Wenn ein Auftraggeber mit dem Winkelmesser käme, auf säuberlich gehobeltes Holz und schnurgerade Balken bestünde, der Krippe eine absurde Perfektion verleihen wollte, „dann“, sagt Thomas Mader, „tät ich den Auftrag verweigern“. Aber zum Glück konnte der 52-Jährige bislang ausschließlich Krippen bauen, die ihm selbst gefielen. Das Holz bricht er von Hand und baut daraus Dachschindel, in der Natur sammelt er Wurzeln, Äste, Moos, und auf die weißen Wände seiner Krippen tupft er mit Pulverfarben die Verwitterung. So entstehen Bauten, die täuschend echt wirken, weil sie so wenig perfekt sind wie die Realität, nach deren Abbild sie geschaffen sind, mit krummen Balken, Rissen in den Mauern, Verwitterung im Holz.
Er sehe in den Krippen auch die Symbolik eines alten, einfachen Stalls, in dem das neue Leben geboren werde, sagt er. „Ich lege viel Wert auf die Details.“ Bis zu 150 Stunden arbeitet Mader an einem größeren Model. Das Krippenbauen ist sein großes Hobby. Doch mehr als ein oder zwei Aufträge im Jahr nimmt Mader nicht an, sonst würde sich der Spaß in Stress verkehren.
Unter der Woche arbeitet Mader ganztags als Meister in der Logistik bei Evobus. Dort ist er oft im Gespräch mit Kollegen, Kunden, Vorgesetzten. Wenn er dann abends in seinen Keller geht, das Licht einschaltet, die Krippe vor sich sieht, und sich mit Spachtel, Säge, Bohrmaschine an die Arbeit mache, dann könne er „total abschalten“, sagt er, „Das fühlt sich an, als versinke ich in meine eigene Welt.“
Seine Welt im Keller ist nur wenige Quadratmeter klein, bei größeren Bauten wird es schon mal eng. Vor wenigen Jahren hat Mader expandiert – in die ganze Welt. Seit 2007 vertreibt er über seinen Onlineshop Farben, Bäume, Keramik, Figuren. Unter dem Dach hat Mader ein gut sortiertes Materiallager. Weil er die Materialien ohnehin häufig und in hoher Zahl benötige, lohne sich der Shop.
Mader hat ein Gewerbe angemeldet, die Aufträge laufen gut, doch das Krippengeschäft ist kein Job zum Reich werden. Wegen des Geldes mache er sich die Mühe nicht, sagt der Westerstettener. Manchmal rechne er im Kopf nach, wie hoch der Stundenlohn wäre. Für 150 Stunden Arbeit hat er 600 Euro verlangt, macht 4 Euro auf die Stunde, ohne die Materialkosten mit zu rechnen. Viele Kunden wollen günstigere Krippen, ohne auf die Qualität seiner Handarbeit zu verzichten. Manche reisen dafür durch ganz Deutschland. „Schicken Sie mir doch Bilder, wie sie sich die Krippe vorstellen“, schrieb er einem Kunden aus Leipzig. Doch der Herr wollte ihn persönlich kennenlernen und fuhr extra nach Westerstetten – vor wenigen Monate kam er zum zweiten Mal vorbei, um die Krippe abzuholen.
„Ich mache keine Werbung für meine Krippen“, sagt Mader. „Das lief alles über Mundpropaganda.“ Tatsächlich ist Mader ein alter Hase. Mit 15 Jahren baute er seine Krippe, damals noch für die eigene Familie. „Mit Holz hab ich immer schon gerne gebastelt“, erzählt er. „Aber meine erste Krippe würde ich heute wahrscheinlich furchtbar finden.“ Inzwischen haben sich die Aufträge verselbstständigt. Mader muss jedes Jahr Kunden absagen. Doch dafür bietet er Hilfe zum Eigenbau, mit einem Onlineforum für andere Hobbybauer. Diese Begeisterung lehrt er auch an der Krippenbauschule in Kempten. Dort hat er vor einigen Jahren seinen Krippenbaumeister absolviert. Den Meister kann er auch gebrauchen, denn bei aller Natürlichkeit der Modelle – die Ansprüche vieler Kunden steigen. „Einmal wollte eine Kundin fließend Wasser auf ihrer Krippenplatte.“ Mader tüftelte, baute eine kleine Pumpe ein und Steine, die das fließende Wasser verlangsamen. „Das war eine Herausforderung“, erinnert er sich.
Fast immer habe er die Wünsche seiner Kunden erfüllen können. Nur einem Kunden musste er den großen Wunsch bislang ausschlagen: sich selbst. Seit langem, sagt Mader, träume er von einer Krippe ganz nach seinen Vorstellungen. Inzwischen hat er Schnitzen gelernt, könnte vielleicht sogar die Figuren selbst herstellen. „Das schieb’ ich jedes Jahr auf.“ Aber irgendwann werde er das Projekt in Angriff nehmen, natürlich ohne Winkelmesser. Aber mit gutem Augenmaß.