrötendamen in der gegenüberliegenden Großvoliere zu aufdringlich. Deswegen musste er ausquartiert werden. Waldter und Chicco leben in einer Win-win-Situation“, versichert Andi. Und das funktioniert überaus gut. „Zwar klaut Chicco Waldter ab und an etwas von seinem Futter – dafür hat er einen entspannten Platz in der großen Dschungelvoliere und keiner von beiden ist ganz allein.“

Erkennungszeichen Schlüssel

Wenn Andi morgens seinen Rundgang fortsetzt, wird er meist mit einem schrillen Ihhh-Aaaahhh von Esel Gandalf begrüßt. „Ein echter Begeisterungsschrei.“ Die meisten Tiere erkennen Andi bereits am Klappern der Schlüssel. In der Tat ist es ein recht großer Schlüsselbund, der Andi bei seinen Tieren verrät. Jetzt geht es zu Jala, Jack und Mika, der Erdmännchenfamilie und den echten Besucherlieblingen des Ulmer Tiergartens. „Bei den Erdmännchen haben die Weibchen das Sagen. Durch Rangkämpfe entscheidet sich, welches Weibchen eine Familie gründen darf. Alle anderen sind für die Versorgung des Nachwuchses zuständig und agieren als Babysitter.“ Vor Corona verzeichnete der Tiergarten fast 200.000 Besucher jährlich. „Auch während der Pandemie haben unsere Besucher alles gegeben“, erklärt Stefanie stolz. „Sie stellten sich tapfer den Einschränkungen, Test- und Hygienevorschriften. Aber natürlich gab es herbe Einnahmeverluste, insbesondere in den Lockdown-Zeiten.“
Draußen wälzt sich Hängebauchschwein Franz gemütlich in der Sonne. Von weitem erkennt Franz seinen Bezugsmenschen und läuft grunzend auf ihn zu. Erst wenn Andi Franz am Bäuchlein gekrault hat, darf er weiter seine Arbeit verrichten. Dazu gehört neben dem Ausmisten der Außenbereiche auch das Tiertraining, „und hoffentlich bald wieder Schaufütterungen mit den Brillenkaimanen“.

Ein Freigänger namens Pfau

In der Sonne haben es sich Familien vor dem Imbiss gemütlich gemacht. Es duftet nach Waffeln und Pommes. Zwischen den Bänken stolzieren Pfauen umher. Stets auf der Suche nach ein paar Pommes, die die hungrigen Münder verfehlen und stattdessen auf dem Boden landen. Leider werden sie zu oft von Besuchern mit der falschen Nahrung versorgt und können neben krank dann auch aufdringlich werden. „Unsere Pfauen sind Freigänger. Auch wenn sie wie Hühner flattern können, verlassen sie den Tiergarten nicht. Hier fühlen sie sich wohl. Übernachtet wird auf den Bäumen der Bauernhofgehege.“ Einige Pfauen haben es jetzt auf das Tiergartendach geschafft, um ihr blau-schillerndes Gefieder in der Sonne aufzuwärmen.
[frizz]

Wissenswertes über den Tiergarten Ulm

Der Tiergarten Ulm ist täglich zu den Sommer­öffnungszeiten von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Er ­verfügt über ein Aquarium, Terrarien-Tiere, ein Tropenhaus sowie eine Außenanlage mit heimischen Tieren. Herzlich willkommen sind auch Tierpaten. Mit einer Tierpatenschaft von 20 bis 150 Euro erhalten die Paten kostenlosen Eintritt beim Patentag und beim Grillfest. Die Mitgliedschaft, die für eine Tierart nach Wahl übernommen werden kann, endet nach einem Jahr automatisch.
 
Webseite:
tiergarten.ulm.de
 
Telefon:
0731 161-6742
 
E-Mail:
tiergarten@ulm.de